Lohnt sich der 1060. Tatort SCHLANGENGRUBE?

Tatort: Schlangengrube Ermittler-Tandem in Eile: Frank Thiel (Axel Prahl, l) und Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, r). © WDR/Thomas Kost
Ermittler-Tandem in Eile: Frank Thiel (Axel Prahl, l) und Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, r). © WDR/Thomas Kost

Nur ein einziges Mal ermitteln die Münsteraner in diesem Jahr in einem neuen Fall: im TATORT  “Schlangengrube”. Das und ein von einer TV-Zeitschrift erfundenes Interview mit den beiden Hauptdarstellern sorgte im Vorwege schon für reichlich Aufmerksamkeit. Lohnt sich also das Einschalten, oder sollte man lieber wegschalten? 

Worum geht es im TATORT „Schlangengrube“?

Eine wohlhabende Tierfreundin, die den Allwetterzoo Münster als Erben einsetzen will, wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden – die Nachbarwohnung von Staatsanwältin Klemm. Die beiden Frauen verhielten sich zueinander wie Hund und Katze, was vor allem an der Katze der Tierfreundin lag, die gerne mal auf der Staatsanwältin Teppich urinierte. Also muss Kommissar Thiel sich ein bisschen ins Zeug legen, um Klemms Unschuld zu beweisen und den Täter zu finden, wozu er sich in Undercover-Mission als Tierpfleger in den Zoo einschleusen lässt, denn dort hatte das Opfer zuletzt intensiv daran gearbeitet, einen mutmaßlichen Skandal zu enttarnen – denn immer wieder verschwinden dort auf ungeklärte Weise exotische Tiere. Ist dieser Umstand ein Mordmotiv?

Pressemappe zum 1060. TATORT "Schlangengrube". Bild: WDR
Pressemappe zum 1060. TATORT “Schlangengrube”. Bild: WDR

Und worum geht es wirklich in „Schlangengrube“?

Um skurrile Pointen. Um Tiere. Und um skurrile Pointen mit Tieren. „Schlangengrube“ stürzt sich besonders lustvoll in die schräge Münsteraner TATORT-Welt. Alle sind an ihrem Platz: Vatter Thiel will mit dem Sohnemann eine Radtour zur Haschischverköstigung nach Amsterdam unternehmen, Staatsanwältin Klemm kann keine Katzen leiden, und Boerne? Boerne ist in Bestform, denn er will Fernsehkoch werden – mit forensischer Küche. Es gibt also Sauerbraten als Moorleiche und übertötetes Rind nach Art des Axtmörders. Der Hummer liegt im Leichenfach, und Alberich muss die Gerichte verköstigen und als Küchenhilfe agieren, damit schließlich der TV-Mogul überzeugt werden kann, die Sendung ins Programm zu nehmen. Den letzten kulinarischen Pfiff allerdings findet dann natürlich Thiel. Münster in Reinform, sozusagen.

Gibt es denn gar keine seriöse Krimi-Handlung?

Nun ja. Es gibt Tote. Es gibt ein, wie man zweifellos sagen kann, ziemlich unverbrauchtes Motiv, das sich am Ende herausschält. Und: Obschon man zwischendurch den Eindruck hat, das ganze Drumherum lasse die eigentliche Geschichte verrecken, fügt sich dann schließlich doch alles auf wunderbare und durchaus überraschende Weise zusammen.

Tatort: Schlangengrube Staatsanwältin gegen Staatsanwältin: Wilhelmine Klemm (Mechtild Großmann, r) muss die Mordermittlungen an ihre Konkurrentin Ungewitter (Tessa Mittelstaedt, l) abgeben. Schließlich wurde ihre eigene Nachbarin tot aufgefunden. © WDR/Thomas Kost
Staatsanwältin gegen Staatsanwältin: Wilhelmine Klemm (Mechtild Großmann, r) muss die Mordermittlungen an ihre Konkurrentin Ungewitter (Tessa Mittelstaedt, l) abgeben. Schließlich wurde ihre eigene Nachbarin tot aufgefunden. © WDR/Thomas Kost

Ist die Handlung denn plausibel?

Auf den ersten Blick: alles, bloß das nicht. Hier kommen so viele abseitige Dinge zusammen, dass das weit entfernt wirkt von jedem wirklichkeitsnahen Verlauf. Aber andererseits: Der Film ist trotzdem gut recherchiert, denn auch wenn viele der Vorgänge, die hier behandelt werden, unter dem Radar einer großen Öffentlichkeit liegen – letztlich gibt es tatsächlich reale Vorbilder. Nicht unbedingt nur in Deutschland, aber im Grunde ist alles aktenkundig. Ein vergleichbar irrer Fall wie das Hauptmotiv, das hier nicht verraten soll, wurde erst kürzlich aus China bekannt. Der ganze Nebenstrang rund um Schlangengifte ist fachlich keineswegs abwegig. Und einen illegalen Schwarzmarkt für exotische Tiere gibt es natürlich auch.

Illegaler Schwarzmarkt für exotische Tiere, Tierhalter, Zoos – ist „Schlangengrube“ etwa doch ein gesellschaftliches Plädoyer gegen die Wildtierhaltung?

