Lohnt sich der Tatort DER TURM ?

TATORT: FRANKFURT

TATORT: DER TURM: Paul Brix (Wolfram Koch, li.) und Jonas (Isaak Dentler). © HR/Degeto/Bettina Müller
TATORT: DER TURM: Paul Brix (Wolfram Koch, li.) und Jonas (Isaak Dentler). © HR/Degeto/Bettina Müller

Schluss mit feierlich: Der Tatort am Zweiten Weihnachtstag beendet die feierliche Stimmung mit Verve. Sex-Partys, zersplitterte nackte Frauenleichen, bedrohlicher Raubtierkapitalismus und eine machtlose Polizei – halleluja! Gerade zu Weihnachten stellt sich die besinnliche Frage: Lohnt sich der Tatort DER TURM?

Worum geht es überhaupt in DER TURM?

Tatsächlich – um einen Turm. Genauer gesagt: Um eines jener Büro-Hochhäuser, die die Skyline des Finanzstandorts Frankfurt/Main so unübersehbar prägen. Und vor diesem Turm liegt nun eine nackte, übel zugerichtete Frauenleiche – der Weihnachtsbraten sollte also schon gegessen sein, bevor man sich zum Tatortschauen niederlässt, sonst könnte einem etwas der Appetit vergehen. Nicht zuletzt auch, weil die junge Frau vor ihrem Tod auf verschiedenste Weise penetriert wurde und einen bunten Cocktail an Spermaspuren aufweist. Frohes Fest!

Nun stellt sich den Frankfurter Ermittlern Jannecke und Brix die Frage: Mord? Unfall bei einer Orgie? Selbstmord? Um das zu klären, müssen sie im Turm ermitteln. Doch der erweist sich als kaum einnehmbare Festung.

Und worum geht es wirklich in DER TURM?

Um den modernen Finanzkapitalismus.

Das Plakatmotiv zum Frankfurter Tatort DER TURM, Bild:HR
Das Plakatmotiv zum Frankfurter Tatort DER TURM, Bild:HR

Der Tatort DER TURM ist als Parabel auf die Unkontrollierbarkeit, Undurchsichtigkeit und Systemfeindlichkeit der globalen Finanzmärkte und ihrer Auswüchse angelegt. Der Turm selbst ist hier nicht nur eindrucksvolle Kulisse, sondern auch konkrete Metapher: Bedrohlich ragt er über den Ermittlern empor, wer sich in ihn hineinbegibt, verschwindet in einer Parallelwelt mit eigenen Gesetzen, auf die klassisches Recht und Ordnung keinen Einfluss mehr haben. Da drin läuft alles nach eigenen Regeln, versinnbildlicht durch die Unfähigkeit der Ermittler, mangels konkreter Verdachtsmomente einen Durchsuchungsbeschluss zu bewirken, weshalb sie beim Besuch im Turm brav ihre Waffen bei der turmeigenen Security abgeben müssen, die sich auch sonst recht unbeeindruckt gegenüber der staatlichen Ordnungsmacht zeigt. DER TURM steht also auch für einen Staat im Staate, der nach eigenen Gesetzen arbeitet und sich um die Regeln des Territoriums um ihn herum nur insofern schert, dass eine gewiefte Anwältin sie mit dessen eigenen Mitteln so gut es geht torpediert.

Bedrohliche Gebäude, Parabel, Metaphern – ist DER TURM schon wieder so ein Frankfurter-Experimental-Tatort?

TATORT: DER TURM: Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) © HR/Degeto/Bettina Müller
TATORT: DER TURM: Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) © HR/Degeto/Bettina Müller

Na ja – ein völlig der Wirklichkeit entrücktes Horrorhaus wie in FÜRCHTE DICH ist DER TURM nicht. Einerseits geht es in diesem Tatort durchaus klassisch zu: Die Leiche liegt schon in der ersten Einstellung zermatscht auf dem Boden, die Ermittler ermitteln vor sich hin, genretypische Alleingänge, Verstöße gegen die Vorschriften und Aufbegehren gegen die Vorgesetzten inklusive, es tauchen klassische Verdächtige auf.

