Lohnt sich der Tatort DAS MONSTER VON KASSEL ?

TATORT NORDHESSEN

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Paul Brix (Wolfram Koch), Anna Janneke (Margarita Broich, Mitte) und Constanze Lauritzen (Christina Große). © HR/Degeto

Monster wurden in der beschaulichen Nordhessenmetropole Kassel in letzter Zeit kaum gesichtet, doch nun hat sich der Hessische Rundfunk (hr) entschlossen, den Kasselern ein „Monster“ zu stiften – in Form der Tatort-Folge DAS MONSTER VON KASSEL. Da Kassel bekanntlich (noch) kein eigenes Tatort-Ermittlerteam vorzuweisen hat, werden kurzerhand die Frankfurter Kommissare Brix und Janneke in die nordhessische Provinz abkommandiert, um dort einen Fall zu lösen, der in Frankfurt seinen Anfang nimmt.

Worum geht’s in diesem Film?

In Frankfurt werden an verschiedenen Orten mehrere Leichenteile gefunden, die – wie sich schnell herausstellt – zu ein und derselben Person gehören. Das Opfer ist der 17 jährige Luke Rohde, wohnhaft in – genau! – Kassel. Den Frankfurter Hauptkommissaren Paul Brix und Anna Janneke bleibt also nichts übrig, als den beschwerlichen Weg in die nordhessische Pampa anzutreten, um die Untersuchungen dort fortzusetzen. Glücklicherweise werden sie durch Constanze Lauritzen von der Kasseler Kripo unterstützt, so dass dem erfolgreichen Verlauf der Ermittlungen und der Überführung des „Monsters von Kassel“ nichts mehr im Wege zu stehen scheint.

Was weiß man über den Täter?

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Maarten Jansen (Barry Atsma, li.) und Paul Brix (Wolfram Koch).
© HR/Degeto/Bettina Müller

„Offene Täterführung“ heißt das Zauberwort im modernen Krimi – so auch hier: Zumindest der Zuschauer weiß sehr früh, um wen es sich beim Mörder des Jungen handelt: um niemand anderen als dessen Stiefvater Maarten Jansen, seines Zeichens Fernseh-Promi mit eigener Talkshow und eigener Produktionsfirma. Bereits in der ersten Szene des Films kann man ihn beim Zerteilen, Verpacken und Einladen der Leiche beobachten – dunkel gewandet, in düsterer Nacht. Weitere Tatverdächtige werden nicht etabliert – es ist also von Anfang an klar, wer der Täter ist.

Auch die Ermittler haben den smarten Fernsehliebling bald im Verdacht. Stellt sich nur die Frage, aus der der Film seine Spannung bezieht: Was trieb ihn zu seiner grausigen Untat? Und wird es gelingen, Maarten Jansen zu überführen?

Also ein klassischer „Zweikampf“ zwischen Ermittlern und Täter – oder lernen wir noch weitere Personen kennen?

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Therese (Sofie Eifertinger) und Paul Brix (Wolfram Koch).
© HR/Degeto

Durchaus! Besonders die Familie des TV-Stars ist hier zu erwähnen. Seine Frau Kirsten und sein zweiter Stiefsohn Max haben beide ein eher gespanntes Verhältnis zum übermächtigen Familienoberhaupt. Jansen hat seine Familie im Griff und regiert mit harter Hand.

Der populäre Talkmaster, der von seinen Fans verehrt und vergöttert wird, hat offenbar eine düstere Seite, deren Facetten im Lauf des Films immer deutlicher zutage treten. Außerdem wäre als wichtige Figur da noch die Nachbarstochter Theresa ….

Der Film wird als „Kassel-Krimi“ angekündigt. Wieviel Kassel steckt im Film?

Viel, sehr viel.

Die Werbeabteilung der documenta-Stadt darf sich freuen: Etliche markante Plätze und Bauwerke sind im Film zu sehen; Kommissar Brix radelt immer wieder durch die Straßen, vorbei an diversen Sehenswürdigkeiten und Touristenattraktionen. Bekannte Orte wie die Kaskaden am Herkules oder die Karlsaue gehören zu den Schauplätzen der Handlung.

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Anna Janneke (Margarita Broich, li.), Constanze Lauritzen (Christina Große) und Sebastian (Max Mauff).
© HR/Degeto

Allerdings wird immer wieder auch das gespannte Verhältnis zwischen den traditionell verfeindeten Volksstämmen der Nordhessen und der Südhessen thematisiert – wenn auch auf ironische Weise. Als Brix und Janneke nach Kassel aufbrechen, bekommen sie von Brix‘ Mitbewohnerin Fanny zwei Regenschirme mit auf den Weg: „Die werdet ihr brauchen“, erklärt sie den beiden, „ihr wisst doch, dass man die Gegend auch ‚Hessisch Sibirien‘ nennt“. Als Brix allerdings in Kassel ankommt, verkündet der Wetterbericht: „25 Grad – und es wird heißer“.
Weitere Spitzen der leicht arroganten Südhessen gegen die nordhessische „Provinz“ lassen nicht lange auf sich warten.