Erfreulicherweise verzichtet der Film auf jede billige moralinsaure Verurteilung. Da ist ausgerechnet Münster erheblich differenzierter, als wir das von politisch engagierten, aber recht eindimensionalen TATORTen, in denen es um exotische Tiere ging, zuvor schon gesehen haben. Die Figuren in „Schlangengrube“ sind, zwischen all dem grotesken Krawall, bei näherem Hinschauen durchaus differenziert gezeichnet, es gibt keine nur bösen Charaktere, und wenn man sich die Mühe macht, hinter die zahlreichen Gags zu gucken, tauchen eine ganze Reihe ernsterer Fragen auf: Warum sind Zoos trotz ihrer wichtigen Aufgaben und hohen Beliebtheit in der Bevölkerung chronisch unterfinanziert? Wer hilft den Tieren am Ende mehr: wirklich der radikale Tierschützer? Oder nicht doch eher der, der zwar dem einzelnen Individuum aus zweifelhaften Gründen an den Pelz oder ans Gefieder geht, sich aber letztlich für das Wohl ganzer Arten einsetzt? Diese Fragestellungen spielen nur sehr hintergründig mit und dürften von vielen auf die Pointen konzentrierten Zuschauern kaum wahrgenommen werden, sie sorgen aber dafür, dass „Schlangengrube“ letztlich überraschend vielschichtig ist.

Tatort: Schlangengrube Der Kommissar und die Pinguin-Dame: Bei seinen Undercover-Ermittlungen im Zoo schließt „Tierpfleger“ Frank Thiel (Axel Prahl) den Pinguin Sandy in sein Herz. © WDR/Thomas Kost
Der Kommissar und die Pinguin-Dame: Bei seinen Undercover-Ermittlungen im Zoo schließt „Tierpfleger“ Frank Thiel (Axel Prahl) den Pinguin Sandy in sein Herz. © WDR/Thomas Kost

Wie blutrünstig wird der Sonntagabend?

Im eigentlichen Sinne gar nicht. Die menschlichen Opfer werden eher diskret gemeuchelt und präsentiert. Dass „Schlangengrube“ trotzdem durchaus makabre Züge hat, liegt eher an Boernes Leichen-Kochshow. Ganz erlesene Geschmäcker gegen jeden guten Geschmack – das hat eine ganz eigene Komik. Man sieht das Steak danach mit anderen Augen.

Und wie nervenzerfetzend ist der Film?

Zuerst könnte man sagen: Wenn Sie „Die Sendung mit der Maus“ ohne Panikattacke durchstehen, kann Ihnen „Schlangengrube“ auch keine Angst machen. Ein Thriller ist es nicht direkt. Obwohl – möglicherweise wird es eine Szene sein, die mehr Emotionen im Publikum auslöst als die übelsten Massaker-Szenen oder Horror-Trips der jüngeren Vergangenheit. Denn es gibt einen kaltblütigen Pinguinmord! Und ein weiterer der watschelnden Sympathieträger gerät in höchste Lebensgefahr. Da dürften manche, die ganz cool bleiben, wenn Menschen reihenweise aufgeschlitzt oder ertränkt werden, sich entsetzt wegdrehen – und die Zuschauer-Telefone beim WDR heißlaufen …

Tatort: Schlangengrube „Boerne kocht“ – so soll die neue TV-Reihe heißen, in der Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, l) Rechtsmedizin und Gourmetküche zusammenbringen will. Unterstützung erhält er auch hier von Silke Haller (ChrisTine Urspruch, r). © WDR/Thomas Kost
„Boerne kocht“ – so soll die neue TV-Reihe heißen, in der Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, l) Rechtsmedizin und Gourmetküche zusammenbringen will. Unterstützung erhält er auch hier von Silke Haller (ChrisTine Urspruch, r). © WDR/Thomas Kost

Was lernen wir aus „Schlangengrube“?

Unbedingt mal den Allwetterzoo Münster besuchen und die tägliche Pinguinparade dort anschauen!

Und lohnt sich nun das Einschalten?

Wer die Münster-TATORTe mag, wird auch „Schlangengrube“ mögen. Vielleicht sogar lieben. Die Gag-Dichte ist höher als üblich, und gepaart mit dem Kuschelfaktor niedlicher Tiere ergibt das einen hohen Wohlfühlfaktor am Sonntagabend. Wer seriöse, ernste Krimi-Kost mit einer Anklage der gesellschaftlichen Missstände oder zumindest angemessen depressiv durch die Gegend torkelnde Akteure sehen will, kann den Fernseher getrost ausgeschaltet lassen. Alle, die dazwischen pendeln, können ruhig zuschauen: Leichte Unterhaltung gepaart mit schönen Scherzen bei gleichzeitiger Vermeidung allzu platter, schablonenhafter Charaktere – das ist nicht das Schlechteste, was man über einen TATORT sagen kann.

Ich werde mit einem persönlichen Münster-Bonus 7,5 Punkte in der TATORT-Rangliste vergeben. Und wenn ich noch mal an die Pinguine denke, vielleicht sogar 8.