Lohnt sich der Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN?

TATORT BREMEN

WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN am Montag (22.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Durch Zufall entdecken Bauarbeiter die unter einer Straße verborgene Leiche einer Frau. Bei den Mordermittlungen stechen die Bremer Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in ein feingewebtes Netz aus Korruption und illegalen Geldgeschäften. „Sprich mit mir!“ Stedefreund scheint wichtige Informationen für sich zu behalten. Die Situation eskaliert. (Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Stedefreund (Oliver Mommsen)) Bild: © Radio Bremen/ ARD Degeto/ Christine Schroeder
WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN am Montag (22.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Durch Zufall entdecken Bauarbeiter die unter einer Straße verborgene Leiche einer Frau. Bei den Mordermittlungen stechen die Bremer Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in ein feingewebtes Netz aus Korruption und illegalen Geldgeschäften. „Sprich mit mir!“ Stedefreund scheint wichtige Informationen für sich zu behalten. Die Situation eskaliert. (Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Stedefreund (Oliver Mommsen)) Bild: © Radio Bremen/ ARD Degeto/ Christine Schroeder

22 Jahre, 39 Fälle – für Inga Lürsen, der spröden Bremer Ermittlerin, ist es „Zeit zu gehen, wenn es am schönsten ist“. Tatsächlich hat der Bremer Tatort sich vom Mauerblümchen der Reihe zu einem interessanten Experimentierlabor entwickelt, der immer wieder auch Außergewöhnliches wagte und damit entweder beachtliche Erfolge einfuhr oder spektakulär gescheitert ist. Langeweile jedenfalls konnte man dem Bremer Team nicht vorwerfen. Nun also ist Schluss. Ein letztes Mal noch wird das beschauliche Bremen zum Zentrum der absonderlichsten Verbrechen. Lohnt sich das?

Worum geht es im Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN?

Da ist wohl etwas schiefgegangen beim mafiaesken Leichenentsorgen: Eigentlich sollte die junge, strangulierte Frau für immer unter dem Asphalt einer neu gezogenen Straße verschwinden, nun wurde sie aber zu noch rezenter Zeit, also weitgehend frisch, wieder ausgebuddelt. Das Opfer war Sekretärin einer Immobilienfirma, die vom Spross einer tschetschenischen Familie geleitet wird, und wo Tschetschene draufsteht, so will es das Gesetz des Fernsehkrimis, da liegt dann eben auch bald schon eine Leiche im Keller beziehungsweise eben in der Baugrube.

WO IST NUR MEIN SCHJATZ GEBLIEBEN? Das Bremer Team nimmt seine Ermittlungen auf. (v.l.: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner)) Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder
WO IST NUR MEIN SCHJATZ GEBLIEBEN? Das Bremer Team nimmt seine Ermittlungen auf. (v.l.: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner)) Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Die Bremer Kommissare Lürsen und Stedefreund erfahren beim gemeinsamen Tandem-Fallschirmsprung von ihrem letzten Fall, den auch ein BKA-Ermittler-Duo interessiert, die am Mafia-Clan dran sind und bagatellige Mordaufklärungen eher hinderlich finden, wenn es um die große Sache geht.

Und worum geht es wirklich im Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN?

Um Team-Partnerschaften.

Die Bremer Abschiedsfolge nach 22 Jahren Lürsen und immerhin 33 gemeinsamen Lürsen/Stedefreund-Fällen – vier Mal ermittelte Lürsen ohne ihn – beschäftigt sich vor allem mit dem Team Lürsen/Stedefreund, das wenig überraschend noch einmal auf eine finale Probe gestellt wird. Denn Stedefreund scheint ein dunkles Geheimnis zu haben, dass er uns jahrelang erfolgreich vorenthalten hat.

Dramatik pur: Stedefreund und Lürsen geraten aneinander
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN: v.l.: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), BKA-Ermittler Maller (Robert Hunger-Bühl), BKA-Ermittler Kempf (Philipp Hochmair), Bild © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN: v.l.: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), BKA-Ermittler Maller (Robert Hunger-Bühl), BKA-Ermittler Kempf (Philipp Hochmair), Bild © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Und das ist mit dem BKA-Ermittlerteam verwoben. Das wiederum ebenfalls vor allem um sich selbst kreist. Seltsam abgehoben vom Rest der Welt hausen die beiden Bundesermittler in einer verlassenen Bundesbankfiliale, der Jüngere ein psychopathisch wirkendes Drogenwrack, der Ältere in fast zärtlicher Liebe besorgt um den Kollegen. Auch diese beiden stehen – das wird rasch klar – vor dem gemeinsamen Absprung. Zum krönenden Abschluss wollen sie aber noch die Tschetschenen-Mafia knacken und so ihre Laufbahn zu einem in jeder Hinsicht lohnenden Abschluss bringen. Da stören Mordermittler, die die großen Linien nicht sehen, letztlich nur.