Aber andererseits kommen die Ermittlungen letztlich kaum voran, weil Brix und Jannecke früh die Hände gebunden werden. Ordentliche Beweise können sie nicht vorlegen, der Turm zeigt sich höchst abweisend und will die Vertreter der fremden Ordnungsmacht nicht zwischen seinen Glaswänden dulden, es fehlt jede Handhabe, um in ihn einzudringen, und ganz offenbar werden im Hintergrund von einflussreichen Akteuren Strippen gezogen. Die Ermittler prallen an den Glaswänden also ab, wie es Vögel üblicherweise tun, Blessuren bis Genickbruch inklusive.

TATORT: DER TURM: Anna Janneke (Margarita Broich) © HR/Degeto/Bettina Müller
TATORT: DER TURM: Anna Janneke (Margarita Broich) © HR/Degeto/Bettina Müller

Zum anderen ist der Tatort in seltsam grün- und gelbstichigen Farben gedreht, wie durch die getönten Scheiben des Gebäudes gefilmt, gerne mal ist auch alles düster oder unscharf oder unscharf und düster. Auch filmisch also wird schwer gedräut, was das Zeug hält.

Und dann wäre da noch das Ende … Aber da soll hier nichts verraten werden, nur so viel: Die ARD tut vermutlich gut daran, die Weihnachtsbesetzung an den Zuschauertelefonen deutlich aufzustocken.

Insgesamt kann durchaus festgestellt werden: Auch dieser Tatort versucht, die Grenzen der Reihe zumindest auszuloten, auch wenn er sie nicht wirklich überschreitet.

Wie plausibel ist DER TURM?

TATORT: DER TURM: Justiziarin Dr. Rothmann (Katja Flint, re.) und Anna Janneke (Margarita Broich). © HR/Degeto/Bettina Müller
TATORT: DER TURM: Justiziarin Dr. Rothmann (Katja Flint, re.) und Anna Janneke (Margarita Broich). © HR/Degeto/Bettina Müller

Schwer zu sagen. Denn eine der Eigenheiten dieses Films ist, dass er ziemlich strikt aus der Perspektive der Ermittler erzählt wird. Und die ist äußerst beschränkt, weil sie ja nirgends reinkommen. Und weil Jannecke gleich zu Beginn ordentlich eins übergebraten bekommt und dann mit Schädel-Hirn-Trauma und hirnschwellungsbedingten Fehlwahrnehmungen kämpft.

Nur ganz selten weitet sich das Bild, und was der Zuschauer dann zu sehen bekommt, trägt auch nicht gerade zur Klarheit bei, sondern verstärkt nur das Bild einer im Hintergrund lauernden Bedrohung, hier von Anfang an symbolisiert durch einen schwarz vermummten Motorradfahrer, der offenbar die Ermittler beobachtet. Da wir ansonsten aber über weite Strecken nicht erfahren, was da eigentlich passiert im Hintergrund, kann man auch nur mutmaßen, ob die Handlung schlüssig wäre oder nicht. Obwohl man sich schon ein bisschen wundert, warum die Leiche eigentlich direkt vor dem Turm herumliegt. Mystery ohne paranormalen Quatsch, sondern durch blanken Informationsentzug. Das eine oder andere Logikloch schimmert da zwar durch – aber wer weiß, vielleicht ist auch das nur Teil des perfiden Plans der dunklen Hintermänner?

Wie gesellschaftlich relevant ist DER TURM?

Klare Sache, dieser Tatort hat eine Mission.

