Lohnt sich der Tatort DER MANN, DER LÜGT ?

TATORT: STUTTGART

Tatort DER MANN, DER LÜGT - Worauf wollen die Kommissare Lannert und Bootz hinaus? Jakob Gregorowicz versucht sich in der Befragung zu behaupten. Bild: SWR/Alexander Kluge
Tatort DER MANN, DER LÜGT - Worauf wollen die Kommissare Lannert und Bootz hinaus? Jakob Gregorowicz versucht sich in der Befragung zu behaupten. Bild: SWR/Alexander Kluge

Die Stuttgarter Kommissare ermitteln wieder – sie haben sich in den letzten Jahren gefühlt etwas rar gemacht, die Abstände zwischen ihren Fällen waren oft sehr lang. Dieses Jahr, zum Jubiläum der Kommissare, ermitteln sie auch nur ein einziges Mal. Wird uns die neue Folge dafür entschädigen, oder anders gefragt: Lohnt sich der Tatort DER MANN, DER LÜGT ?

Worum geht es im neuen Stuttgarter Tatort?

Um einen Lügner. Um Ausreden, Geheimnisse und Scham.

Zentral: der  titelgebende Mann, der lügt. Er heißt Jakob Gregorowicz, hat eine Frau, eine Tochter, ein schönes Eigenheim und offenbar ausreichend Geld, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Man könnte meinen, Jakob lebt in einer heilen Welt.

Plötzlich tauchen in diese Idylle unsere Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz ein, erstmal ganz unverfänglich, dann immer nachhaltiger und bringen diese Idylle immer mehr ins Wanken, schließlich zum Einsturz.

Alles beginnt damit, dass Lannert und Bootz Jakobs Namen im Terminkalender eines toten Anlageberaters finden, den Jakob anfangs nur flüchtig gekannt haben will. Jakob verstrickt sich in Widersprüche, zieht Freunde in sein Lügengeflecht und macht die Sache schlimmer (als sie anfangs war). Die Stuttgarter Kommissare finden schnell heraus, dass Jakob nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. Trotzdem gehen sie mit ihm fair und geradezu verständnisvoll um, bleiben in der Sache aber hart und unnachgiebig. Sie konfrontieren ihn mit weiteren Details und Fakten. Jakob reagiert zunehmend nervös, ängstlich und panisch.

Schnell ist Jakob der Hauptverdächtige in diesem Fall.

Was ist das Besondere an diesem Stuttgarter Tatort?

Tatort DER MANN, DER LÜGT: Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) fühlt sich in der Falle. © SWR/Alexander Kluge
Tatort DER MANN, DER LÜGT: Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) fühlt sich in der Falle. © SWR/Alexander Kluge

Die Perspektive bzw. der Wechsel der Perspektive. Denn der ganze Fall wird aus Jakobs Sicht erzählt. Aus Sicht eines Verdächtigen. Wie und was die Polizei herausfindet, bleibt meist immer unklar: Eine Black Box.

Der Zuschauer weiß immer nur so viel, wie Jakob. Bei den vielen Verhören konfrontieren die Kommissare ihn mit neuen Erkenntnissen, auf die Jakob spontan und meist sehr nervös reagiert. Die Kamera zeigt Jakobs körperliche Reaktionen dabei intensiv und genau, das Drumherum wird unwichtig, es verschwimmt, wird geradezu unscharf im Bild der Kamera – eben aus seiner Perspektive. Trotzdem wird Jakobs Innenleben für den Zuschauer nicht komplett deutlich. Seine körperlichen Reaktionen werden visualisiert, seine Gedanken bleiben in ihm. Wenn er spricht lügt er oder verstrickt sich in Widersprüche.

Und was wirklich passiert ist, warum Jakob (ganz offensichtlich) lügt, wird nur sehr langsam deutlich, wenn überhaupt.

Gab es so einen Perspektivwechsel im Tatort schon mal?

