Lohnt sich der Tatort GLÜCK ALLEIN?

TATORT WIEN

Tatort GLÜCK ALLEIN. Harald Krassnitzer (Moritz Eisner), Adele Neuhauser (Bibi Fellner). Foto: ORF/Hubert Mican.

Der Herrgott persönlich hat nach dem unfreiwilligen Abgang des Ex-TATORT-Koordinators Gebhard Henke offenbar dessen Funktion übernommen. Denn wer sonst hätte es fertiggebracht, uns zwei Wochen nach Bekanntwerden des „Ibiza-Videos“ einen Wiener Tatort zu bescheren, der in vielfacher Hinsicht Bezüge zur derzeitigen österreichischen Regierungskrise aufzuweisen scheint – und der plötzlich eine Aktualität und Brisanz bekommen hat, die sich Autor Uli Bree und Regisseurin Catalina Molina wohl kaum je hätten träumen lassen? Wir beantworten die Frage: Lohnt sich der Tatort GLÜCK ALLEIN?

Also so etwas wie der „Film zur Krise“ – ist das Zufall?

Wahrscheinlich schon: Der Krimi wurde lange vor der Veröffentlichung des Strache-Videos fertiggestellt und ist bereits seit Monaten für diesen Sendetermin vorgesehen. Dass einige Verschwörungstheoretiker möglicherweise finstere Machenschaften des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wittern, kann aber durchaus passieren.
Trotz der aktuellen Anbindung handelt es sich bei GLÜCK ALLEIN aber keineswegs um eine Polit-Parabel, sondern um einen klassischen Krimi. Heißt: Er funktioniert auch ohne Bezüge zur derzeitigen österreichischen Krise.

Worum geht’s in GLÜCK ALLEIN?

Tatort GLÜCK ALLEIN. Im Bild: Adele Neuhauser (Bibi Fellner), Harald Krassnitzer (Moritz Eisner). Foto: ORF/Hubert M Foto: ORF/Hubert Mican.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht – wie schon öfter bei den ORF-Tatorten – ein „Großkopfeter“: Es ist diesmal Raoul Ladurner, ein prominenter Parlamentsabgeordneter, der auch als Buchautor tätig ist und sich einen Ruf als unerschrockener Kämpfer gegen Korruption und kriminelle Seilschaften erworben hat.

Eines Abends werden im Haus des selbsterklärten Saubermanns seine Frau und seine Tochter aufgefunden. Beide wurden mit einem Messer attackiert. Während bei der Ehefrau die Stiche tödlich waren, wird die Tochter schwer verletzt ins Spital gebracht. Ladurner selbst hat die beiden bei seiner Heimkehr entdeckt – so behauptet er zumindest. Was aber tatsächlich geschah, wer hinter dem Verbrechen steckt und welche Motive zur Tat geführt haben – das herauszufinden ist die Aufgabe von Bibi Fellner und Moritz Eisner.

Tatsächlich?

Nun, anfangs eher nicht.

Tatort GLÜCK ALLEIN. Im Bild: Thomas Stipsits (Manfred Schimpf), Gerti Drassl (Julia Soraperra). Foto: ORF/Hubert Mican.

Die beiden Ermittler sitzen mit ihrem Chef, Oberst Rauter, gemütlich in heiterer Runde beim Abendessen im Restaurant, als Eisner per Handy über den Vorfall in Ladurners Villa unterrichtet wird. Die beiden wollen sich an die Arbeit machen, wie üblich – werden aber von „Ernstl“ Rauter zurückgehalten: „Keine Hektik, ihr könnts dableiben“.

Zu ihrer Überraschung erfahren Moritz und Bibi, dass nicht sie diesen Fall übernehmen sollen, sondern vielmehr die Kollegin Julia Soraperra. Rauter hat vom Innenminister persönlich (!) eine entsprechende Anordnung erhalten. „Wir haben einen Einsatz, und du bekommst gleichzeitig vom Innenminister eine Weisung, dass eine andere den Fall übernehmen soll – wie geht das?“, fragt Moritz entgeistert. Rauters Antwort: „Tja, manchmal geht es in Österreich eben schneller als man denkt!“

Die beiden sind also raus aus dem Fall?