TATORT: DER TURM: Bijan (Rauand Taleb, li.) und Paul Brix (Wolfram Koch). Im Hintergrund: Jonathan (Rouven Israel) © HR/Degeto/Bettina Müller
TATORT: DER TURM: Bijan (Rauand Taleb, li.) und Paul Brix (Wolfram Koch). Im Hintergrund: Jonathan (Rouven Israel) © HR/Degeto/Bettina Müller

Er ist eine künstlerisch verdichtete Anklage gegen den Finanzkapitalismus, und das durchaus wirkungsvoll in Szene gesetzt. So hübsch griffig kondensiert wie in Form des Turms und seiner sinistren Mieter sah man das selten im Fernsehen umgesetzt. Wo BAD BANKS oder THE WOLF OF WALL STREET die Auswüchse der modernen Geldwirtschaft durch überdrehte Innenansichten erkennbar machen wollten, wählt DER TURM den umgekehrten Weg.

So geheimnisvoll, wie solche Gebäude für Unbeteiligte nun einmal wirken, so undurchdringbar, wie die zugrundeliegenden Geschäftsmodelle (ist das überhaupt der richtige Ausdruck für das, was hinter diesen Scheiben passiert?), so unverständlich die globalen Firmenkonstruktionen und Besitzverhältnisse, genauso wirkt dieser raumschiffartige Turm im Zentrum von Frankfurt. Unterm Strich hat man keine Ahnung, was da eigentlich passiert, und das gilt hier gleich doppelt: vordergründig für den Kriminalfall, in dem die Ermittler auf der Stelle treten, hintergründig eben für die Geschäfte und Netzwerke, die sich im Turm entwickeln.

TATORT: DER TURM: Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). © HR/Degeto/Bettina Müller
TATORT: DER TURM: Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). © HR/Degeto/Bettina Müller

Allerdings sei angemerkt, dass das Düster-Dräuende dem unheilvollen Trend zu Verschwörungstheorien sehr entgegenkommt. Auch die Aluhut-und Querfront-Fraktion wird also ihre Freude haben an diesem Film, der die antiglobalistischen Affekte von Links bis AfD bestens bedient. Hier finden sich Parallelen zum in der Grundaussage nicht unähnlich gestrickten Tatort-Vorgänger WENDEHAMMER aus Frankfurt.  Man hat in Frankfurt offenbar ein gewisses Faible für Verschwörungsgeschichten entwickelt.

Was für ein Gebäude ist DER TURM eigentlich in der echten Welt?

TATORT: DER TURM: Paul Brix (Wolfram Koch, li.) und Jonas (Isaak Dentler). © HR/Degeto/Bettina Müller
TATORT: DER TURM: Paul Brix (Wolfram Koch, li.) und Jonas (Isaak Dentler). © HR/Degeto/Bettina Müller

Es passt schön zum Film: Noch vor der Ausstrahlung ist der echte Turm verschwunden. Das 1971 fertiggestellte und von F. Wilhelm Simon entworfene, 93 Meter hohe Bürohochhaus stand in der Großen Gallusstraße in Frankfurt und diente zwischenzeitlich etwa dem Deutsche Bank Investment Banking Center als Unterkunft. Im Oktober 2018 wurde er final abgerissen. Es gibt sozusagen keine Spuren mehr …

Und: Lohnt sich der Tatort DER TURM denn nun?

TATORT: DER TURM: Die Ermittlungen gestalten sich schwierig für Jonas (Isaak Dentler, li.) und Paul Brix (Wolfram Koch)  © HR/Degeto/Bettina Müller
TATORT: DER TURM: Die Ermittlungen gestalten sich schwierig für Jonas (Isaak Dentler, li.) und Paul Brix (Wolfram Koch) © HR/Degeto/Bettina Müller

Definitiv ja.

Ein ungewöhnlicher Krimi, eine bildmächtige Filmsprache, eine kunstvolle Inszenierung, ohne überfrachtet zu wirken, ein insgesamt durchaus verstörender Film, der zwar nicht immer im klassischen Sinne hochspannend ist, aber dafür ziemlich geheimnisvoll daherkommt und mit einem unkonventionellen Ende überrascht.

Ich gebe für DER TURM mysteriöse 8 Punkte in der Tatort-Rangliste