Lohnt sich der Tatort MUROT UND DAS MURMELTIER (Folge 1084)?

TATORT: WIESBADEN

TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur). Bild:© HR/Bettina Müller,
TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur). Bild:© HR/Bettina Müller,

Zum siebten Mal schickt der HR seinen von Ulrich Tukur verkörperten LKA-Ermittler Felix Murot ins Rennen, und nach den teils fulminanten, fast immer aber außergewöhnlichen Vorgängern lastet ein gewisser Erwartungs- und Originalitätsdruck auf dem Team Wiesbaden. Eein Teil des Publikums bekommt vermutlich umgehend Angst, wenn es erfährt, dass dieser neuste Streich im September beim Festival des deutschen Films mit dem Filmkunstpreis ausgezeichnet worden ist. Droht also verstörendes Experimentalfernsehen statt entspannter Sonntagabendunterhaltung, oder anders gefragt: Lohnt sich der Tatort MUROT UND DAS MURMELTIER

Worum geht es im Tatort MUROT UND DAS MURMELTIER?

Alles sieht nach polizeilicher Routine aus: Eine Geiselnahme in einer Bank. So dramatisch das für die Beteiligten ist, einen hartgesottenen Kriminaler bringt das nicht aus der Ruhe. „Wer macht denn so was heute noch?“, fragt Murot denn auch leicht gelangweilt Assistentin Wächter am Telefon, bevor er zum Tatort fährt. Dort allerdings entpuppt sich der Fall als – nun ja … In gewisser Weise schon als Routine. Aber ganz anders, als Murot das anfangs dachte.

Und worum geht es wirklich im Tatort MUROT UND DAS MURMELTIER?

TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und seine Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp). Bild:© HR/Bettina Müller,
TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und seine Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp). Bild:© HR/Bettina Müller,

Ui, da müsste man weit ausholen. Letztlich geht es um nichts anderes als die ganz großen philosophischen Fragen: Wie verbringen wir unsere Zeit? Was erwarten wir vom Leben? Was kann uns erlösen aus der Mühsal der täglichen Routine? Was ist überhaupt tägliche Routine? Doch, ganz im Ernst.

Das sind die eigentlichen Fragen, die MUROT UND DAS MURMELTIER verhandelt. Und zwar, ohne sie dabei überbordend ernst zu nehmen, eher ganz verspielt, wie nebenbei. Noch nebenbeier geht es um den Ablauf von Fernsehkrimis, um Fragen des gesellschaftlichen Miteinanderlebens, um Liebe und Verrat und Verantwortung. Keine Frage: Hier wird das ganz große Rad gedreht.

Klingt ja furchtbar! Also ein überfrachteter, bedeutungsheischender Schmarren?

TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, re.) und Stefan Gieseking (Christian Ehrich). Bild:© HR/Bettina Müller,
TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, re.) und Stefan Gieseking (Christian Ehrich). Bild:© HR/Bettina Müller,

Nein, überhaupt nicht. Das alles ist ganz wunderbar luftig-leicht inszeniert, mit stets überraschenden Wendungen, originellen Einfällen, kein bisschen dräuend, sondern gut gelaunt, verspielt, charmant und witzig. Ein kleines Meisterwerk!

Murmeltier? War da nicht was?

Na klar. Die Idee ist geklaut. Und weil es keine Möglichkeit gibt, die immer wieder reizvolle Zeitschleifenidee, die mit „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ihren größten Filmerfolg gefeiert und es als Redewendung sogar in die Alltagssprache geschafft hat, so zu verwenden, dass man eben nicht sofort an Bill Murrays Kampf mit dem Murmeltiertag denkt, hat das HR-Team es gar nicht erst versucht, den Aufgriff zu ignorieren oder gar zu verschleiern.

TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. (v.l.n.r.): Magda Wächter (Barbara Philipp), SEK-Mann Backhaus (Felix Schönfuss), Polizist Brendel (Jörg Bundschuh), LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur), Polizistin Schreiner (Monika Anna Wojtyllo) und Polizist Dreher (Tom Lass). Bild:© HR/Bettina Müller,
TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. (v.l.n.r.): Magda Wächter (Barbara Philipp), SEK-Mann Backhaus (Felix Schönfuss), Polizist Brendel (Jörg Bundschuh), LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur), Polizistin Schreiner (Monika Anna Wojtyllo) und Polizist Dreher (Tom Lass). Bild:© HR/Bettina Müller,

Im Gegenteil: Am Anfang, für einen kurzen Moment, ist man ein bisschen irritiert bis leicht genervt, weil der Film auf den ersten Metern wie ein dreister Abklatsch wirkt. Man sieht den Titel, denkt an den „groundhog day“, und weiß schon beim Klingeln des Weckers, der Murot aus einem ziemlich blutigen Traum reißt, dass wir diese Szene wohl noch öfter sehen werden. Und bei jedem Nachbarn oder Passanten, den der Ermittler auf dem Weg zum Tatort trifft, wissen wir natürlich auch gleich, dass wir deren Interaktionen noch ein paarmal aufgetischt bekommen werden. Aber dieser leichte Ärger verflüchtigt sich schnell. Eben weil die Kopie so offensichtlich ist, funktioniert es: Hier wird nicht geklaut, hier wird mit der Vorlage gespielt. Und ganz schnell entwickelt der hessische Murmeltiertag eine eigene Dynamik, gegen die der nordamerikanische Vorgänger geradezu kraftlos wirkt.