Tatort GLÜCK ALLEIN:
Im Bild: Gerti Drassl (Julia Soraperra).
Foto: ORF/Hubert Mican.

Natürlich lassen sich Eisner und Fellner nicht so schnell abschieben. Sie fahren inoffiziell zum Tatort und treffen dort auf Julia Soraperra, die die Ermittlungen bereits aufgenommen hat, aber ihrer Aufgabe offenbar nicht ganz gewachsen ist. Bibi kennt die Kollegin von früher und bietet ihr Hilfe an. Als klar wird, dass Julia und Raoul Ladurner sich kannten und Julias Rolle in dem Geschehen immer undurchsichtiger zu werden droht, wird sie vom Fall abgezogen, und Bibi und Moritz übernehmen auch offiziell wieder die Ermittlungen.

Wie wird die Geschichte erzählt?

Freunde traditioneller Krimi-Dramaturgie werden begeistert sein!

Tatort GLÜCK ALLEIN. Kommissarin Julia Soraperra (Gerti Drassl) und der Politiker Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) sorgen sich um seine schwerverletzte Tochter Foto: ORF/Hubert Mican.

Es wird chronologisch erzählt, ohne Zeitsprünge oder Rückblenden, ohne viele filmische Spielereien und vor allem ohne die gefürchteten „Experimente“. Ein klassischer Tatort also, bei dem die Suche nach Täter und Motiv im Vordergrund steht. Wir beobachten über weite Strecken des Films Eisner und Fellner bei ihrer Ermittlungsarbeit und befinden uns folglich immer auf ihrem Wissensstand. Nur gelegentlich wird in Gesprächen zwischen Julia Soraperra und Raoul Ladurner einiges angedeutet, aber einen wirklichen Wissensvorsprung gegenüber der Polizei hat der Zuschauer nicht.

Was gibt’s über das Personal zu sagen?

GLÜCK ALLEIN kommt mit einer sehr überschaubaren Zahl an Charakteren aus.

Tatort GLÜCK ALLEIN.Kommissarin Julia Soraperra (Gerti Drassl) und Ernst Rauter (Hubert Kramar). Foto: ORF/Hubert Mican.

Neben der „Stammbelegschaft“, also den beiden Ermittlern Eisner und Fellner und ihrem Vorgesetzten Rauter sowie dem Kollegen Fredo Schimpf und dem Gerichtsmediziner Kreindl, stehen die beiden Hauptpersonen Julia Soraperra und Raoul Ladurner eindeutig im Mittelpunkt. Alles andere sind Nebenfiguren, die bestenfalls für wenige Minuten in kurzen Sequenzen auftauchen – so auch der erwähnte Innenminister.

Die Handlung fokussiert sich im Lauf der Zeit immer stärker auf das Verhältnis zwischen dem prominenten Politiker und der jungen Polizistin, und es wird bald klar, dass auch die Ereignisse in der Mordnacht damit im Zusammenhang stehen.

Gewähren Moritz Eisner und Bibi Fellner uns wieder Einblicke in ihr durchaus turbulentes Privatleben?

Kaum.

Tatort GLÜCK ALLEIN. Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Foto: ORF/Hubert Mican.

Abgesehen davon, dass Bibi eine alte Bekannte aus ihrer Zeit bei der Sitte besucht und zum Fall befragt, spielt Persönliches und Privates diesmal fast keine Rolle.

Halt, doch: Bibi und Moritz haben sich – offenbar aus Versehen – beide das Rauchen angewöhnt und paffen bei jeder Gelegenheit fleißig vor sich hin. Aber sie sind damit nicht ganz glücklich und schmieden bereits Pläne für die Entwöhnung.

Was erfahren wir nebenbei über Moritz`Kindheit und Jugend?

Über Bibis gestörtes Verhältnis zu ihrem Vater sind wir ja seit dem Tatort PARADIES (2014) bestens informiert. Nun hören wir, dass auch Moritz Eisners Kindheit wohl nicht ganz harmonisch verlaufen ist. Aber Bibi tröstet ihn: „Nicht alle, die eine beschissene Kindheit hatten, werden zu Psychopathen.“ Moritz entgegnet: „Wir zwei schon!“

Bleibt zwischen Moritz und Bibi alles beim Alten?

