Lohnt sich der Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT ?

Lohnt sich der Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT: Vorbereitungen zu den Dreharbeiten im KKL Luzern 2017 Bild: SRF/ Daniel Winkler
Lohnt sich der Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT: Vorbereitungen zu den Dreharbeiten im KKL Luzern 2017 Bild: SRF/ Daniel Winkler

Gefühlt wird der neueste TATORT aus Luzern irgendwie noch in der traditionellen Sommerpause gezeigt, denn nächsten Sonntag gibt es noch mal Sport und so richtig los geht es mit TATORTen auch erst Ende August, wie ja sonst jedes Jahr. Da versucht uns die ARD wohl einen Bären aufzubinden und platziert diesen von der Machart beachtenswerten Luzerner Krimi von Regisseur Dani Levy ähnlich gnadenlos wie den Til-Schweiger-TATORT vor 4 Wochen auf einem recht unattraktiven Sendetermin und will uns das positiv verkaufen. Auch wenn der Termin so gut zum „Lucerne Festival“ passt, das in der kommenden Woche startet: Das hat der Luzerner TATORT nicht verdient!  Lohnt sich der Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT also?

Worum geht es im neuen Schweizer Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT? 

Der greise und schwerreiche Unternehmer Walter Loving veranstaltet im Kultur- und Kongesszentrum Luzern, dem KKL, ein Benefizkonzert. Dazu sind zahlreiche Politiker und Prominente geladen, die für 10.000 Schweizer Franken einen Platz ergattert haben. Beim Auftritt des „Jewish Chamber Orchestra“, welches klassische Musik von Komponisten, die während des zweiten Weltkrieges in Konzentrationslagern umgekommen sind, spielt, wird der Klarinettist des Orchesters durch Kontaktgift an seinem Instrument vergiftet. Reto Flückiger und Liz Ritschard ermitteln im Umfeld von Walter Loving und stoßen bald auf ein dunkles Geheimnis. Dann gibt es einen zweiten Giftanschlag und das Benefizkonzert steht kurz vor dem Abbruch.

Was ist bemerkenswert an DIE MUSIK STIRBT ZULETZT? 

Lohnt sich der Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT - Entwischt: Flückiger (Stefan Gubser) schnappt sich ein Fahrrad und verfolgt den Täter. In dem Tatort ohne Schnitt schafft das Team auch einen Ortswechsel zum Luzerner Hauptbahnhof!  Copyright: SRF/Hugofilm 
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Entwischt: Flückiger (Stefan Gubser) schnappt sich ein Fahrrad und verfolgt den Täter. In dem Tatort ohne Schnitt schafft das Team auch einen Ortswechsel zum Luzerner Hauptbahnhof!  Copyright: SRF/Hugofilm

Bis auf einen Luftröhrenschnitt ist die Schnittabteilung bei diesem TATORT arbeitslos. Denn die 90 Minuten wurden an einem Stück gedreht. Somit ist die SRF-Episode der erste „One-Take-TATORT“ der Geschichte.

Nach wochenlangen Proben im Juni 2017 wurde der Film an vier Abenden Mitte Juli 2017 abgedreht. Dabei gab es jeweils zwei Takes auf schweizerdeutsch und hochdeutsch, schließlich hat man sich für die jeweils bessere Aufnahme entschieden (die jeweils zweite Fassung). So erspart man den Zuschauern in Deutschland die Synchronisation.

Weiterhin auffällig ist – gerade für eine TATORT-Folge der Neuzeit – das späte Auftreten der Kommissare. Liz Ritschard, Gast bei der Veranstaltung, tritt erstmals in Minute 20 in Erscheinung. Ihr Kollege Flückiger bewegt seinen „Knackärschli“ erst in Minute 36 von einem Heimspiel des FC Luzern in Fanmontur zum KKL. Die erste Leiche wird sogar erst in Minute 80 bekannt gegeben.

Und es ist dem Team gelungen, in dem One-Take-TATORT dem Zuschauer sogar noch eine Rückblende aus dem Südamerika der 1970er Jahre unterzujubeln. Und einen Erzähler, der sich über den Krimiklassiker TATORT durchaus ironisch-kritisch äußert und dem Zuschauer sagt, wann er am besten die Pinkelpause einlegen möge…

Ein TATORT ohne Schnitt – funktioniert das überhaupt?

In diesem Fall kann ich den Schweizern bescheinigen: Definitiv. Die Aufbereitung des Films ist sensationell. Die Reise durch das KKL zieht so in den Bann, selten hatte ich das Gefühl so nah an Handlung und Figuren zu sein. Kameramann Filip Zumbrunn ist permanent auf Achse und musste einiges an Kondition mitbringen. Es wackelt, alles dreht sich und ab und zu ist das Bild unscharf. Schnell wird man das Gefühl nicht los, als hätte man selbst fünf Wodka intus („aber keinen polnischen!“).

