Lohnt sich der Tatort KAPUTT ?

TATORT KÖLN

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Hier wurde der Polizeibeamte Frank Schneider ermordet: Die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) mit Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) und Dienststellen-Leiter Bernd Schäfer (Götz Schubert, v.l.) am Tatort. © WDR/Thomas Kost

Verlässlich und bodenständig, etwas bieder, wenig spektakulär – so kennt und schätzt man die Tatorte aus Köln seit vielen Jahren. Max Ballauf und Freddy Schenk sind die netten Typen von nebenan; gute alte Freunde, denen man immer wieder gern beim Ermitteln zuschaut. Besondere Originalität und Extravaganzen sind nicht zu erwarten – und gerade das mögen Freunde traditioneller Krimi-Kost am Kölner Team. Wird der neueste Film KAPUTT das wieder erfüllen oder doch wieder enttäuschen? Wir fragen deshalb: Lohnt sich der Tatort KAPUTT ?

Worum geht es in KAPUTT ?

Nächtliche Ruhestörung in einer beschaulichen Wohngegend: In einem eigentlich unbewohnten Haus ist eine wilde Party im Gange. Eine Streife wird geschickt, um nach dem Rechten zu sehen – mit fatalen Folgen. Ein Polizist stirbt, seine Kollegin wird verletzt. Die Täter können fliehen. Kurze Zeit später geschieht im gleichen Haus ein weiterer Mord. Hängen die beiden Fälle zusammen? Und was genau ist in der Nacht, in der der Polizist starb, geschehen? Ballauf und Schenk ermitteln – und sind gezwungen, dabei auch ihre eigenen Kollegen von der Schutzpolizei ins Visier zu nehmen.

Nächtliche Ruhestörung, Einsatz einer Streife mit tödlichem Ausgang, Ermittlungen in Polizeikreisen – hatten wir das nicht erst kürzlich?

Ja, im Berliner Tatort DER GUTE WEG, der vor einigen Wochen ausgestrahlt wurde, war die Ausgangssituation ganz ähnlich. Dort geriet der Sohn der Kommissarin in den Fokus der Ermittlungen. Das steht bei KAPUTT nicht zu befürchten.

Also wieder Krimi im Polizeimilieu – erfinden die Kölner das Rad wenigstens neu?

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Nerven liegen blank: Als eine alltägliche Verkehrskontrolle aus dem Ruder läuft, greifen die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, r) ein.
© WDR/Thomas Kost

Leider nein.

Das Grundmuster ist fast immer das gleiche: Die Ermittler sehen sich bei ihren Untersuchungen innerhalb des Polizeiapparats mit massivem Widerstand konfrontiert. Man unterstellt ihnen mangelndes Verständnis für die Situation der Kollegen „auf der Straße“ und ein Übermaß an Milde gegenüber den „echten“ Kriminellen. Noch eine Gemeinsamkeit ist der starke Gegenspieler: der robuste Dienststellenleiter, mit dem die Kommissare immer wieder aneinander geraten.

Und wer spielt diesen Dienststellenleiter?

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Bernd Schäfer (Götz Schubert, l.) war der Vorgesetzte des getöteten Polizisten, die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär, rechts) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, 2.v.r.) müssen auch in der Dienststelle ermitteln.
© WDR/Thomas Kost

KAPUTT präsentiert uns ein wahres Prachtexemplar dieser Spezies, den höchst selbstbewußt auftretenden Bernd Schäfer, den Götz Schubert spielt. Der ist nicht sonderlich begeistert, dass im Umfeld seiner Abteilung Mordermittlungen stattfinden und der sich schützend vor seine Untergebenen stellt. Besonders schutzbedürftig sind in solchen Fällen oft diejenigen Kollegen, die beim aus dem Ruder gelaufenen Einsatz dabei waren – so auch diesmal.

Wer ist da so schutzbedürftig und wer spielt das?