Tatort DER MANN, DER LÜGT: Für Katharina (Britta Hammelstein) wird das alles zuviel. Sie will Abstand von Jakob (Manuel Rubey) und hat zu ihrer Unterstützung ihren Bruder Moritz (Hans Löw) mitgebracht., Bild: SWR/Alexander Kluge
Tatort DER MANN, DER LÜGT: Für Katharina (Britta Hammelstein) wird das alles zuviel. Sie will Abstand von Jakob (Manuel Rubey) und hat zu ihrer Unterstützung ihren Bruder Moritz (Hans Löw) mitgebracht., Bild: SWR/Alexander Kluge

Unserer Erinnerung nach nicht. Ein echtes Novum also? – Sieht so aus!

Tatort ist seit 1970 als Krimiformat immer ein Ermittlerkrimi gewesen. Immer steht die Polizei (oder eine andere Behörde) im Vordergrund, der Ermittler mitsamt der detektivischen oder forensischen Arbeit. Das Gewinnen neuer Erkenntnisse in einem Fall ist immer die rote Linie jeder Folge. Ob dabei der Täter bekannt war (“Howcatchem”) oder nicht (“Whodunit”): der Krimi war immer aus der Perspektive des Ermittlers, der Polizei gezeigt. Natürlich immer wieder gespickt mit Szenen, wo Reaktionen von Verdächtigen oder Tätern gezeigt werden – eine Flucht oder Schweißperlen auf der Stirn beispielsweise. Auch das treibt seit 1970 die Entwicklungen in einer Geschichte weiter.

Aber in DER MANN, DER LÜGT wird diese Perspektive 100%ig konsequent durchgehalten und beibehalten. Wie, aber vor allem was die Kommissare Lannert und Bootz ermitteln, erfährt der Zuschauer nur über Jakob – quasi in seiner Gegenwart.

Das Tatort-Sonntagsritual wird – salopp gesagt – so etwas auf den Kopf gestellt. Die dramaturgische Salami-Taktik macht den DER MANN, DER LÜGT zu einem spannenden Krimi.

Tatort DER MANN, DER LÜGT: Schon wieder stehen die Kommissare Bootz und Lannert vor der Tür! Katharina und Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) fürchten Schlimmes, aber eigentlich ist diesmal ihr Freund Armin Gross (Holger Daemgen, im Hintergrund) gemeint. © SWR/Alexander Kluge
Tatort DER MANN, DER LÜGT: Schon wieder stehen die Kommissare Bootz und Lannert vor der Tür! Katharina und Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) fürchten Schlimmes, aber eigentlich ist diesmal ihr Freund Armin Gross (Holger Daemgen, im Hintergrund) gemeint. © SWR/Alexander Kluge

Werden die Ermittler Lannert und Bootz etwa zu Nebenfiguren degradiert?

Nein.

Die beiden Ermittler tauchen ausreichend oft auf und bekommen vom Drehbuch genügend Raum zugesprochen. In den langen und ausführlichen Verhörszenen kommen Lannert und Bootz sehr zur Geltung. Und auch sonst tragen sie den Fall mit, auch wenn das Augenmerk ganz klar auf der Verdächtigenfigur von Jakob liegt.

Und die anderen Teammitglieder?

Es fehlt diesmal eigentlich nur der Gerichtsmediziner Voigt. Aber die Staatsanwältin Alvarez und die Kriminaltechnikerin Banovic sind kurz zu sehen.

Die Kriminaltechnikerin Banovic allerdings zum letzten Mal, denn die Darstellerin Mimi Fiedler steigt aus dem Stuttgarter Tatort aus. Pünktlich zum 10. Geburtstag des Stuttgarter Tatort-Konzept in der Post-Bienzle-Ära übrigens.

Tatort DER MANN, DER LÜGT - Staatsanwältin Emilia Álvarez hat eine Hausdurchsuchung bei Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) erwirkt., Bild: SWR/Alexander Kluge
Tatort DER MANN, DER LÜGT – Staatsanwältin Emilia Álvarez hat eine Hausdurchsuchung bei Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) erwirkt., Bild: SWR/Alexander Kluge

Wie – Jubiläum?