Zeitschleife? Im Tatort? Ist das euer Ernst?

Tja. Das ist die Kröte, die der Tatort-Traditionalist schlucken muss. Aber nach Ufos, Horrorhäusern, Meta-Meta-Meta-Filmen und sich selbst spielenden Kommissaren ¬– hey, warum nicht mal eine Zeitschleife? Aber: Ist das denn noch Tatort? Gegenfrage: War Kressin denn Tatort?

Wie plausibel ist MUROT UND DAS MURMELTIER?

LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, li.) und Nadjas Nachbar (Jens Wawrczeck).
TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, li.) und Nadjas Nachbar (Jens Wawrczeck). Bild:© HR/Bettina Müller,

Wer es schafft, die Zeitschleife als Teil des sonst so gern um Hyperrealismus bemühten Tatort-Rituals hinzunehmen, der sieht einen in sich völlig schlüssigen Film. Murot muss tatsächlich einen Kriminalfall lösen, die Motivlagen der Handelnden sind nachvollziehbar und ganz bodenständig in der Realität verankert, es wird sogar richtig ermittelt. Zeit genug hat Murot ja. Er kann schließlich jeden Tag neu damit anfangen.

Wie blutig ist das Ganze?

Ziemlich. Gewalt ist ein zentrales Thema, in dem Film sterben die Leute wieder mal wie die Fliegen. Anders als bei „Im Schmerz geboren“ stehen die Leichen allerdings diesmal wieder auf, denn es gilt halt: neuer Tag, neues Leben. Was ziemlich schwarzhumorige, drastische Todesvarianten erlaubt. Das Label ist ja etwas, Achtung Wortspiel, zu Tode geritten, aber „schwarze Komödie“ trifft es hier wirklich ganz gut. Beziehungsweise eben: blutrote Komödie.

Welchen Platz nimmt MUROT UND DAS MURMELTIER in der Rangfolge der meisten Leichen der Tatort-Geschichte ein?

TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur). Bild:© HR/Bettina Müller,
TATORT: MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk (hr) als 1084. Tatort. Buch und Regie: Dietrich Brüggemann. LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur). Bild:© HR/Bettina Müller,

Mit dieser fast schon philosophischen Frage muss Kollege François Werner vom Tatort-Fundus sich ganz allein herumschlagen. Zählt man die Todesfälle im Film, hat MUROT UND DAS MURMELTIER wohl beste Chancen auf einen der ersten Plätze in der Rangliste der Tatort-Folgen mit dem höchsten Bodycount. Es würde einen vor lauter Selbstreferenzialität und Ironie nicht einmal wundern, wenn irgendwer im Produktionsteam nachgezählt und IM SCHMERZ GEBOREN absichtlich um genau eine Leiche getoppt hätte. Und doch könnte der Film auch in die kurze Liste der Tatort-Beiträge ohne Tote aufgenommen werden – ganz wie man’s sieht …

Was ist noch besonders bemerkenswert an MUROT UND DAS MURMELTIER?

Filmposter des Preisträgerfilms MUROT UND DAS MURMELTIER, Bild:HR
Filmposter des Preisträgerfilms MUROT UND DAS MURMELTIER, Bild:HR

Dass Ulrich Tukur ein ziemlich begnadeter Schauspieler ist, wissen wir. Und leider weiß er das auch, was ihn mitunter nicht unbedingt zu einem Top-Sympathieträger macht. Aber nach dieser 90-Minuten-Leistungsshow, in der er praktisch alles spielen darf, was man eben so spielen kann, bleibt einem nichts, außer den Hut vor ihm zu ziehen. Auch auf die Gefahr hin, dass er danach noch selbstverliebter wird.

Aber auch alle anderen Rollen sind exzellent besetzt, besonders Christian Ehrich als Tukurs Folgen-Gegenspieler Stefan Gieseking irrlichtert ebenfalls eindrucksvoll durch diesen Film.

Und: Lohnt sich der Tatort MUROT UND DAS MURMELTIER denn nun?

Und ob!

Machen wir’s kurz: eine der besten Tatort-Folgen überhaupt. Ich vergebe, und das ist wirklich selten, volle 10 Punkte in der Rangliste des Tatort-Fundus.

Zumindest heute. Wer weiß, wie ich das morgen nach dem Aufwachen sehe…