Lohnt sich der Tatort TSCHILLER – OFF DUTY ?

TATORT: TSCHILLER - OFF DUTY Nick Tschiller © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy

Mitten in der Sommerpause läuft der 5. Schweiger-TATORT; der aus dem Kino, der so furchtbar gefloppt ist. Nun läuft er als Free-TV-Premiere an einem spielfreien WM-Tag. Und den vielen Zuschauern, die sich von ganzem Herzen auch im Sommer eine TATORT-Premiere gewünscht haben, stellt sich die gleiche Frage wie unserem Autor Heiko Werning: Lohnt sich das Einschalten, lohnt sich der Tatort TSCHILLER – OFF DUTY?

Worum geht es im Tatort TSCHILLER – OFF DUTY?

Im Ernst jetzt? Na gut, versuchen wir’s: Nachdem ihre Mutter in der letzten Tschiller-TATORT-Folge FEGEFEUER im Kugelhagel den Weg alles Irdischen gegangen ist, findet Kommissar Schweigers, Quatsch: Tschillers 17-jährige Tochter heraus, dass sich der Täter in Istanbul aufhält. Der Dörrapfel fällt nicht weit vom Totholz, also beschließt Töchterchen, der guten alten Selbstjustiz nachzugehen. Sie organisiert sich mit falscher Identität über Papas Handy eine Knarre und fliegt mal eben rüber in die Türkei, um dort ein bisschen aufzuräumen.

Aber auch hier scheint die verwandtschaftliche Linie voll zuzuschlagen: Da war die Klappe wohl größer als das Vermögen, und so misslingt das Attentat. Stattdessen wird das Mädchen nach Moskau verschifft, wo es als patentes Multitool für Zwangsprostitution, Organhandel und Terroranschläge Verwendung findet. Natürlich sehr zum Missfallen von Tschweiger, der daraufhin über Dächer und durch Wände springt, um zumindest wesentliche Teile der Tochter zurückzuholen.

Und worum geht es wirklich im Tatort TSCHILLER – OFF DUTY?

Lohnt sich der TATORT TSCHILLER - OFF DUTY mit Nick Tschiller? © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy
Lohnt sich der TATORT TSCHILLER – OFF DUTY mit Nick Tschiller? © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy

Na, genau darum! Keine doppelte Ebene, keine künstlerischen Verstiegenheiten, hier muss einfach mal ganz bodenständig eine 17-jährige verhinderte Selbstjustiz-Killerin aus einem Zwangsprostitutions-, Organhandel- und Terrornetzwerk befreit werden. Wie das Leben eben so spielt.

Lohnt sich der Tatort TSCHILLER – OFF DUTY – Echt jetzt?

Nur Spaß – in Wirklichkeit geht es natürlich nur um eines: Action. Tschiller springt, schießt, schlägt sich zu Mähdrescher, zu Abrissbirne und zu Dach vor attraktiver Istanbuler und Moskauer Kulisse. Die zugehörige Handlung ist vermutlich einfach ausgewürfelt oder nachher ersonnen worden, als die Action-Sequenzen schon im Kasten waren und niemand mehr Lust hatte, sich noch anzustrengen.

TSCHILLER – OFF DUTY ist der dritte Kino-TATORT. Was sagt uns das?

Als Schimanski sich seinerzeit über Jahre ein Millionenpublikum erarbeitet und dabei ganz nebenbei den deutschen Fernsehkrimi gegen alle Widerstände der Verantwortlichen und der Presse revolutioniert hatte, beschloss der WDR, ihn quasi zur Würdigung seiner Lebensleistung ins Kino zu schicken, als Krönung auf dem Höhepunkt seiner Krimikarriere und seinem schon damals verfestigten Kultstatus geschuldet. Bei Schwiller ist es genau andersherum: Prominenz, Radaufaktor und pathologisch übersteigertes Selbstbewusstsein des Hamburger Neukommissarmimen haben einen Kultstatus quasi schon postuliert, bevor auch nur eine einzige Szene der neuen Reihe gedreht war. Allein die Tatsache, dass Til Schweiger sich für den TATORT hergab, sollte schon ausreichen, um alle ehrfürchtig erstarren zu lassen, der krönende Kinofilm war schon gesetzt, ehe der König auch nur seine Klamotten im Schrank überhaupt erst mal gesucht hatte.

Aufgrund des erheblichen Tamtams schauten anfangs dann auch rekordverdächtig viele Zuschauer bei der Premiere hin, rieben sich die Augen und stellten zu ihrer Überraschung fest, dass der Fernseher hinterher noch heile war und doch nur wieder Anne Will im Anschluss folgte. Ein ganz normaler TATORT also, und sicherlich keiner aus der Spitzen-Riege. Entsprechend ernüchtert schauten von Film zu Film weniger Zuschauer hin – da war der Kinofilm aber längst gedreht. Für den sich dann aber schon niemand mehr interessierte.

TATORT: TSCHILLER - OFF DUTY Özgür Emre Yıldırım © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy
TATORT: TSCHILLER – OFF DUTY Özgür Emre Yıldırım © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy

Und warum wird er jetzt mitten im Sommerloch gesendet?

