Lohnt sich der Tatort ANNE UND DER TOD ?

TATORT STUTTGART

Tatort ANNE UND DER TOD Anne Werner (Katharina Marie Schubert) ist Altenpflegerin und arbeitet in der häuslichen Pflege. Als zwei ihrer Patienten eines ungeklärten Todes sterben, wird sie von Sebastian Bootz und Thorsten Lannert als mögliche Täterin befragt. © SWR/Maor Waisburd

Einmal ein Engel sein – ist die Altenpflegerin Anne Werner ein „Todesengel“, oder macht sie mit engelsgleicher Geduld und Hartnäckigkeit ihre alles andere als einfache Arbeit in der mobilen Altenpflege? Zwei ungeklärte Todesfälle im Patientenstamm rufen die Stuttgarter Kommissare auf den Plan. Wir wollen wissen: Lohnt sich der Tatort ANNE UND DER TOD?

Worum geht es im Tatort ANNE UND DER TOD?

Alte Menschen sterben nun mal gelegentlich, sagt Anne Werner an einer Stelle, doch bei ihr waren es gleich zwei in kurzer Zeit und unter ungeklärten Umständen. Würde für jedes unerkannte Mordopfer ein Licht auf dem Grab stehen, wären die Friedhöfe hell erleuchtet, bemüht die Hausärztin eine etwas durchgenudelte Weisheit und zieht trotz des betagten Alters und klapprigen Zustands der Verschiedenen die Polizei hinzu. Lannert und Bootz fehlt beim ersten Durchgang das rechte Interesse – war ja nur ein alter, ohnehin siecher Greis. Schnell kommt die verdächtigte Anne wieder frei. Bei der zweiten Leiche dann aber fürchten sie, einen schlimmen Fehler gemacht zu haben, und verbeißen sich geradezu in die Frau, die das Verhör in stoischer Gefasstheit durchsteht und bei der man sich als Zuschauer schon ein wenig zurückhalten muss, um sich nicht schützend vor sie zu stellen. Was wollen diese garstigen Polizisten bloß von der guten Frau?

Und worum geht es wirklich im Tatort ANNE UND DER TOD?

ANNE UND DER TOD, Fernsehfilm Deutschland 2019, am Sonntag (19.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Anne Werner (Katharina-Marie Schubert) mit ihrem Patienten Christian Hinderer Christoph Bantzer). © SWR/Maor Waisburd

Natürlich um Pflegenotstand und den gesellschaftlichen Umgang mit alten Menschen. Der Tatort kommt hier einmal mehr als klassisches Gesellschafts- und Sozial-Melodram daher – aber in höchst ungewöhnlichem Nachthemd.

Dennoch ist die aufklärerische Mission nicht zu übersehen: Der mühsame Alltag der überforderten Pflegekräfte wird detailliert ausgeleuchtet, die Schwierigkeiten im Umgang mit den Patienten zwischen Zeitknappheit, schlechter Bezahlung und unerfüllten menschlichen Wünschen. Auch der Umgang mit den Alten an sich ist zentrales Thema. Ist häusliche Pflege wirklich immer die beste Lösung? Wie geht es den Angehörigen damit? Das alles wird sehr intensiv erörtert, ohne dass es besonders aufgesetzt wirkte. Schon das eine echte Leistung.

Das zweite große Thema ist das Auseinanderklaffen von Schein und Sein. Anne sehnt sich nach der kleinen heilen Welt. Sie mag zwar nur mäßig verdienende Altenpflegerin sein, aber sie ist erfüllt von ihrer Mission und lebt ja auch nicht schlecht. Zumindest ist das ihr Bild von sich, dass sie nach außen, gegenüber der Chefin, vor allem gegenüber dem schwer pubertierenden Sohn zeichnen will. Eine in sich völlig stimmige Charakterzeichnung mit mitunter fatalen Folgen. Sie will halt ein Engel sein – „Engel sind doch was Schönes!“, sagt sie in der intensiven Schlussszene. Und selbst da belügt sie sich und alle, mit allen Konsequenzen.

Sozial-Melodram – au weia. Wird das nicht furchtbar dröge?

Nein, eben nicht!

TATORT – ANNE UND DER TOD, Fernsehfilm Deutschland 2019, am Sonntag (19.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) wollen von Eberhard Rees (Falk Rockstroh) wissen, was er über die Pflegerin Anne Werner zu berichten hat. © SWR/Maor Waisburd

Wie gesagt: Obwohl der Film intensiv um sein Sujet kreist und es nicht nur als Kulisse nutzt, ist es dem Team aus Drehbuchautor Wolfgang Stauch und Regisseur Jens Wischnewski gelungen, hier keinen Pro-und-Contra-Diskurs mühsam in eine Krimigeschichte zu pressen. Im Gegenteil: Der Film ist geradezu elegant und formal sehr ungewöhnlich inszeniert, trotzdem jederzeit spannend und eindrücklich. Und bleibt außergewöhnlich bis in die Auflösung hinein, die tatsächlich überraschend ausfällt und dennoch absolut zwingend erscheint.

Formal außergewöhnlich? Kunstfilm-Alarm also?