Insgesamt können sich die erwartungsfrohen Kasseler nicht beschweren: Ihre Stadt wird bestens in Szene gesetzt und kommt gut weg. Sogar der nackte Hintern des Herkules (UNESCO-Weltkulturerbe) erstrahlt in der hellen Morgensonne. Kein Wunder, dass die städtische High Society bei der Premierenfeier im März 2019 hellauf begeistert war.

Wie kam es überhaupt dazu, daß der hr seine Frankfurter Ermittler aus der pulsierenden Mainmetropole ins eher gemütliche Kassel verpflanzte?

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Maarten Jansen (Barry Atsma) und Reporter (Helmut Reitze).
© HR/Degeto

Der ehemalige HR-Intendant und gebürtige Nordhesse Prof. Helmut Reitze hatte 2015, kurz vor seiner Pensionierung, bei einem Besuch des Kasseler HR-Studios den Kasselern einen eigenen Tatort versprochen. Neben einer Portion Lokalpatriotismus spielte hier wohl auch der Umstand eine Rolle, dass sich die Nordhessen vom HR immer ein wenig stiefmütterlich behandelt fühlen. Ob zu Recht oder nicht, soll hier nicht weiter erörtert werden – jedenfalls gilt der HR mit seiner Fixierung aufs Rhein-Main-Gebiet vielen Bewohnern des nördlichen Landesteils als „Südhessischer Rundfunk“.

Zur Belohnung durfte Reitze im Film eine kleine Rolle übernehmen. Bis zur Einlösung des Versprechens dauerte es aber noch eine ganze Weile.

Wann und wo fanden die Dreharbeiten statt?

Der größte Teil des Films wurde im Sommer 2018 in und um Kassel gedreht. Schauplätze wie die Treppenstraße, der Bergpark Wilhelmshöhe oder der Stadtteil Brasselsberg sind im Film immer wieder zu sehen. Damals wurden über die örtliche Tageszeitung Statisten und Kleindarsteller gesucht – rund 1400 Kasseler und Kasseläner meldeten sich, von denen dann einige Hundert Glückliche ausgewählt wurden.

Lokalpatriotismus hin oder her: Ein reiner Werbefilm für Kassel ist der Tatort ja hoffentlich nicht. Was also ist das eigentliche Thema?

Im Verlauf der Handlung werden diverse Themen angerissen.

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Maarten Jansen (Barry Atsma).
© HR/Degeto/Bettina Müller

Zunächst geht es natürlich um die Auswüchse der Medienbranche. Jansen nutzt seine Position als Fernsehstar rücksichtslos aus – er inszeniert sich als Opfer, als trauernder Vater. Seine Fans leiden mit ihm, die Quoten seiner Sendungen steigen. Diese Form der Medienkritik ist natürlich nicht neu: Schon aus der Tatort-Steinzeit kennt man Filme wie PLAYBACK ODER DIE SHOW GEHT WEITER (1974), in denen die Verwerfungen des Showgeschäfts thematisiert wurden.

Unter der Oberfläche wabert aber noch ein anderes, höchst aktuelles Thema, das im Lauf der Handlung immer stärker in den Vordergrund tritt…

Gibt es – neben der Kabbeleien zwischen Süd- und Nordhessen – noch mehr zu lachen?

Für die Komik ist diesmal der Vorgesetzte von Brix und Janneke zuständig.

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Fosco Cariddi (Bruno Cathomas, li.), Fanny (Zazie de Paris) und Jonas (Isaak Dentler).
© HR/Degeto

Kommissariatsleiter Fosco Cariddi ist ein eher weicher Mensch, eigentlich zu sensibel für Mord und Totschlag. Seine Tätigkeit macht ihm wenig Freude – am Ende entschließt er sich, dem Polizeidienst zu entsagen und ein Stipendium für Poetik in Brasilien anzunehmen. Vorher nimmt er noch bei Fanny einige Tango-Stunden, die in diesem düsteren Film für etwas Erheiterung sorgen.

Diese Nebenhandlung ist für die Story nicht relevant und eigentlich nicht notwendig – ebenso wenig wie die zarte Affäre zwischen Brix und seiner Kasseler Kollegin Lauritzen. Immerhin: Erstmals deutet sich auch dezent ein privates Interesse von Anna Janneke an ihrem Kollegen Brix an..