Schweiger suchte die Schuld am Flop überall und ganz besonders bei der ARD, obschon diese ihm luxuriöse Sonderkonditionen eingeräumt hatte, nur ganz gewiss nicht bei sich selbst, was möglicherweise den einen oder anderen Gremlin in den Sendeanstalten so geärgert haben dürfte, dass man das Werk, das man ja nun mal schon am Hals hatte, jetzt einfach im Sommerloch versendet, höhnisch angekündigt als „TATORT-Highlight im Sommerprogramm“. So viel Gehässigkeit hätte man den drögen Behördentypen dort überhaupt nicht zugetraut. Diese fast schon von einer gewissen Größe kündende Lust an der Bösartigkeit herausgekitzelt zu haben, ist immerhin ein bleibender Verdienst von Tschweiger.

Und wie ist der Film nun?

Allem Lästern zum Trotz: recht unterhaltsam. Natürlich darf man keine „Wo waren sie am letzten Sonntagabend“-Dialoge erwarten, überhaupt sollte man auf Dialoge nicht allzu viel geben. Und auf Plausibilität erst recht nicht. Tscheiger springt durch Wände und betätigt sich nebenbei als Hobby-Chirurg – OK, das mag man als Zugeständnis ans Action-Genre durchgehen lassen. Auch bei James Bond war ja nicht jede Szene von dokumentarischer Glaubwürdigkeit. Aber wenigstens die Grundidee hätte sich vielleicht vorher mal jemand angucken sollen, der etwas von Storytelling versteht. Denn warum ausgerechnet Schweilers Töchterchen für all das ausgewählt wird, was ihr da halt so wiederfährt, dafür gibt es nicht einmal den Versuch einer Erklärung, womit leider das Grundkonstrukt der Geschichte komplett kollabiert.

Also keine Geschichte. Aber warum trotzdem ansehbar?

TATORT: TSCHILLER - OFF DUTY Nick Tschiller © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy
TATORT: TSCHILLER – OFF DUTY Nick Tschiller © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy

Wenn man akzeptiert, dass das Ganze keinen Sinn und Verstand hat, bleibt letztlich ein ziemlich geradliniger und dabei doch mit einigen originellen Ideen auftrumpfender Action-Film übrig. Mag sein, dass Hollywood-Action zum zehnfachen Produktionspreis höherwertiger daherkommt – aber wen kümmert’s? Auch ein Herr Bourne rennt letztlich nur dauernd über Autos und Dächer, haut sich dabei, und all das macht Schweiger zum Bruchteil der Kosten eigentlich genauso gut. Ein Lohndumping-Actionheld sozusagen. Mit hübschen Ideen: Wir haben ja jedwede denkbare Verfolgungsjagd inzwischen gesehen – dachten wir, bis Willer den Mähdrescher besteigt, um damit auf den Roten Platz zu rollen. Und auch der Terrorplot wirkt – abgesehen eben davon, dass nicht ersichtlich ist, warum dafür ausgerechnet Tscheigers Tochter vonnöten ist – recht unverbraucht.

Sonst noch etwas erwähnenswert?

Ja, zwei Dinge: Fahri Yardim als cooler Partner ist einmal mehr eine sehr angenehme Erscheinung. Möge er uns nach dem absehbaren Ende der Schweiger-NDR-Kooperation als Haupt-Held erhalten bleiben.

Und zweitens: In Zeiten hysterisch hochgepushter Kalter-Krieg-Fantasien ist es recht erfreulich, dass der böse Russe hier am Ende gar nicht so böse ist, sondern sich zum Kämpfer für Recht und Ordnung erweist. Zumindest in Schwillers Vorstellungswelt, die ja mit so lästigen westlichen Weicheiereien wie Rechtsstaatlichkeit ohnehin nicht viel am Hut hat.

Lohnt sich der Tatort TSCHILLER – OFF DUTY denn nun?

TATORT: TSCHILLER - OFF DUTY Fahri Yardim © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy
TATORT: TSCHILLER – OFF DUTY Fahri Yardim © NDR/Warner Bros./Nik Konietzy

Unter den oben genannten Einschränkungen (keine Geschichte, keine Glaubwürdigkeit, keine Gesetze) durchaus. Wenn man all das ausblenden kann, sieht man einen kurzweiligen Action-Film, der sich nicht zu verstecken braucht. Und das immerhin ist doch eine Facette, die im TATORT sonst kaum geboten wird. Allein schon für die TATORT-Diversity also kann man sich durchaus mal daran erfreuen, dass zwischen all den Wiederholungen des Fernseh-Sommers hier ein als Säbelzahntiger losgesprungener, inzwischen schon leicht mottenzerfressender Bettvorleger als Fernsehpremiere gezeigt wird.

Ich spendiere aus sommerlicher guter Laune heraus 7,5 Punkte für die TATORT-Rangliste.

Damit hat Til Schweiger endgültig alles erreicht im Leben.