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Freddy Schenk (Dietmar Bär, l) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r) an dem Ort, wo Kollegen in ihrer Dienststelle an den getöteten Beamten erinnern.
© WDR/Thomas Kost

Die junge Polizistin Melanie Sommer. Sie wird gespielt von Anna Brüggemann. Sie scheint die Folgen des fatalen Abends und den Tod ihres Kollegen Frank Schneider noch nicht verwunden zu haben, gerät aber nun auch noch selbst in den Fokus der Ermittlungen. Ebenfalls schwer angeschlagen ist der Kollege Stefan Pohl (gespielt von Max Simonischek), der mit Frank Schneider ein homosexuelles Verhältnis hatte und dem nun sogar mangels rechtlicher Grundlage der Zugang zum Leichnam seines Lebensgefährten verwehrt wird.

Zwei schwule Polizisten, die in der selben Abteilung Dienst schieben – Mutig für einen Sonntagabend-Krimi, oder?

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Stefan Pohl (Maximilian Simonischek) kann den Verlust nicht fassen: Sein Lebensgefährte Frank Schneider kam im Einsatz ums Leben.
© WDR/Thomas Kost

Bekanntlich gibt es in Deutschland inzwischen nur noch drei schwulenfreie Zonen: Die Bundesliga, die IG Metall und den Polizeidienst – jedenfalls wird das nach außen hin gern so dargestellt.  Dass die Fakten natürlich völlig anders liegen, wollen einige immer noch nicht einsehen.

Nicht schwulenfrei ist dagegen Köln, Deutschlands Schwulen-Hochburg schlechthin. Deswegen passt diese Geschichte da auch einigermaßen gut. Doch auch in KAPUTT tun sich die Kollegen und der Vorgesetzte schwer damit, die Situation zu akzeptieren…

Dienststellenleiter Schäfer sieht es nicht gern, wenn seine Mitarbeiter untereinander private Liebesbeziehungen unterhalten – aber natürlich ganz generell, unabhängig vom Geschlecht, versteht sich. Stefan Pohl spürt aber deutlich, dass man sein Verhältnis mit Schneider im Kollegenkreis für alles andere als „normal“ hält. Auch Ballauf und Schenk stöbern im Zuge der Ermittlungen in Pohls Privatleben herum.

Welche Verdächtigen hat KAPUTT denn noch im Angebot?

Thomas Theissen (gespielt von Ronny Miersch), Eigner des Mordhauses und Betreiber eines Restaurants, muss sich nicht nur um seine seit einem Unfall pflegebedürftige Mutter (verkörpert von Heidi Ecks) kümmern, sondern hadert auch mit seinem jüngeren Bruder Ben (dargestellt von Hauke Diekamp), den sein unsteter Lebenswandel immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Ben hat offenbar Kontakte zum Drogenmilieu und braucht ständig Geld. Thomas ist aber nicht mehr bereit, seinem arbeitsunwilligen Bruder aus der Klemme zu helfen.

Klingt alles nach einem klassischen „Whodunit“?!

Ist es auch.

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Freddy Schenk (Dietmar Bär, 3.v.l) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, 2.v.r.) verlassen mit Thomas Theissen (Ronny Miersch, r) dessen leer stehendes Elternhaus – hier ist ein Mord passiert.
© WDR/Thomas Kost

Abgesehen von einigen kurzen Rückblenden wird chronologisch erzählt, die Handlung konzentriert sich weitgehend auf die übliche Ermittlungsarbeit, das Tatgeschehen und die Hintergründe werden am Schluss lückenlos aufgeklärt. Ein typischer „Kölner“ also – allerdings mit einem bemerkenswerten Ende, das eigentlich für die Zukunft nicht ganz ohne Folgen bleiben dürfte.

Und wie steht es mit dem Privatleben der Ermittler in KAPUTT?

