Lohnt sich der Tatort VOM HIMMEL HOCH ?

Tatort: Ludwigshafen

Tatort VOM HIMMEL HOCH - Kriminaltechniker Becker (Peter Espeloer) nimmt von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) wenig versprechende Indizien entgegen. © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH - Kriminaltechniker Becker (Peter Espeloer) nimmt von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) wenig versprechende Indizien entgegen. © SWR/Alexander Kluge

Mit einem brisanten Thema (“Drohnenkrieg”) wartet der neue Tatort aus Ludwigshafen auf. Das ist auf Odenthal-Altmeister Thomas Bohn zurückzuführen, der nach 17 Jahren wieder die Regie übernommen hat. Deswegen stellen wir die allwöchentliche Frage: Lohnt sich der Tatort VOM HIMMEL HOCH ?

Wie geht VOM HIMMEL HOCH los?

Der Psychiater Dr. Fritz Steinfeld wird erschlagen in seiner Praxis gefunden. Der renommierte Therapeut war spezialisiert auf Kriegstraumata. Unter seinen Patienten finden sich zivile Opfer von kriegerischen Auseinandersetzungen wie auch traumatisierte Militärangehörige der US Air Base in Ramstein. Menschen mit unterschiedlichsten Gewalterfahrungen, von denen sich einer möglicherweise gegen seinen Therapeuten gewandt hat.

Heather Miller zum Beispiel. Sie wurde als “Screener” im Drohnenkrieg eingesetzt. Heute ist sie Ordonnanzoffizier in Deutschland, weil sie Depressionen bekam. Vor allem aber fesselt der Fall von Mirhat Rojan Lena Odenthals Aufmerksamkeit: Der Kurde verlor bei einem amerikanischen Drohnenangriff im Irak seine beiden Kinder. Er lebt inzwischen bei seinem Bruder in Ludwigshafen und ist polizeibekannt, weil er mit öffentlichen Aktionen auf sein Schicksal aufmerksam machten wollte.

Tatort VOM HIMMEL HOCH: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) begutachtet den Ort, an dem Psychiater Dr. Steinbach getötet wurde, während Kriminaltechniker Peter Becker (Peter Espeloer) und sein Kollege (Ludwig Asal) der KTU Indizien sichern. © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) begutachtet den Ort, an dem Psychiater Dr. Steinbach getötet wurde, während Kriminaltechniker Peter Becker (Peter Espeloer) und sein Kollege (Ludwig Asal) der KTU Indizien sichern. © SWR/Alexander Kluge

Plötzlich sind die Rojans von der Bildfläche verschwunden. Je intensiver Lena und Johanna sich mit den beiden beschäftigen, desto mehr konkretisiert sich der Verdacht, dass sie einen Drohnenanschlag planen: ein Attentat auf Jason O’Connor, Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium, der gerade in Deutschland erwartet wird.

Kann Lena Odenthal diesen Anschlag verhindern?

Worum geht es wirklich in VOM HIMMEL HOCH ?

Um Krieg bzw. um moderne Kriegsführung im weitesten Sinne. Und natürlich die Täter und Opfer. So wie in der letzten Woche in WIR KRIEGEN EUCH ALLE .

Tatort VOM HIMMEL HOCH : Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist bei ihren Ermittlungen einem geplanten Anschlag auf die Spur gekommen. © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH : Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist bei ihren Ermittlungen einem geplanten Anschlag auf die Spur gekommen. © SWR/Alexander Kluge

Auch in VOM HIMMEL HOCH zeigt sich, wie eng Opfer- und Täterrolle miteinander verzahnt sind. Für Autor und Regisseur Bohn ist deshalb der Krieg der eigentliche Täter. “Krieg ist deswegen so grausam, weil er den Mensch entmenschlicht, ihn seelisch vergewaltigt und oft zu Taten hinreißt, die er unter Friedensbedingungen nie für sich erwogen hätte. Der Krieg ist der größte Feind der menschlichen Seele”, sagt Bohn über seinem neuen Tatort-Stoff. Und den er nicht nur abarbeitet, sondern als spannenden Thriller inszeniert.

Vor allem aber geht es um Lena Odenthal. Denn unsere alte Tatort-Heldin wird in VOM HIMMEL HOCH belebt, reanimiert qausi. Sie findet zu alter Stärke zurück und löst einen kniffligen Fall.

Thriller, Spannung, Kampf…..Kriegen wir jetzt etwa die alte Lena Odenthal zurück?

Tatort VOM HIMMEL HOCH : Martin und Mirhat Rojan (Diego und Cuco Wallraff) wollen mit einer Drohne einen Anschlag durchführen. © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH : Martin und Mirhat Rojan (Diego und Cuco Wallraff) wollen mit einer Drohne einen Anschlag durchführen. © SWR/Alexander Kluge

Scheint so. VOM HIMMEL HOCH lässt Lena Odenthal wieder kämpferischer wirken. Die Lena der 90er scheint wieder da zu sein, gealtert zwar, aber kämpferischer und stärker denn je. Man spürt, wie das Feuer der Gerechtigkeit in ihr lodert, wie sie kämpfen will und zielorientiert agiert.

