Lohnt sich der Tatort INFERNO ?

TATORT: DORTMUND

TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Ein möglicher Tathergang? Martina Bönisch (Anna Schudt, rechts) und Peter Faber (Jörg Hartmann, links) stellen im Ruheraum der Klinik nach, was dort passiert sein könnte. © WDR/Thomas Kost
TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Ein möglicher Tathergang? Martina Bönisch (Anna Schudt, rechts) und Peter Faber (Jörg Hartmann, links) stellen im Ruheraum der Klinik nach, was dort passiert sein könnte. © WDR/Thomas Kost

Zum zweiten Mal in diesem Jahr geht’s nach Dortmund, zur wohl durchgeknalltesten Mordkommission Deutschlands. Das immer am Rande der Zwangseinweisung lavierende kriminalistische Patientenkollektiv bekommt es diesmal mit einer Personengruppe zu tun, der ebenfalls eine gewisse Neigung zu psychischen Defekten aller Art nachgesagt wird: INFERNO spielt größtenteils im Krankenhaus, unter Ärzten, Pflegern und Schwestern.

Worum geht’s in INFERNO ?

Tod in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Kann schon mal vorkommen – im vorliegenden Fall trifft es allerdings kein Unfallopfer und keinen Herzinfarkt-Patienten, sondern ein Mitglied des Ärzteteams: Gisela Mohnheim, Internistin an der Dortmunder Ruhr-Emscher-Klinik, wird eines Morgens im Aufenthaltsraum der Station tot aufgefunden. Der größte Teil ihrer Kleidung fehlt, der Raum wurde von außen verschlossen. Selbstmord scheidet also aus – dafür können die Ermittler aus einem umfangreichen Kreis von Verdächtigen auswählen.

Nahezu jeder Mitarbeiter des Hospitals hatte einen Schlüssel zum Todeszimmer – aber wie sieht’s mit den Motiven aus? Faber und sein Team starten ihre Nachforschungen vor Ort im Krankenhaus, aber auch der eifersüchtige und vorbestrafte Ehemann des Opfers gerät in den Fokus der Nachforschungen. Immerhin scheidet einer der Verdächtigen im Lauf der Ermittlungen wieder aus: Er wird erhängt aufgefunden.

Was ist das Besondere an diesem Tatort ?

TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Tatort zentrale Notaufnahme v.l.n.r.: Anna Schudt als Martina Bönisch, Jörg Hartmann als Peter Faber, Aylin Tezel als Nora Dalay, Rick Okon als Jan Pawlak. © WDR/Thomas Kost
TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Tatort zentrale Notaufnahme v.l.n.r.: Anna Schudt als Martina Bönisch, Jörg Hartmann als Peter Faber, Aylin Tezel als Nora Dalay, Rick Okon als Jan Pawlak. © WDR/Thomas Kost

Die Dreharbeiten fanden im letzten Frühjahr tatsächlich in einem „echten“ Krankenhaus statt. Zwar stand dem Team ein weitgehend stillgelegter Trakt des Gebäudes zur Verfügung, dennoch wurden einige Szenen bei laufendem Stationsbetrieb gedreht.

Das ist deutlich zu spüren: Man bekommt als Zuschauer einen Eindruck von der Hektik und der Anspannung, unter der hier gearbeitet wird, aber auch von der Ruhe und Souveränität, mit der Ärzte, Schwestern und Pfleger selbst kritische Situationen bewältigen. Der Film macht deutlich, unter welchem Druck die Krankenhausmitarbeiter stehen und unter welch schwierigen Bedingungen sie oft ihren Job verrichten müssen.

TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Dr. Dr. Andreas Norstädter (Alex Brendemühl, rechts) ist interessiert an der Krankheitsgeschichte von Peter Faber (Jörg Hartmann, links) – und stört sich nicht an dem überraschenden Besuch des Kommissars. © WDR/Thomas Kost
TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Dr. Dr. Andreas Norstädter (Alex Brendemühl, rechts) ist interessiert an der Krankheitsgeschichte von Peter Faber (Jörg Hartmann, links) – und stört sich nicht an dem überraschenden Besuch des Kommissars. © WDR/Thomas Kost

Faber ermittelt im Krankenhaus – Die armen Patienten, oder?!

Überraschenderweise gibt sich der unberechenbare Choleriker in der für ihn offenbar ungewohnten Umgebung geradezu handzahm. Vorsichtig tastet er sich durch die Gänge der Station, schaut sich die Abläufe an, beachtet brav die Vorschriften und begrenzt seinen gefürchteten Zynismus auf ein Mindestmaß. 