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, vorne) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) vor der Köln-Karte im Präsidium.
© WDR/Thomas Kost

Privates spielt diesmal bei den Ermittlern keine Rolle; selbst aus Opa Freddys Familienleben gibt es nichts Neues zu berichten. Sein Kollege Max hat ja bekanntlich schon seit Jahren kein echtes Privatleben mehr.

Aber vielleicht gerade deshalb entwickelt er sich immer mehr zu einem muffligen, autoritären Vorgesetzten, der mit seinen Untergebenen nicht sonderlich pfleglich umgeht. Immer wieder lässt er den Chef raushängen, wirkt ungnädig und unduldsam, ein Eiferer, der sich in die Fälle regelrecht festbeißt. Vom Sympathieträger früherer Jahre ist nicht mehr viel übrig, und Anflüge von Altersmilde sind auch nicht festzustellen.

Und was ist mit Jütte, dem heimlichen Star des Kölner Tatorts?

Viel über Jütte zu lachen gibt es diesmal nicht.

Der immer etwas behäbig wirkende Kollege hegt berufliche Aufstiegspläne: Er kandidiert für die anstehende Personalratswahl und betreibt nun fleißig Wahlkampf. Da er dies während der Arbeitszeit tut, gerät er in heftige Auseinandersetzungen mit seinem Chef Ballauf, der nicht dulden mag, dass Jütte sich nur noch selten im Büro aufhält und sich nicht – wie sonst üblich – auf die Arbeit am Fall konzentriert.

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) mit Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling, r.), der bei den Kollegen Geld sammelt für die Hinterbliebenen des ermordeten Beamten Frank Schneider.
© WDR/Thomas Kost

Hinzu kommt Jüttes konsequentes Eintreten für seine unter Verdacht stehenden Polizeikollegen: Er hält es für unsolidarisch, dass Ballauf und Schenk gegen die eigenen Kameraden ermitteln. Auch über diese Frage gerät er mit Ballauf aneinander, und zeitweise haben ihn seine Vorgesetzten sogar im Verdacht, vertrauliche Informationen weitergegeben zu haben.

Kurz: Der Charakter Jütte wird diesmal um einige Facetten erweitert und es bleibt abzuwarten, welche Ideen uns die Drehbuchautoren hinkünftig bezüglich der Entwicklung der Figur präsentieren. Potenzial ist jedenfalls vorhanden…

Welchen Schlitten hat sich Freddy diesmal aus der Asservatenkammer als fahrbaren Untersatz organisiert?

Keinen Ami-Kreuzer und auch keinen PS-starken Mini-Flitzer!

Max und Freddy sind eher gediegen mit einem braunen 350er Daimler-Coupe – schätzungsweise aus den frühen 80ern – unterwegs.

Keine Kölsch-Party an der Wurstbude zum Finale – Lohnt sich der Tatort KAPUTT trotzdem?

TATORT: KAPUTT, Autoren: Rainer Butt und Christine Hartmann, Regie: Christine Hartmann, am Montag (10.06.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Wortgefecht: Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, r) zweifeln an der Kooperationsbereitschaft von Thomas Theissen (Ronny Miersch, rechts).
© WDR/Thomas Kost

Für Ballauf/Schenk-Fans und Freunde traditioneller Krimis auf jeden Fall.

Der Film bietet brave Hausmannskost, ohne größere Ausschläge nach oben oder unten. Das Drehbuch von Rainer Butt und Christine Hartmann, die auch Regie führte, ist solide gebaut, lässt aber jeden Anflug von Originalität und Wagemut vermissen.  Das brisante Thema Homosexualität im Polizeidienst wird nur oberflächlich behandelt, und die Darstellung des Drogenmilieus ertrinkt förmlich in Klischees.

Fazit: Akzeptabler Unterhaltungsfilm, den man – abgesehen von den letzten Minuten – schnell wieder vergisst. In der Finanzpolitik würde man das wohl als „schwarze Null“ bezeichnen – umgerechnet auf die Tatort-Rangliste komme ich auf 5 Punkte.