Tatort GLÜCK ALLEIN. Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Foto: ORF/Hubert Mican.

Anfangs hat man schon den Eindruck des einen oder anderen „Deja Vu“: Einmal mehr bekommt der Vorgesetzte „Ernstl“ massiven „Druck von oben“, einmal mehr wird er durch geheimnisvolle Mächte in Politik, Justiz und Polizeiapparat aufgefordert, Eisner und Fellner an die kurze Leine zu nehmen oder komplett kaltzustellen – und einmal mehr lassen sich die beiden das nicht gefallen und bringen ihren Chef damit in arge Bedrängnis.

Aber: Zwischen Bibi und Moritz gibt’s diesmal eine Art Rollentausch: Während Bibi normalerweise immer wieder ihren Emotionen freien Lauf lässt und nach Bauchgefühl ermittelt, macht diesmal Eisner aus seiner Abneigung gegen den Polit-Star Ladurner keinen Hehl. Und obwohl dieser ihm ein handsigniertes Exemplar seines neuen Buchs schenkt, steigert sich Moritz in den Verdacht hinein, Ladurner könnte etwas mit dem Verbrechen zu tun haben….

Was gibt’s zu den schauspielerischen Leistungen zu sagen?

Nur Gutes.

Tatort GLÜCK ALLEIN. Im Bild: Cornelius Obonya (Raoul Ladurner), Gerti Drassl (Julia Soraperra). Foto: ORF/Hubert M Foto: ORF/Hubert Mican.

Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer gehören inzwischen mit Recht zu den beliebtesten Ermittlerteams – man schaut ihnen einfach gerne zu. Aber auch Cornelius Obonya als Ladurner und Gerti Drassl als Polizistin Julia machen ihre Sache ganz hervorragend. Besonders letztere beeindruckt durch eine breite Palette schauspielerischer Mittel, die sie souverän einsetzt, um die emotionalen Wandlungen ihrer Figur deutlich zu machen. Vor allem in der dramatischen Schlusssequenz läuft sie, ebenso wie ihr Kollege Obonya, zur absoluten Hochform auf. Die beiden bescheren dem Zuschauer ein eindringliches Finale, das er nicht so schnell vergisst.

Wie sieht’s mit der Spannung in GLÜCK ALLEIN aus?

Tatort GLÜCK ALLEIN. Im Bild: Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) verhöhrt die ukrainische Geschäftsfrau Natalia Petrenko (Dorka Gryllus). Foto: ORF/Hubert M Foto: ORF/Hubert Mican.

Wir haben es mit einem durchaus spannenden Tatort zu tun, der den Zuschauer über die komplette Laufzeit in Atem hält. Auch wenn wir weitgehend nur die ganz normale Ermittlungsarbeit beobachten, werden wir durch die Entwicklung der Handlung und überraschende Wendungen bei Laune gehalten. Im Lauf der Zeit verdichtet sich die Spannung, und wir fiebern der Auflösung entgegen – so wie es sich für einen guten Krimi gehört. Und dass das Ende in dieser Form nicht vorherzusehen war, bestätigt nur den insgesamt positiven Eindruck, den der Film hinterlässt.

Welche Rolle spielt die Musik?

Eine gewichtige. Schon die erste Szene wird, passend für einen Wiener Krimi, stimmungsvoll durch die „Kleine Nachtmusik“ untermalt – verfasst bekanntlich vom zweitberühmtesten Österreicher überhaupt.

Für die übrige Filmmusik zeichnet Patrik Lerchmüller verantwortlich, der durch einen ebenso unaufdringlichen wie einfühlsamen, vor allem vom Klavier getragenen Soundtrack viel zur Atmosphäre und zur Spannungssteigerung beiträgt.

Wie gut ist die filmische Umsetzung durch Regisseurin Catalina Molina gelungen?

Tatort GLÜCK ALLEIN. Im Bild:Bibi Fellener (Adele Neuhauser). Foto: ORF/Hubert M Foto: ORF/Hubert Mican.