Wir erinnern uns an alte Fälle, als Lena noch hart und vergeblich kämpfte, gegen falsche Denke, gegen Ungerechtigkeit und diese Fälle oft in duellhaften Zweikämpfen endeten, meist mit großem körperlichen Einsatz. Sie kämpfte gegen Männer an, die sie nicht ganz ernst nahmen und unterschätzten (NAHKAMPF, TOD IM ALL, DER PRÄSIDENT) oder gegen starke Frauen, die ihr mindestens ebenbürtig waren (DIE KAMPAGNE, KALTE HERZEN). An diese allesamt von Thomas Bohn erdachten Ludwigshafen-Tatorten der frühen Zeit (Mitte der 1990er Jahre bis Anfang 2001) knüpft VOM HIMMEL HOCH ganz folgerichtig an.

Es ist nicht nur die Handschrift des Regisseurs, nein; es scheint auch etwas lange Verschüttetes aus der Figur Lena Odenthal wieder wach geworden zu sein, besser: geweckt worden zu sein.

Wie kämpferisch ist Lena Odenthal in VOM HIMMEL HOCH ?

Tatort VOM HIMMEL HOCH: US-Staatssekretär Jason O'Connr (Peter Gilbert Cotton) aus dem Verteidigungsministerium trifft in Ramstein ein und wird von General Huffing (Jim Boeven) begrüßt. © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH: US-Staatssekretär Jason O’Connr (Peter Gilbert Cotton) aus dem Verteidigungsministerium trifft in Ramstein ein und wird von General Huffing (Jim Boeven) begrüßt. © SWR/Alexander Kluge

Es wird langsam wieder! Sie schreit jedenfalls wieder aus vollem Herzen, flucht ausgiebiger denn je und misst sich mit ihren Vorgesetzten. Man versteht wieder, warum Folkerts – in Lederjacke – Anfang der 1990er Jahre noch als “weiblicher Schimanski” firmierte.

Und sie legt einen Körpereinsatz hin, wie wir ihn schon lange nicht mehr gesehen haben. Der große Showdown im neuen Lena-Odenthal-Tatort ist ganz auf diese Körperlichkeit ausgerichtet. Und einzig Lena ist die Heldin des Films.

Denn Assistentin Johanna Stern ist – wiederum aus einer anderen Körperlichkeit heraus – schachmatt gesetzt und macht erst mal so schnell gar nix mehr während dieser Ermittlungen. Sie ist eben nicht so schlau, altersweise und heldenhaft wie unsere alte Lena.

Tatort VOM HIMMEL HOCH: Oberstaatsanwalt Benninger (Max Tidof). © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH: Oberstaatsanwalt Benninger (Max Tidof). © SWR/Alexander Kluge

Und dieser Thriller zeigt – wenn auch mit Abstrichen in der B-Note –  Polizeiarbeit, Ermittlungen, Fahndungen und Methoden der Überwachung, die den Fall voranbringen – und den Polizeiapparat, wie er unter Lenas Ägide arbeitet.

Und spätestens wenn Lena vor ihrem Vorgesetzten kein Blatt vor den Mund nimmt, wird auch die alte rebellische Lena wieder spürbar; gerade, wenn Lena wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden muss, weil sie nicht darf, wie sie will *stampf*

Wie beispielsweise vom Oberstaatsanwalt, der – nicht ganz glaubwürdig leider – von Max Tidorf verkörpert wird. (Hörprobe aus dem Tatort VOM HIMMEL HOCH)

Hat die Geschichte Hand und Fuß?

Das Thema der Drohnenangriffe ist brisant. Und deswegen wurde es wohl auch zum Thema eines Tatorts gemacht. Der Film beleuchtet zum einen die politische Dimension  – und die menschliche Ebene. Beides wird mit entsprechenden Figuren besetzt, wie schon erwähnt: Opfer und Täter. Täter und Opfer.

Tatort VOM HIMMEL HOCH: Dr. Dietrich (Beate Maes), die Praxiskollegin des ermordeten Psychiaters, gibt Lena (Ulrike Folkerts) und ihren Kollegen Einblick in die Psyche von Kriegstraumatisierten. © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH: Dr. Dietrich (Beate Maes), die Praxiskollegin des ermordeten Psychiaters, gibt Lena (Ulrike Folkerts) und ihren Kollegen Einblick in die Psyche von Kriegstraumatisierten. © SWR/Alexander Kluge

Und wenn es nur ansatzweise stimmt, was da im Film behauptet wird, ist das starker Tobak.