Ja, tatsächlich. Den ersten Fall lösten Lannert und Bootz bereits vor 10 Jahren: Im März 2008 lief die erste Folge HART AN DER GRENZE und DER MANN, DER LÜGT läuft über 10 Jahre später. Also ein Grund zum Feiern, eine besondere Folge!?

Besonders: ja, Jubiläum: nein!

Die Macher haben das offenbar völlig vergessen oder wollten es nicht thematisieren. Also im Film. Denn da gibt es keinerlei Erwähnung, kein Sterbenswörtchen zum feierlichen Hintergrund. Nur in den Presse-Unterlagen spricht der Sender notgedrungen von dem kleinen Jubiläum der TV-Ermittler aus Stuttgart und spendiert einen kleinen Rückblick in Bildern.

Tatort DER MANN, DER LÜGT: Jakob (Manuel Rubey) wäre es am liebsten, wenn Katharina den Tennispartnern Frank Schacht (Robert Schupp) und Detlef Schönfliess (Marc Fischer) so wenig wie möglich über die Mordermittlungen erzählt. Aber die beiden haben den Ermordeten auch gekannt und sind natürlich neugierig. © SWR/Alexander Kluge
Tatort DER MANN, DER LÜGT: Jakob (Manuel Rubey) wäre es am liebsten, wenn Katharina den Tennispartnern Frank Schacht (Robert Schupp) und Detlef Schönfliess (Marc Fischer) so wenig wie möglich über die Mordermittlungen erzählt. Aber die beiden haben den Ermordeten auch gekannt und sind natürlich neugierig. © SWR/Alexander Kluge

Zurück zum Film – welche Stärken hat DER MANN, DER LÜGT?

Sehr viele.

Neben dem Perspektivwechsel, der für die Drehbuchautoren sicher harte Konstruktions-Arbeit war, ist der Film sehr spannend und fesselnd. Und das ohne viele Effekte oder actionlastige Regiemätzchen.

Der Hauptdarsteller Manuel Rubey spielt meisterhaft und trägt diesen Film. Er hält die Spannung und schafft es, der Figur Jakob immer noch so viel Geheimnis und Unklarheit zu lassen, dass man als Zuschauer verwundert ist, dass man so einen Lügner streckenweise auch noch sympathisch findet.

Lohnt sich das Einschalten ?

Tatort DER MANN, DER LÜGT: Um die am Tatort gefundenen DNA-Spuren zuordnen zu können, bitten Sebastian Bootz (Felix Klare) und Nika Banovic (Mimi Fiedler) Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) um eine Speichelprobe. Bild: SWR/Alexander Kluge
Tatort DER MANN, DER LÜGT: Um die am Tatort gefundenen DNA-Spuren zuordnen zu können, bitten Sebastian Bootz (Felix Klare) und Nika Banovic (Mimi Fiedler) Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) um eine Speichelprobe. Bild: SWR/Alexander Kluge

Na selbstverständlich!

DER MANN, DER LÜGT ist ein kleines Herbst-Highlight. Spannend, fesselnd und klug erzählt. Auch die Lokalkolorit-Fetischisten werden befriedigt: die Landeshauptstadt Stuttgart zeigt sich ganz nebenbei, das (Fernseh-)Schwäbisch wird weiter gepflegt und unterstreicht die dichte Atmosphäre dieses Krimis.

FAZIT: Schon wegen des veränderten Perspektivwechsels ist diese Folge ein absolutes Muss für Tatort-Fans.

DER MANN, DER LÜGT zeigt uns auch: Die Möglichkeiten, im Tatort gute Geschichten zu erzählen, sind doch noch nicht ausgeschöpft, wie uns Kritiker und Besserwisser immer wieder weiß machen wollen, die nur noch von “Experimenten” sprechen und Tatorte in “echter Tatort” und “kein echter  Tatort” einordnen wollen.

Ich spendiere für DER MANN, DER LÜGT 9 Punkte in der Tatort-Rangliste.