Warum ist DIE MUSIK STIRBT ZULETZT einzigartig?

Der Luzerner TATORT ist in der TATORT-Geschichte schon deshalb einmalig, weil er ohne Schnitt gedreht wurde. Die Machart überzeugt und macht den Luzerner Krimi zu einem kleinen Meisterwerk. Doch auch aus anderen Gründen stell sich die Frage: Warum ist DIE MUSIK STIRBT ZULETZT einzigartig?

Warum ist DIE MUSIK STIRBT ZULETZT einzigartig?

Die Machart! Der Luzerner TATORT ist von der Machart absolut einmalig, weil er am Stück – als “One-Take”, als “One-Shot”-Tatort – gedreht wurde. In der Postproduktion wurde der Film NICHT geschnitten und montiert. Bisher wurde kein anderer TATORT so gedreht. Inspiriert war Regisseur Dani Levy vom 2015er Film VICTORIA von Sebastian Schipper. Bei diesem TATORT ist aber ein wesentlicher Unterschied zu dem Film von Schipper, dass die Kamera die Perspektive immer wieder wechselt und nicht nur an einer Person “klebt”. Für den Zuschauer bedeute dies auch, dass er mehr weiß als die Ermittler, so Levy.

Warum ist DIE MUSIK STIRBT ZULETZT einzigartig?: “Das Live-Gefühl”

Die logistische Meisterleistung des Teams, allen voran die des Regisseurs Dani Levy und des Kameramanns Filipp Zumbrunn, merkt man dem Film deutlich an. Beim Zuschauer erzeugt dies das Gefühl, in jedem Moment “dabei zu sein”. Regisseur Levy glaubt, dass dieses “Live-Gefühl” einen Sog beim Zuschauer erzeugt und auch dazu führt, dass er sich nicht betrogen fühlt.

Dramaturgisch ist interessant, dass der Film fast nur an einem Ort – dem Luzerner Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) – spielt und deshalb auch als “Echtzeit”-TATORT daherkommt. Wobei Dani Levy das noch mit einer gelungenen und überraschenden Rückblende von 1978 mischt. Diese wurde auch “live” gedreht wurde und unterstreicht die logistische Meisterleistung nur noch.

Warum ist DIE MUSIK STIRBT ZULETZT einzigartig? Der Erzähler – frontal und provozierend

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Andri Schenardi als «missratener» Sohn, Franky Loving, der zugleich als Erzähler mit dem Zuschauer spricht. Bild: SRF/ Pascal Mora
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT
Andri Schenardi als «missratener» Sohn, Franky Loving, der zugleich als Erzähler mit dem Zuschauer spricht. Bild: SRF/ Pascal Mora

Nicht einmalig, aber durchaus Seltenheitswert hatte in diesem Film die Figur des Erzählers. Der begleitet den Zuschauer durch den Film und spricht ihn auf einer zweiten Ebene, durch die “vierte Wand“, an und erklärt und nennt medientypische Film- und Fernsehgesetze und damit auch TATORT-“Regeln” oder -Gebote. Für Levy sei es sehr reizvoll gewesen, einen TATORT-Film zu machen, der die TATORT-Reihe auch mal hinterfragt. Das gehöre in die heutige Zeit, wie Levy  in der Sendung SRF2 Kontext erläuterte.

Die Figur des Erzählers war für den Regisseur aber auch deshalb wichtig, um die Zuschauer zu fordern und die shakespearehafte Konstellation der Milliardärsfamilie Loving, die “ganz schön Dreck am Stecken hat”, aufzuzeigen und zu erzählen – mit einer Erzählerfigur, die ganz sicher nicht zu den Sympathiefiguren des Films zählt, sagte Levy. An der Erzählerfigur hat sich die ARD massiv gestört. Vermutlich ist das auch ein Grund, warum der Luzerner TATORT auf einem unattraktiven Sendetermin läuft.

Der Plot

Der Plot des Films ist für einen Schweizer TATORT sehr gut gewählt, weil es ein relevantes, aber selten erzähltes Schweizer Thema aufbereitet und so auch nur im Luzerner TATORT funktioniert. Damit greift der Film auch den TATORT-Grundgedanken von 1970 auf. Als Krimi ist der Film sicher kein Meisterwerk; die Spannung hält sich in Grenzen und die Erzählweise ist eher konventionell und als klassischer “WhoDunit” konzipiert.

Wo und wie wurde dieser TATORT gedreht?

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT : Vorbereitungen zu den Dreharbeiten im KKL Luzern 2017. Kamermann Filip Zumbrunn musste sogar seine Flüssigkeitszufuhr einteilen, um während der Aufnahmen nicht auf die Toilette zu müssen. Bild: SRF/ Daniel Winkler
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT : Vorbereitungen zu den Dreharbeiten im KKL Luzern 2017. Kamermann Filip Zumbrunn musste sogar seine Flüssigkeitszufuhr einteilen, um während der Aufnahmen nicht auf die Toilette zu müssen. Bild: SRF/ Daniel Winkler

Gedreht wurde direkt im KKL, im Sommer 2017. Zu sehen sind aber auch der Vierwaldstätter See, der Hauptbahnhof und der argentinische Urwald. Wie im Theater wurde der Film fast 4 Wochen täglich geprobt und immer wieder durchgespielt, bis alles saß.

