Tatort TREIBJAGD – Interview mit der Regisseurin Samira Radsi

TATORT: HAMBURG

Tatort TREIBJAGD - alle Fäden laufen bei ihr zusammen, der Regisseurin Samira Radsi. Bild: NDR/privat
Tatort TREIBJAGD - alle Fäden laufen bei ihr zusammen, der Regisseurin Samira Radsi. Bild: NDR/privat

„Soziale Medien schaffen eine Realität, die mit dem, was tatsächlich stattfindet, nichts mehr zu tun hat“

Über Soziale Medien, den Reiz des Stoffes und über ihre Inszenierung des Tatort TREIBJAGD – Interview mit der Regisseurin Samira Radsi

Der Film erzählt von Menschen, die um ihr Hab und Gut fürchten und der Polizei nicht mehr vertrauen. Was hat Sie an der Story gereizt?

Was ich wirklich toll an dem Buch finde, ist die Vielschichtigkeit, die zwei Seiten einer Medaille. Die Polizei ist unterbesetzt und es müssen die Bundespolizisten Falke und Grosz bei einer  Einbruchs-Soku mitmachen. Der Falke sagt ja schon zu Beginn, das bringt alles nichts,wir müssen die Einbrecher doch immer wieder laufen  lassen, weil wir nicht genügend Beweise haben.  Deshalb fühlen sich die Menschen in der Vorstadt allein gelassen, und dann driften sie in so eine Art Bürgerwehr ab. Das fand ich einen interessanten Aspekt. Man macht ihnen das zum Vorwurf und sagt, ihr könnt nicht eure eigenen Strukturen aufbauen und Selbstjustiz ausüben. Aber natürlich kann man das auf der anderen Seite auch verstehen, wenn man ein Haus hat und sich da nicht mehr sicher fühlt. Dann geht so ein Schritt schneller, als man denkt. Den Autoren ist es extrem gut gelungen, die Ambivalenzen dieser Problematik auszuloten und eine Geschichte zu erzählen, die überhaupt nicht vorhersehbar ist.


Die Regisseurin Samira Radsi


Samira Radsi war nach ihrem Studium zwei Jahre als Producerin in Irland und anschließend fünf Jahre als freiberufliche Regieassistentin in Deutschland tätig. Sie absolvierte die Hamburg Mediaschool und Fortbildungskurse an der University of Calicornia Los Angeles UCLA. Samira Radsis Kurzfilm „Survival of the Fittest“ (2003) gewann zahlreiche Preise. Auch ihr Kurzfilm TALK TO ME (2005) lief erfolgreich auf mehreren Festivals. 2011 gewann ihre Kinoproduktion ANDUNI - FREMDE HEIMAT den DEFA Förderpreis beim MaxOphüls Festival. 2016 entstand unter ihrer Regie der Dreiteiler DEUTSCHLAND 83 der u. a. mit dem International Emmy Award 2016, dem Grimmepreis und der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde. Im Oktober wird ihre Mini-Serie DIE PROTOKOLLANTIN (2017) ausgestrahlt.

Warum zeigen Sie den Bernd Kranzbühler trotzdem als einen Menschen, der vor nichts zurückschreckt?
Tatort TREIBJAGD: Falke (Wotan Wilke Möhring) geht Dieter Kranzbühler (Jörg Pose). © NDR/Christine Schroeder
Tatort TREIBJAGD: Falke (Wotan Wilke Möhring) geht Dieter Kranzbühler (Jörg Pose). © NDR/Christine Schroeder

Bernd tritt am härtesten auf, aber er ist eben ein Getriebener. Das sind einfache Leute, die ihre bürgerliche Existenz sichern wollen, und dann gerät alles aus dem Ruder. Er will verhindern, dass sein Bruder als Mörder verurteilt wird und für viele Jahre ins Gefängnis wandert. Wenn Maja einfach verschwunden wäre, hätte er nichts mehr unternommen, aber als er hört, dass sie sich rächen möchte, will er seinen Bruder schützen und das Schlimmste verhindern. Das ist absolut nachvollziehbar. Zumal er sich mitverantwortlich fühlt für die Tat seines Bruders, weil er im Suff gesagt hat, diese Einbrecher müsste man erschießen. Aber das waren eben wütende verbale Attacken, die sein Bruder Dieter dann in die Tat umsetzt.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien bei der Eskalation der Situation?

Soziale Medien schaffen eine Realität, die mit dem, was tatsächlich stattfindet, gar nichts mehr zu tun hat. Das kann man gerade in der rechten Szene gut beobachten. Ich habe bei meiner Recherche für den Film auch Bürgerwehren im Internet gegoogelt, und da sieht man sehr eindrücklich, wie die Menschen in den sozialen Medien sich gegenseitig hochpushen. Auch in der  Polizeiarbeit ist das ein Thema, denn die Polizei benutzt soziale Medien auch, wenn sie Unterstützung braucht, aber wenn Dinge sehr schnell viral gehen und sich verselbstständigen, dann
fangen eben Menschen an, andere Menschen zu jagen.

Tatort TREIBJAGD: Falke (Wotan Wilke Möhring) will wissen, wo Siggi (Sascha Nathan) Maja versteckt hat. © NDR/Christine Schroeder
Tatort TREIBJAGD: Falke (Wotan Wilke Möhring) will wissen, wo Siggi (Sascha Nathan) Maja versteckt hat. © NDR/Christine Schroeder
Wie haben Sie das Ermittler-Duo in TREIBJAGD inszeniert?

Nachdem die Beiden nun schon einiges durchgemacht hat, wollten wir Grosz auf Augenhöhe mit Falke bringen. Die merken, was sie aneinander haben, trotz aller Differenzen. Die Grosz ist eine tolle Frau, und ich würde gerne noch mehr über sie erzählen. Bei dem „Tatort“-Format ist es immer eine große Herausforderung, in 90 Minuten einen Krimifall zu lösen und die Episodenfiguren und die Ermittler alle gleich gut zu bedienen. Das ist aber im Drehbuch sehr gut gelungen, und daran haben wir bei den Dreharbeiten auch viel gearbeitet.

Das Interview stammt aus der Pressemappe des Norddeutschen Rundfunks (NDR) anlässlich der Erstsendung im November 2018.