Es ist zudem beeindruckend, wie Regisseur Dani Levy (Tatort SCHMUTZIGER DONNERSTAG (2013) die hohe Anzahl an Schauspielern und Komparsen unter einen Hut bringt und die Abläufe dabei so abgestimmt erscheinen lässt. Die Kamera hat den Takt vorgegeben, wenn sie vorbeigefahren ist, musste alles stimmen. Und einen groben Schnitzer konnte von meiner Seite nicht ausgemacht werden. Dafür meinen großen Respekt. Ich bin sehr gern drangeblieben, obwohl …

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Selbst eine Rückblende, die an einem anderen Ort als dem Luzerner KKL stattfindet, baut Dani Levy in seinen One-Shot-TATORT ein. Grandiose, logitische Meisterleistung!. Im Bld:  Teresa Harder (als Konzertpianistin Miriam Goldstein), Kira Ineichen (Miriam Goldstein als 11-jähriges Mädchen), Judith Michel (als Mutter der kleinen Miriam) Copyright: SRF/Pascal Mora
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Selbst eine Rückblende, die an einem anderen Ort als dem Luzerner KKL stattfindet, baut Dani Levy in seinen One-Shot-TATORT ein. Grandiose, logitische Meisterleistung!. Im Bld:  Teresa Harder (als Konzertpianistin Miriam Goldstein), Kira Ineichen (Miriam Goldstein als 11-jähriges Mädchen), Judith Michel (als Mutter der kleinen Miriam) Copyright: SRF/Pascal Mora

Wie hoch ist der Spannungspegel der Folge?

….die Spannung im wahrsten Sinne des Wortes etwas auf der Strecke geblieben ist. Die Story ist nicht komplex. Alles dreht sich um ein dunkles Geheimnis der Familie Loving, welches jedoch schnell zum Vorschein kommt. Auch der Versuch einen „Whodunit“ mit der Frage, wer denn den Klarinettisten vergiftet hat, aufzubauen, scheitert, da man unter anderem von dieser geilen Kameraarbeit abgelenkt ist. So kommen die Krimirätselfreunde, die nach einigen Wochen Sommerpause etwas ausgehungert wirken, nicht ganz auf ihre Kosten.

Welchen Unterhaltungswert bietet DIE MUSIK STIRBT ZULETZT? 

Der Luzerner TATORT war noch nie bekannt für ausgiebigen Humor, was sich auch in der 14. Folge nicht ändern wird. In diesem Fall haben die Autoren aber eine erzählende Figur eingebaut, der auf recht amüsante Weise Drehbucheinfälle kommentiert und das Format des TATORTs aufs Korn nimmt. Wenn diese Erzählerfigur zum Beispiel am Ende ankündigt, dass in drei Minuten was passieren wird, dann jedoch anmerkt: „Oh, aber der TATORT ist doch gleich um“, dann erfreut das zumindest mein kleines Medienherz.

Solche Leichtigkeiten fehlt der Episode an manchen Stellen, was den standardisierten TATORT-Ermittlungen von Flückiger und Ritschard geschuldet ist. Das ist aber Meckern auf hohem Niveau. An der Stelle sei ein Vergleich zu Sebastian Schippers Film VICTORIA erlaubt, an dem sich Regisseur Levy orientiert hat – hier aber mehrere Perspektivwechsel eingebaut hat. Hier sieht man, wie so ein Film ohne Formatvorgabe noch besser funktionieren kann – aber das nur am Rande.

Wie geht die ARD aktuell mit TATORT-„Experimenten“ um?

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Da hat der Kommissar Reto doch tatsächlich sein Knackärschle ins KKL bewegt, um den Mord an dem Klarinettisten aufzuklären. Im Bild bei Übungen zu dem One-Shot-TATORT sind auch Liz Ritschard und der Sohn von Retos Freundin zu sehen. In der Mitte: der Kamermann Copyright: SRF/Daniel Winkler
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Da hat der Kommissar Reto doch tatsächlich sein Knackärschle ins KKL bewegt, um den Mord an dem Klarinettisten aufzuklären. Im Bild bei Übungen zu dem One-Shot-TATORT sind auch Liz Ritschard und der Sohn von Retos Freundin zu sehen. In der Mitte: der Kamermann Copyright: SRF/Daniel Winkler

Nach dem Machtwort im letzten Herbst von höchster Stelle, die Experimente bei der bekanntesten deutschen Krimireihe auf zwei Filme pro Jahr zu beschränken, gehen die Programmverantwortlichen nun dazu über, experimentierfreudigere TATORT-Krimis, zu denen DIE MUSIK STIRBT ZULETZT zweifelsohne gehört, zu verstecken. Die längst überfällige Folge MUROT UND DAS MURMELTIER vom Hessischen Rundfunk wurde offenbar auf den 30. Dezember 2018 terminiert. Dieses Datum und auch der 5. August sind nicht unbedingt Sonntage, an denen die Massen vor den Fernseher strömen.

Ein Zufall ? Ein Schelm, wer da Böses denkt!

Lohnt sich der Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT denn nun?

Selbstverständlich.

Zwar wird im Luzerner KKL ein Kosmos aufgebaut, dem nicht viele Zuschauer außerhalb des Fernsehsonntags beiwohnen möchten und auch die Geschichte reißt keine Bäume aus, aber DIE MUSIK STIRBT ZULETZT punktet mit innovativer Kameraarbeit, gut besetzten Schauspielern und einem Regisseur, der sein Handwerk versteht und Einstellung für Einstellung auf den Punkt in Szene gesetzt hat.

Bei meinem heutigen FAZIT zitiere ich das Versprechen der Erzählerfigur zu Beginn des Filmes: „Es ist eine erbärmliche Geschichte heute Abend, aber ihr werdet euren Spaß haben!“

Ich vergebe 7,5 von 10 möglichen Punkten. Und: Die Schweiz braucht sich in TATORT-Dingen schon lange nicht mehr verstecken!