An vier Abenden dann (ab jeweils 21.20 Uhr)  im Sommer 2017 wurde unter Beteiligung von über 1.000 Statisten der Film aufgenommen, ohne dass der Kameramann und die Schauspieler die Aufnahmen abbrechen konnten.  An den ersten zwei Abenden wurde die Schweizer Dialektfassung gespielt, an den letzten beiden Abenden die hochdeutsche Fassung.

Nach jedem Drehtag analysierte das Team den gedrehten Film vom Vorabend. Sie kritisierten, probten neu, kürzten und schrieben gegebenenfalls sogar um. Levy konnte sehen, wo es noch etwas Zeit einzusparen gab oder welche Standpositionen für die Schauspieler oder den Kameramann noch optimierbar waren. Dadurch hatte er das für ihn absolut neue Gefühl, auf den finalen Film noch eingreifen zu können.

Das Team hat sich am Ende für beide Fassungen für die jeweils zweite Aufnahme als Sendefassung entschieden. Die deutsche Fassung hat eine Sendelänge von 87:47 Minuten , die Dialektfassung ist geringfügig kürzer: 87:31 Sekunden.

Warum ist DIE MUSIK STIRBT ZULETZT einzigartig – Wie wurde der Ton bei diesem TATORT aufgenommen?

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Vorbereitungen zu den Dreharbeiten im KKL Luzern Bild: SRF/ Daniel Winkler
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Vorbereitungen zu den Dreharbeiten im KKL Luzern Bild: SRF/ Daniel Winkler

Jeder Schauspieler war mit einem eigenen Tonaufnahmegerät (Lavallier-Mikrofon mit Rekorder) ausgestattet. Der Film besteht zu fast 100% aus dem Originalton von den Aufnahmen im KKL. Grund für diese Lösung war, dass der Tonangler nicht in jedem Ort arbeiten konnte, weil dort nicht alles eingefangen werden konnte oder weil einige Orte akustisch ungeeignet waren. Der Tonangler ist der Tontechniker, der mit einer langen Stange das Mikrofon in den Raum hält und dabei aufzeichnet.

Neben den 37 Sprechrollen-Mikrofonen kamen noch 16 Stützmikrofone und 11 Stereo-Atmo-Mikrofone für die Musik und Massenszenen hinzu,  zwei geführte Tonstangen und das Kamera-Mikrofon. Zusammen ergab das 82 Tonspuren auf insgesamt 57 dezentral verteilte, autonom und unkontrolliert aufzeichnende Audio-Rekorder. Dieter Meyer, der Tontechniker von DIE MUSIK STIRBT ZULETZT, musste all diese Aufnahmen als Dateien bis 3 Uhr früh morgens dann speichern und sichern, bevor er nach jedem Take Feierabend machen konnte.

War die Orchester-Musik live oder Playback?

Im Prinzip hat sich das Team für eine Playbacklösung entschieden, weil eine Liveproduktion mit einem aus filmisch interessanten Musikern sowie mit Schauspielern an Piano und Klarinette zusammengesetzten Orchester, welches von einem Schauspieler als Dirigenten geführt, mit genauem durch die Szenen vorgegebenem Zeitplan aufspielen musste, und sich dabei noch nie vor dem Einsatz im KKL getroffen hatte – sehr riskant gewesen wäre, wie Tontechniker Dieter Meyer erklärte. Für Regisseur Levy  war es wichtig, für besondere Momente des Films ein richtiges Timing zu haben, d.h. beim Betreten des Teams in den Konzertsaal musste auf Befehl ein bestimmtes Stück eingespielt werden oder ein Applaus die Musik unterbrechen (können).

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Das JCOM bei den Vorbereitungen zu den Dreharbeiten im KKL Luzern 2017 Copyright: SRF/ Daniel Winkler
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT
Das JCOM bei den Vorbereitungen zu den Dreharbeiten im KKL Luzern 2017 Copyright: SRF/ Daniel Winkler

Es wurden dabei Aufnahmen ohne viel Rechteabgeltung – also kostengünstige Stücke – gesucht. Andere, teurere Stücke, wurden im Studio vorproduziert. Diese Aufnahmen wurden dann mit Einzählern versehen und als möglichst leises Play-back über die im Orchester verteilten Lautsprecher im richtigen Takt und Timing eingespielt.  Der ganze Klang des effektiven Musikspiels des Orchesters wurde über eine Konzert-Mikrofonie aufgezeichnet. Zusammen mit der Akustik des KKL ergab dies eine sehr transparente Aufnahme von genügender Qualität.

Warum ist das Bild einige Male unscharf?

Der Kameramann Filip Zumbrunn lief komplett allein durch das KKL und hatte auch keinen Schärfezieher dabei, wie sonst üblich beim Film. Dadurch sind einige Bilder für wenige Sekunden unscharf, weil die Kamera “live” fokussieren musste.