ANNE UND DER TOD, Im Haus des Ehepaars Hinderer kniet Altenpflegerin Anne (Katharina Marie Schubert) vor ihrem Patienten Christian (Christoph Bantzer). © SWR/Maor Waisburd

Wenn für Sie alles jenseits von Derrick und Tschiller schon anstrengender Kunstfilm ist – vielleicht. Wer aber keine Schwierigkeiten damit hat, dass ein Film nicht die immer selben Schemata abspult, der wird hier reich belohnt. Praktisch der gesamte Film ist ein einziges Verhör im Polizeipräsidium. Nahezu alle Spielszenen außerhalb des Verhörzimmers sind als Rückblenden zur Illustration des Verhörs eingeschnitten. Sie zeigen zu den Aussagen von Anne Werner, wie es war, mitunter wechseln die Ebenen mitten im Satz.

Der Clou daran: Dadurch entwickelt der Film einen fast hypnotischen Sog, ohne dass es angestrengt wirkte und ohne dass man den Eindruck hätte, hier steht die Form über dem Inhalt. Die Form ist reines Mittel zum Zweck, nämlich die Geschichte möglichst genau zu erzählen. So entfaltet sich das Szenario je nach Verhör-Fortschritt erst nach und nach, was reizvolle Brechungen ermöglicht.

Gibt’s denn auch was zu lachen?

ANNE UND DER TOD, Fernsehfilm Deutschland 2019, am Sonntag (19.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Bedrängen die Kommissare ihre Verdächtige zu sehr? Thorsten Lannert (Richy Müller) macht sich Gedanken. © SWR/Maor Waisburd

Nee, wirklich nicht.

ANNE UND DER TOD ist ganz ernst, ganz bei seinem Thema, ein ungewöhnlich konzentrierter Tatort ohne jeden unnötigen Seitenstrang. Die Ernsthaftigkeit ist aber nicht zu verwechseln mit der mitunter drückenden Tristesse, die einem ja auch schon mal im Tatort entgegenweht, dafür sorgt schon Anne selbst, die sich der Opferrolle hartnäckig verweigert, obwohl man sie ihr wirklich gerne zubilligen würde.

Wie passt ANNE UND DER TOD in die aktuelle Stuttgarter Serie?

TATORT – ANNE UND DER TOD, Fernsehfilm Deutschland 2019, am Sonntag (19.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Mit Hilfe von Maria Baumbauer (Lina Wendel) durchleuchtet Sebastian Bootz (Felix Klare) die Akten des Pflegedienstes Elvira nach den Patienten der verdächtigen Schwester © SWR/Maor Waisburd

Die Entwicklung des Stuttgarter Reviers nach dem Ende der bräsigen Bienle-Ära ist bemerkenswert. Es ging zunächst recht engagiert zur Sache, mit ersten Versuchen in horizontalen Erzählsträngen und dem Versuch, moderne Serien-Charakterzeichnungen ins Ländle zu bringen. Das ist sogar leidlich gelungen, mit einigen sehenswerten Filmen. Dann sackte Stuttgart in den grauen Tatort-Durchschnitt ab, mit tütensuppenartigen Instant-Filmen. Irgendwann muss das der Redaktion beim Südwestrundfunk (SWR) aufgefallen sein, dass das Ganze in eine ziemlich gepflegte Langeweile mündete, bei allen Qualitäten vor allem der Darsteller und allen schönen Ansätzen des gesamten Reviers.

TATORT – ANNE UND DER TOD, Fernsehfilm Deutschland 2019, am Sonntag (19.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Julian (Jean-Luc Caputo) provoziert seine Mutter Anne (Katharina-Marie Schubert), die ihm nicht das bieten kann, was er erwartet © SWR/Maor Waisburd

Und dann hat man sich offenbar zu einer radikalen Wende entschlossen, ohne die Figuren zu verraten. Jedenfalls legt Stuttgart jetzt in Serie außergewöhnliche Filme vor, die keiner Masche folgen, durchaus etwas riskieren, ohne auf Gedeih und Verderb auf maximal spektakuläre Wirkung getrimmt zu sein. Na gut, beziehungsweise im Fall des RAF-Tatorts DER ROTE SCHATTEN vielleicht schon, aber selbst das war gelungen.Ansonsten aber überzeugte man mit eigensinnigen Streifen wie STAU, der ebendort spielte, oder DER MANN, DER LÜGT, der einen Film komplett aus Verdächtigen-Perspektive erzählte.

Hoffen wir mal, dass das kein ungewöhnlicher Zufall ist, sondern das Ergebnis guter Arbeit. Dann dürfen wir uns unbedingt auf weitere Stuttgarter Beiträge freuen. Was besonders erfreulich auch deshalb ist, weil es dem SWR jetzt wirklich gelingt, sein vorzügliches Team gut in Szene zu setzen.

Ist noch etwas besonders hervorzuheben an ANNE UND DER TOD?

TATORT – ANNE UND DER TOD, Fernsehfilm Deutschland 2019, am Sonntag (19.05.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Was wird sie im Verhör erwarten? Anne Werner (Katharina-Marie Schubert) muss auf die Befragung warten. © SWR/Maor Waisburd

Allerdings: die schauspielerische Leistung von Katharina Marie Schubert als Episoden-Hauptfigur Anne ist preiswürdig. Ach ja: einen Preis hat der Film ja auch schon gewonnen, nämlich den Baden-Württembergischen Filmpreis. (Lesen Sie mehr: Filmpreis für ANNE UND DER TOD)

Und: Lohnt ANNE UND DER TOD sich nun?

Wenig überraschend nach obigen Lobgesängen: und ob!

Großes Tatort-Kino, erfrischend anders, relevant, bedrückend, spannend, exzellent gespielt, fantastisch geschnitten und mit einem Ende, das einen noch mal in der letzten Minute etwas durchrüttelt und doch ganz und gar passend ist. Das ist mir satte 9 Punkte in der Tatort-Rangliste wert.