Welche Rolle spielt die Kasseler Kommissarin?

Eigentlich keine große.

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Paul Brix (Wolfram Koch), Constanze Lauritzer (Christina Große) und Anna Janneke (Margarita Broich, re.). © HR/Degeto/Bettina Müller
DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Paul Brix (Wolfram Koch), Constanze Lauritzer (Christina Große) und Anna Janneke (Margarita Broich, re.). © HR/Degeto/Bettina Müller

Constanze Lauritzen ist bei den Ermittlungen immer dabei, gibt aber keine wesentlichen Impulse und bleibt insgesamt etwas blaß. Ihre Funktion ist es vor allem, die Kasseler Polizei ins Geschehen einzubinden und den Eindruck zu vermeiden, dass die Frankfurter Super-Detektive wie Inquisitoren in die minderbemittelte Provinz einfallen und sämtliche Ermittlungen an sich reißen.

Wie monströs ist DAS MONSTER VON KASSEL nun tatsächlich?

Maarten Jansen ist von Anfang an ein höchst unsympathischer Typ – man wundert sich eigentlich ein wenig über die Begeisterung, die er unter seinen Fans auslöst.

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Maarten Jansen (Barry Atsma) und Constanze Lauritzen (Christina Große).
© HR/Degeto/Bettina Müller

Er wirkt auch in seinen Fernsehshows kalt und berechnend, und er beherrscht die mediale Inszenierung perfekt. Da wir ihn praktisch von Anfang an als Mörder kennen, der skrupellos in bester Splatter-Manier mit dem Beil die Leiche seines Stiefsohn zerlegt hat, wirkt vor allem auch seine fast arrogante Selbstsicherheit, mit der er den Ermittlern (und der Öffentlichkeit) gegenüber tritt, immer bedrohlicher. Man fragt sich, wie der Mann der Schlinge, die sich um seinen Hals zieht, entschlüpfen will – aber man hat das unbestimmte Gefühl, dass ihm dies durchaus gelingen könnte….

Wie machen sich die Schauspieler?

Durchweg gut – jedoch hätte man sich von Barry Atsma vielleicht ein etwas ambivalenteres Spiel gewünscht. Er wirkt nicht sympathisch genug, um die Rolle des Fernsehstars zu mehr als einem Abziehbild zu entwickeln; andererseits nimmt man ihm das gräuliche „Monster“ auch nicht so wirklich ab. Und das Kammerspiel zwischen Jansen und der Kommissarin hätte wohl auch packender inszeniert werden können.

Also: Lohnt sich der Tatort?

DAS MONSTER VON KASSEL, Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Regie: Umut Dağ, am Sonntag (12.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Gerichtsmedizinerin (Barbara Stollhans, li.), Constanze Lauritzer (Christina Große) und Paul Brix (Wolfram Koch).
© HR/Degeto/Bettina Müller

Die Erwartungshaltung der Kasseler war groß – schließlich mussten sie lange genug auf „ihren“ Tatort warten. Sie werden begeistert sein, auch wenn man nicht unbedingt einen Film präsentiert bekommt, der gute Laune macht. Aber wird auch der Rest Deutschlands mit dem Film zufrieden sein?

Nun ja, es wäre sicherlich übertrieben, den Film als „misslungen“ zu betrachten. Zum großen Klassiker taugt DAS MONSTER VON KASSEL aber sicher auch nicht. Er wird höchstwahrscheinlich als passable Sonntagabendunterhaltung in den mittleren Regionen der Tatort-Ranglisten versacken. Das ist schade – besonders die Motive, die den Täter letztendlich antreiben, und die damit im Zusammenhang stehende Thematik hätte sicherlich Stoff für ein wirklich packendes Drama geboten. Doch leider wird am Ende auch noch ziemlich dick aufgetragen, was nicht unbedingt hätte sein müssen.

Es ist spürbar, dass hier eine Vorgabe erfüllt werden musste, nämlich die Verlegung des Schauplatzes von Frankfurt nach Kassel, verbunden mit einer möglichst weitreichenden Einbindung der Stadt Kassel in die Filmhandlung. Man hat das Gefühl, dass diesem Ziel stellenweise Dramaturgie und Spannungsaufbau untergeordnet wurden.

Dieser Tatort bleibt trotz starker Ausgangsidee leider nur in Ansätzen stecken. Schade, da wäre mehr drin gewesen!

Fazit: DAS MONSTER VON KASSEL ist mit 5,5 von 10 möglichen Punkten in der Tatort-Rangliste gut bedient.

Übrigens: In Kassel fahren tatsächlich – abgesehen von einigen Nachtschwärmern am Wochenende – um zwei Uhr nachts wirklich keine Busse mehr!