Mordkommission gegen das BKA – Lürsen hat eine eindeutige Position

Abschiedsfolgen sind ja immer eine ziemliche Bürde. Wie gehen die Bremer damit um?

Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZI GEBLIEBEN: Der Mageninhalt der Toten liefert dem Bremer Ermittlungsteam Hinweise auf den Todeszeitpunkt, v.l.: Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN: Der Mageninhalt der Toten liefert dem Bremer Ermittlungsteam Hinweise auf den Todeszeitpunkt, v.l.: Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Man merkt dem Film durchaus an, dass er das große Rad drehen will. Noch einmal das Ermittler-Duo ins Zentrum rücken, dabei alle Nebenfiguren der jüngeren Vergangenheit nochmals auf die Bühne bitten, das Verhältnis der Ermittler gespiegelt im ungleichen BKA-Paar, ein außergewöhnlicher Plot soll es natürlich auch noch sein, nicht irgendeine 08/15-Eifersuchtsermittlung, nicht zu vergessen der zeitgeschichtliche Anspruch, also muss auch noch was Aktuelles rein, und möglichst spannend und bildgewaltig und geheimnisvoll dräuend und dramatisch – alles halt möglichst groß. Darunter kann ein Film durchaus zusammenbrechen.

Dass WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN? das nicht tut, ist schon mal eine ordentliche Leistung.

Wie fügt WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN? sich in die Bremer Tatort-Tradition?

Im Grunde bleibt Radio Bremen damit auch seiner bisherigen Tatort-Linie treu.

Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZI GEBLIEBEN: Bei den Mordermittlungen stechen die Bremer Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in ein feingewebtes Netz aus Korruption und illegalen Geldgeschäften. Roger Stahl (Kostja Ullmann) steht mit der Immobilienentwicklungsfirma im Visier des BKA und gerät zunehmend unter Druck.Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN: Bei den Mordermittlungen stechen die Bremer Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in ein feingewebtes Netz aus Korruption und illegalen Geldgeschäften. Roger Stahl (Kostja Ullmann) steht mit der Immobilienentwicklungsfirma im Visier des BKA und gerät zunehmend unter Druck.Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Denn obwohl der kleinste und finanzschwächste Sender, hat man im Norden immer wieder allerhand gewagt und auch leicht größenwahnsinnige Geschichten umgesetzt – mal mit Erfolg, mal war es peinlich, aber letztlich muss man zugestehen, dass die Bremer oft volles Risiko gefahren sind und sich nicht auf eine sichere Bank verlassen haben.

So gesehen bildet WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN? den konsequenten Abschluss einer durchaus bemerkenswerten Tatort-Ära.

Das gilt umso mehr, da das Ermittler-Duo auf den ersten Blick immer eher spröde daherkam. Weder Lürsen noch Stedefreund waren als das gezeichnet, was starke Ermittlerfiguren heute gerne ausmacht: Sie waren keine durchgeknallten Einzelgänger, keine suizidalen Grenzgänger, keine inselbegabten Soziopathen, keine modernen Großstadtamazonen, keine coolen Hunde, keine launigen Zyniker. Sondern eigentlich ziemlich durchschnittliche Typen: Lürsen als Altachtundsechzigerin, die fast ihren Frieden mit dem System beim Gang durch die Institutionen gemacht, sich aber einen Rest des früheren Idealismus bewahrt hat und ansonsten mit den ganz alltäglichen Konflikten zwischen Karriere und Familie (als Alleinerziehende) kämpfte, Stedefreund als immer eher biederer Durchschnittspolizist ohne allzu markante Eigenschaften, der halt einfach seinen Job machte.

Der Reiz des Bremer Teams bestand nicht zuletzt darin, diese Normalos dabei zu beobachten, wie sie gegen Polit-Verschwörungen, James-Bond-Gegner-würdige Welteroberungswahnsinnige, Umweltterroristen, gewalttätige Sekten oder vollends psychopathische Massenmörder anermittelten. Das war eigentlich immer schon leicht drüber, und so ist es bei der Abschlussfolge nun eben auch.

Der Mörder ist immer der BKA-Beamte, oder?

Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZI GEBLIEBEN: Mit fragwürdigen Methoden versuchen die BKA-Ermittler Kempf und Maller die Mordermittlungen zu verhindern. (v.l.: BKA-Ermittler Kempf (Philipp Hochmair) und Maller (Robert Hunger-Bühler), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen)) Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZI GEBLIEBEN: Mit fragwürdigen Methoden versuchen die BKA-Ermittler Kempf und Maller die Mordermittlungen zu verhindern. (v.l.: BKA-Ermittler Kempf (Philipp Hochmair) und Maller (Robert Hunger-Bühler), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen)) Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Sagen wir mal so: Wenn ein Tatort-Drehbuchschreiber mal einen wirklich außergewöhnlichen Film verwirklichen will, dann sollte er nicht nur Tschetschenen in den Plot einbauen, die, sagen wir, einen Yoga-Workshop und sonst nichts leiten, sondern auch einen BKA- oder BND-Bediensteten erfinden, der einfach nur ein netter Typ ist und grundsolide seine Arbeit im Dienste der Allgemeinheit macht.

Auf so etwas Abgefahrenes ist noch keiner gekommen bisher. Ganz so experimentell ist natürlich auch Radio Bremen nicht. Dass mit den beiden BKA-Bros also etwas nicht stimmt, ist im Grunde schon in der ersten Einstellung klar. Trotzdem ist WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN? durchaus anzurechnen, dass die Bundesbeamten hier recht vielschichtig und nicht uninteressant gezeichnet werden. Es entsteht sogar ein Subtext, der neben der vordergründigen Aktualität um verbrecherische Immobilienhaie und Tschetschenen ebenfalls ziemlich gut in die Zeit passt, nämlich der Zwiespalt verdeckter Ermittlungen und der Preis, den die Undercover-Agenten dafür bezahlen.

“Nicht jede Wahrheit muss ans Licht” – oder?
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZI GEBLIEBEN: Hält Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) wichtige Informationen zurück? Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZI GEBLIEBEN: Hält Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) wichtige Informationen zurück? Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Zerrieben zwischen den Fronten und den Ansprüchen, zermürbt von dem Zwiespalt, mit den Bösen verkehren und für das Gute kämpfen zu müssen, allein gelassen von Staat und Gesellschaft finden sich hier zwei Teams auf unterschiedliche Weise nur auf sich selbst zurückgeworfen wieder. Wenn der eine BKA-Ermittler väterlich den Kollegen aus dem Drogenrausch weckt, hat das jedenfalls eine anrührende Stärke, die so gar nicht in die üblichen Stereotype der bösen Bundeskriminaler passt.

Wie glaubwürdig, wie plausibel ist der Plot in WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN?

Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZI GEBLIEBEN: Durch Zufall wird bei Bauarbeiten unter einer Straße die Leiche einer Frau gefunden. (v.l.: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner)) Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZI GEBLIEBEN: Durch Zufall wird bei Bauarbeiten unter einer Straße die Leiche einer Frau gefunden. (v.l.: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner)) Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Ach, Gottchen.

Plausibilität war in Bremen ja selten das Hauptkriterium. Die letzte Folge ist nicht gerade darauf angelegt, dieses Bild nun in eine völlig andere Richtung zu rücken. In sich geht der Plot durchaus auf, und das ist doch immerhin schon mal was.

Ist WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN? eine würdige Abschlussfolge?

Unbedingt.

Alle treten noch mal auf: Stedefreunds Ex, die leicht aspergerische Profilerin und Superwoman Linda Selb, ist noch einmal mit dabei und voll im Geschehen, Lürsens Tochter darf noch mal als Lürsens Vorgesetzte besorgt in die Kamera schauen, und Gerichtsmediziner Dr. Katzmann zelebriert ein letztes Mal seine Mischung aus Faszination am Morbiden und Bodenständigkeit.

Im Zentrum stehen aber uneingeschränkt Lürsen und Stedefreund, die noch einmal alle Phasen des klassischen Dramas durchlaufen können, bis zur an Schimanskis Abgang gemahnenden Schlussszene. Und das alles durchaus interessant und mit einem richtigen Fall verknüpft. Mission accomplished.

Und lohnt er nun, der letzte Lürsen-Tatort?

Na klar.

Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN: Ein gutes Team bis zum Schluss: Die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen). Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder
Tatort WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN: Ein gutes Team bis zum Schluss: Die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen). Bild: © Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Für Tatort-Junkies natürlich sowieso, wer würde sich schon eine Abschlussfolge entgehen lassen. Aber auch ohne diesen serientechnischen Überbau ist WO IST NUR MEIN SCHATZ GEBLIEBEN? ein recht unterhaltsamer, nicht allzu vorhersehbarer Krimi geworden.

Kein cineastisches Meisterwerk, kein großes Experimentier-TV, keine tiefgründige Charakterstudie – sondern ein passender Abschluss einer 22-jährigen Tatort-Ära, der trotzdem noch ein wenig angenehm jenseits der ausgetretenen Pfade verläuft, ohne irgendwen zu überfordern.

Damit entlasse ich Frau Lürsen mit abschließenden 8 Punkten in der Tatort-Rangliste in den filmischen Ruhestand. War ´ne schöne Zeit.