Sehr gut – der Geschichte angemessen, passend zur eher gedrückten Stimmung und zur düsteren Atmosphäre, die sich durch den Film zieht. GLÜCK ALLEIN spielt offensichtlich in der kühleren Jahreszeit – entsprechend dominieren dunklere Töne; etliche Sequenzen spielen in der Nacht oder unter grauem Winterhimmel. Besonders scheint es der Regisseurin und dem Kameramann Klemens Hufnagl aber die Farbe Blau angetan zu haben: Die Szenen sind in unterschiedlich intensive Blautöne getaucht.

Als passionierter Verschwörungstheoretiker kann man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Mitglieder der Freiheitlichen Partei in Österreich ja als „Die Blauen“ bezeichnet werden – mit Recht, wie wir spätestens seit dem inzwischen legendären Video wissen. Zufall? Wie gesagt: Alles pure Verschwörungstheorien.

Aber apropos: Die Ex-Alkoholikerin und heutige Abstinenzlerin Bibi Fellner hält sich diesmal tapfer und geht allen diesbezüglichen Versuchungen aus dem Weg.

Welche inszenatorischen Mittel verwendet die Regisseurin?

Tatort GLÜCK ALLEIN. Im Bild: Kommissar Manfred Schimpf (Thomas Stipsits) und seine Kollegin Julia Soraperra (Gerti Drassl) sowie das Ermittler-Duo Bibi Fellner (Adele Neuhauser, 2. v. re.) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer,re.). Foto: ORF/Hubert M Foto: ORF/Hubert Mican.

Der Film knüpft insgesamt ein wenig an „Film noir“-Traditionen an. Vieles wirkt stilisiert, das blaue Licht sorgt für eine kühle, bedrohliche Atmosphäre. Handwerklich ist der Film perfekt eingerichtet und durchdacht – allerdings fehlt der Regisseurin noch die eigene Handschrift, die aus einem guten Film einen sehr guten macht, an den man sich längerfristig erinnert.

Regisseurin Catalina Molina gönnt sich aber auch den einen oder anderen Ausflug ins Skurrile. Schon die Anfangsszene ist ein kleines Meisterstück in Sachen Schwarzer Humor: Das traditionelle TATORT-Fadenkreuz des Vorspanns blendet direkt in eine von oben gefilmte Herdplatte über. In der Restaurantküche wird das Menü für Moritz, Bibi und Ernstl zubereitet. Der Koch hantiert mit Bestecken aller Art, wetzt die Messer, zerteilt die blutigen Fleischballen, zersägt die Muskeln und Fasern – und steckt zum Schluss die Rechnung auf einen Bonspieß. Kundige TATORT-Seher erahnen bereits, dass hier mit kulinarischen Mitteln ein Mord imitiert wird – der tatsächlich kurz zuvor passiert ist.

Die alles entscheidende Frage: Lohnt sich GLÜCK ALLEIN?

Tatort GLÜCK ALLEIN. Im Bild: .Im Bild: Thomas Stipsits (Manfred Schimpf), Adele Neuhauser (Bibi Fellner), Harald Krassnitzer (Moritz Eisner). Foto: ORF/Hubert M Foto: ORF/Hubert Mican.

Unter normalen Umständen wäre dies ein guter, spannender, düsterer, eindrücklich gespielter und fotografierter Krimi, der der inzwischen imposanten Reihe sehenswerter Eisner/Fellner-Tatorte einen weiteren hinzufügt.

Angesichts der aktuellen politischen Situation an der schönen blauen Donau erhält der Film aber eine ganz neue Dimension. Er wird quasi mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen und entwickelt sich unfreiwillig zu einer stellenweise höchst vergnüglichen Tragikomödie. Das war von den Machern gewiss nicht so gewollt, aber als Zuschauer kommt man nicht umhin, permanent nach Parallelen zur politischen Realität und nach Belegen für die fortschreitende Transformation von der Alpen- zur Bananenrepublik zu suchen.

Also: 6.5 Punkte für den Film – und noch einen halben extra für die  – wenn auch unfreiwillige – Anbindung an die Realität. Macht zusammen 7 Punkte für die Tatort-Rangliste.