Faber zeigt auch während der Befragungen viel Verständnis für die Situation der Krankenhausmitarbeiter. Als er jedoch auf den Stationsvorsteher Dr. Dr. Andreas Norstädter trifft, einen ausgebildeten Psychologen, rührt sich Fabers Widerstandsgeist – zumal der erfahrene Mediziner schnell erkennt, mit welcher Kategorie Mensch er es bei Faber zu tun hat. 

Dr. Norstädter bringt Faber zur Weißglut

Faber fühlt sich regelrecht ertappt – und da er sich ohnehin gerade (wieder einmal) in einer mentalen Ausnahmesituation befindet, wirken seine untauglichen Versuche, sich gegen den Psycho-Doktor zur Wehr zu setzen, reichlich hilflos.

Martina Boenisch und Peter Faber über den Psychiater. Dabei tauscht sie auch noch eine persönliche Freundlichkeit mit Faber aus.

Mentale Ausnahmesituation? Laß mich raten: Fabers Vergangenheit hat ihn wieder fest im Griff!

Aber hallo!

Diesmal wird’s wirklich ernst: Faber fühlt sich regelrecht von Dämonen verfolgt, das titelgebende INFERNO spielt sich vor allem in seinem Kopf ab. Seine vor Jahren ums Leben gekommene Frau und Tochter spuken dermaßen intensiv durch Fabers Hirn, dass er inzwischen Wahnvorstellungen hat und glaubt, die Verblichenen tatsächlich zu hören und zu sehen.

Faber hört die Stimme seiner Tochter

Klar, dass sich sein bedenklicher Zustand auch auf seine Arbeit als Ermittler auswirkt: Er steht teilweise völlig neben sich, wirkt desorientiert und verspürt offenbar nicht einmal mehr die rechte Lust, seine Umgebung mit seinen gefürchteten Ausbrüchen zu traktieren. Aber keine Angst, der Fan des „klassischen“ Faber muß nicht darben: Der Handlungsstrang um Fabers Vergangenheit wird am Ende mit der Haupthandlung zu einem großen Finale zusammengeführt.

Lohnt sich der Tatort INFERNO ? – Klassischer Krimi oder „Experiment“?

TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Martina Böhnisch (Anna Schudt, links) befragt Frau Schön (Elmira Rafizadeh, liegend), die in der Tatnacht eine wichtige Beobachtung machen konnte. © WDR/Thomas Kost
TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Martina Böhnisch (Anna Schudt, links) befragt Frau Schön (Elmira Rafizadeh, liegend), die in der Tatnacht eine wichtige Beobachtung machen konnte. © WDR/Thomas Kost

Nach dem Kölner BOMBENGESCHÄFT vor 14 Tagen beschert uns der WDR zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit einen klassischen „Whodunit“-Krimi.

Zwar ahnt der erfahrene Zuschauer relativ bald, wer hinter den Untaten stecken könnte, aber von einer „offenen Täterführung“, wie wir sie in vielen der jüngeren Tatorte erleben durften, kann hier keine Rede sein. Die Frage nach dem Täter bleibt lange offen, und wenn die Aufklärung naht, geraten wir bereits gefährlich in den Sog eines spektakulären, aber letztlich wenig originellen Finales, in dem insbesondere Faber (bzw. Darsteller Jörg Hartmann) über sich hinauswächst.

TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) tauschen vor der Klinik ihre ersten Eindrücke über den möglichen Tathergang aus. © WDR/Thomas Kost
TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) tauschen vor der Klinik ihre ersten Eindrücke über den möglichen Tathergang aus. © WDR/Thomas Kost

Ansonsten: Ja, INFERNO ist über weite Strecken ein „echter“ Krimi – es geht um Liebe, Eifersucht, Erpressung, kurz: Wir bekommen all die traditionellen Bestandteile präsentiert, von denen das Krimi-Genre seit jeher lebt. Aber eben nicht nur.

Welchen filmischen Mittel werden eingesetzt?

Es gibt tolle Bilder zu sehen – Regisseur Richard Huber hat sich für eine über weite Strecken eher ruhige Erzählweise entschieden. Insbesondere die Szenen im Krankenhaus wirken durchaus realistisch, was auch der natürlichen Beleuchtung geschuldet ist. Die Inszenierung steht nicht im Vordergrund, sondern ordnet sich der Handlung und den Schauspielern unter.

Hat sich Jan Pawlak ins Team integriert?

TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon, links) befragt Jens Mohnheim (Malik Blumenthal, rechts) in dessen heruntergekommener Wohnung. Der Sohn der Ermordeten ist seit Jahren drogenabhängig. © WDR/Thomas Kost
TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon, links) befragt Jens Mohnheim (Malik Blumenthal, rechts) in dessen heruntergekommener Wohnung. Der Sohn der Ermordeten ist seit Jahren drogenabhängig. © WDR/Thomas Kost

In seinem dritten Fall spielt Oberkommissar Jan Pawlak (Rick Okon) gut mit. Er scheint sich halbwegs eingegliedert zu haben; insbesondere das Verhältnis zur Kollegin Nora Dalay hat sich entspannt – wenn man auch von wirklich guten, freundschaftlichen Kontakten noch weit entfernt ist.

Ob sich das in den letzten zwei Folgen vor dem angekündigten Ausstieg von Dalay-Darstellerin Aylin Tezel noch ändert, wird sich zeigen. Mit seinem Chef gerät Pawlak diesmal so gut wie gar nicht aneinander, was aber wohl vor allem an Fabers persönlicher Verfassung liegt.

Können sich die Ermittler auf ihre Arbeit konzentrieren oder sind sie – wie so oft in Dortmund – durch persönliche Probleme abgelenkt?

Zumindest Martina Bönisch funktioniert diesmal tadellos – keine Konflikte um ihren renitenten Nachwuchs, keine desolat verlaufenden Affären, kein Zoff mit den Vorgesetzten. Überhaupt bleibt Privates weitgehend außen vor.

Gut, GANZ ohne persönliche Malessen geht’s dann doch nicht – Nora Dalay wird von Panikattacken geplagt. Das ist eine der am beeindruckendsten gespielten Szenen des Films. Und auch in Jan Pawlak Privatleben scheint es zu rumoren. Aber verglichen mit Fabers Zustand sind das alles wirklich nur Peanuts.

Martina Boenisch macht Nora eine klare Ansage

Lohtn sich der Tatort INFERNO ? – Kann man aus dem Tatort etwas lernen ?

TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Unter Schock: Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) muss verarbeiten, was sie gerade erlebt hat. © WDR/Thomas Kost
TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Unter Schock: Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) muss verarbeiten, was sie gerade erlebt hat. © WDR/Thomas Kost

Allerdings!

Der Film macht deutlich, dass die EU möglicherweise ihre Verordnung zur Abschaffung der Plastiktüte noch einmal überdenken sollte. Die Dinger sind doch hin und wieder ganz nützlich und nicht in jedem Fall durch Jutesack oder Leinenbeutel zu ersetzen.

Wird der Dortmunder Oberbürgermeister diesmal wieder – wie nach der letzten Folge ZORN – Rabatz machen, weil seine Stadt im Film zu negativ dargestellt wird ? 

Wohl nicht – die Stadt Dortmund spielt in diesem Film eine eher untergeordnete Rolle. Und zumindest das Krankenhaus sieht von innen ganz passabel aus.

Also: Lohnt sich der Tatort INFERNO ?

INFERNO ist sein großer Strudel“.

TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Regisseur Richard Huber (links) mit Jörg Hartmann (rechts) bei den Dreharbeiten.© WDR/Thomas Kost
TATORT: INFERNO, Regie Richard Huber, Drehbuch Markus Busch, am Sonntag (14.04.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Regisseur Richard Huber (links) mit Jörg Hartmann (rechts) bei den Dreharbeiten.© WDR/Thomas Kost

So beschreibt Regisseur Richard Huber seinen Film aus Fabers Sicht. Und genau dieses Gefühl stellt sich auch beim Zuschauer ein. Man hätte angesichts der Voraussetzungen einiges erwarten können: Ein interessantes Milieu, Faber so nah am Abgrund wie nie, außerdem mit Richard Huber einen erfahrenen Tatort-Regisseur, dem wir mit STURM (2017) einen der grandiosesten Dortmunder Tatorte verdanken. INFERNO geriet jedoch nur zu einem soliden, aber insgesamt eher durchschnittlichen Krimi, der wohl nicht als ein absoluter Klassiker in die Tatort Geschichte eingehen wird. Über weite Strecken fehlt die Spannung, was vor allem am Drehbuch von Markus Busch liegt.

FAZIT: Wir vergeben 6 von 10 möglichen Punkten in der Tatort-Rangliste – vor allem für die grandiosen schauspielerischen Leistungen von Jörg Hartmann und Aylin Tezel.