Nämlich beispielsweise, dass von Deutschland aus mehr als nur das Funksignal übertragen wird, mit dem die Drohnen bedient werden und in Afghanistan oder im Irak zu tödlichen Waffen werden.

Dass wieder – im übrigen wie letzten Sonntag im Münchner Tatort schon –  Opfer keinen anderen Weg finden (wollen?), als die Täter zu richten, ist die andere Seite der Medaille. Erst dann, so das Dilemma, werde auch Öffentlichkeit hergestellt und auf die Lage hingewiesen.

Die Rojan-Brüder und ihre Ansprache im Hörclip:

Öffentlichkeit herzustellen ist vielleicht die Funktion des Films VOM HIMMEL HOCH, der damit einen interessanten Diskurs lostreten KÖNNTE. Autor Tom Bohn ging es mit dem Film auch darum, aufzuzeigen, welche Optionen Deutschland in der Zukunft hat, sein Land zu verteidigen. Bohn: “Wir hier in Deutschland haben uns ja militärisch lange hinter unseren Verbündeten verstecken können, aber dies scheint ja mit der neuen Außenpolitik der Amerikaner passé zu sein.”

Tatort VOM HIMMEL HOCH: General Huffing (Jim Boeven) erklärt US Staatssekretär Jason O'Connor (Peter Gilbert Cotton), was auf den Monitoren im AOC (Air & Space Operations Center) passiert. © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH: General Huffing (Jim Boeven) erklärt US Staatssekretär Jason O’Connor (Peter Gilbert Cotton), was auf den Monitoren im AOC (Air & Space Operations Center) passiert. © SWR/Alexander Kluge

Wer letztlich einen leicht amerikafeindlichen Unterton in diesem Tatort raushört, den wird man nur schwer vom Gegenteil überzeugen können. Dazu passt, dass Regisseur Bohn schon 1997 mit NAHKAMPF einen sehr armee-kritischen Tatort realisiert hat und 2001 den Hamburger Tatort EXIL! Fmit Robert Atzorn, den man um eine amerika-unfreundliche Aussage kürzen musste.

Wie es heißt, wurde nach den Anschlägen vom 11. September wenige Tage vor der Fernsehpremiere vom Sender selbst eine angeblich geschmacklose Bemerkung über den US-Präsidenten George W. Bush entfernt und der Tatort-Sendetermin um vier Wochen verschoben….

Lohnt sich der Tatort VOM HIMMEL HOCH ?

Tatort VOM HIMMEL HOCH: Heather Mills (Lena Drieschner) arbeitet als Ordonannzoffizierin bei der US-Army. © SWR/Alexander Kluge
Tatort VOM HIMMEL HOCH: Heather Mills (Lena Drieschner) arbeitet als Ordonannzoffizierin bei der US-Army. © SWR/Alexander Kluge

Ja.

Keine amateurhaften Improvisationen, kein lästiges Privatgedöns, kein hysterisches Gezänk mehr im Team, keine abstrusen Handlungsorte, sondern halbwegs realistische Figuren und ein interessanter Fall. Der sich wohl eher in Berlin und Umgebung abspielen würde – aber durch die örtliche Nähe von Ludwigshafen und Mannheim zur US-Airbase Ramstein kaufen wir das dem Film gerne noch wohlwollend ab.

Fazit: Wer Lena Odenthal mal sehr gemocht hat, wird auch diesen Fall sicher mögen und sollte ihn unbedingt anschauen.

Wer die langlebige TV-Figur bereits abgeschrieben hat, tut ihr Unrecht – es lohnt sich, sich nochmals auf die Figur und ihre Fälle einzulassen. Dass Thomas Bohn noch zwei weitere Lena-Odenthal-Tatorte im Köcher hat und auch mit der Fortsetzung von TOD IM HÄCKSLER (Arbeitstitel: DIE PFALZ VON OBEN) ein weiteres spannendes Projekt für Ulrike Folkerts Dienstjubiläum 2019 geplant ist, macht Lust auf mehr!

Ich gebe für VOM HIMMEL HOCH in der Tatort-Rangliste 8 Punkte.

P.S: Und – halt,…..dieser tolle Song da andauernd,…..wie heißt der?

Der Song heißt STRONG und ist von der Gruppe London Grammar. In Deutschland hört man ihn nur selten im Radio, in Großbritannien und Australien ist ihm nach seiner Veröffentlichung im September 2013 mehr Erfolg beschieden gewesen.

Immerhin läuft der Song auch noch mal über den Abspann des Tatorts. Das wiederum hat schon wieder Seltenheitswert: seit Jahren war es ARD-intern verpönt, über das Fadenkreuz des Tatorts am Ende was anderes laufen zu lassen, als das bekannte Doldinger-Signet. Auch hier sticht VOM HIMMEL HOCH heraus.