Kommissar Schmidt – ein fast vergessener Ermittler

SENDER FREIES BERLIN

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT - Martin Hirthe als Kommissar Martin Schmidt. Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT - Martin Hirthe als Kommissar Martin Schmidt. Bild: rbb

Nachdem der SFB seinen ersten TATORT-Kommissar Kasulke nach zwei Einsätzen pensioniert und dann eine über dreijährige Pause eingelegt hatte, schickte er als nächsten Ermittler Hauptkommissar Schmidt ins Rennen.

Dessen drei Fälle zeigen ein weites thematisches Spektrum, das sich von illegaler Einwanderung über die unvermeidliche Ost-West-Problematik bis zum profanen Versicherungsbetrug mit Todesfolge erstreckt.

Schmidt, ein den weiblichen Reizen nicht gerade abgeneigter Junggeselle mittleren Alters, bewegt sich souverän, politisch und gesellschaftlich wach und mit sprödem Humor durch seinen Teil der Stadt, deren Spaltung und besonderer Status immer präsent sind.

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT - Martin Hirthe als Kommissar Martin Schmidt. Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT – Martin Hirthe als Kommissar Martin Schmidt. Bild: rbb

Trotz aller Qualitäten als Ermittler ist Schmidts TATORT-Erfolgsquote nicht eben hoch: In seinem ersten Fall, TOD IM U-BAHNSCHACHT, der keinen Mord, sondern die Vertuschung des Unfalltodes eines illegal eingewanderten Türken beinhaltet, kommt der unwissentlich als Köder eingesetzte türkische Kronzeuge durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, gepaart mit Ungeschicklichkeit und Übereifer der Polizisten, ums Leben – die Einwirkung des eigentlich Schuldigen, eines sehr überzeichnet dargestellten Baulöwen, hätte beobachtet und verhindert werden müssen. Bezeichnenderweise stand im Vordergrund der Polizeiaktion die Rettung des Lebens der deutschen Geisel. Schmidt und sein Assistent verlassen schweigend und ratlos den Ort des Geschehens, weitere Konsequenzen bleiben offen.

In FEUERZAUBER entzieht sich der Schuldige, der jedoch nur indirekt für den Todesfall verantwortlich ist, seiner Verhaftung durch Selbstmord. Auch das wäre bei geschickterer Herangehensweise vielleicht zu vermeiden gewesen. Schmidt hatte den psychisch labilen Mann zu lange nicht auf der Rechnung und verdächtigte den Falschen. In seiner Machtlosigkeit erregt Schmidt, der am Ufer zurückbleibt, während der Täter mit einem Motorboot flieht, fast Mitleid.

Einen vollen Erfolg durch das richtige Gespür und entschlossenes Handeln kann Schmidt nur in TRANSIT INS JENSEITS verzeichnen. Sein gutes Gedächtnis bringt ihn auf die Spur organisierter Fluchthelfer, die DDR-Bürger in den Westen schleusen. Bei aller Sympathie für derartige Aktivitäten – darüber gibt es eine hitzige Diskussion im Kollegenkreis – muss er kriminelle Begleitumstände solcher Aktionen bekämpfen, wenn sie auftreten.

Kommissar Schmidt – ein fast vergessener Ermittler: souverän, politisch und gesellschaftlich wach

KOmmissar Schmidt (Martin Hirthe) mit seinem Assistenten Hassert (Ulrich Faulhaber), den er spätere Kollgen weitervererbte... Bild aus TRANSIT INS JENSEITS, Bild: rbb
Kommissar Schmidt (Martin Hirthe) mit seinem Assistenten Hassert (Ulrich Faulhaber), den er spätere Kollgen weitervererbte… Bild aus TRANSIT INS JENSEITS, Bild: rbb

Die beiden Protagonisten haben schon viele Menschen professionell in die Bundesrepublik gebracht, viele Male ging es glatt. Wieder sorgt erst ein unglücklicher Zufall – eine Autopanne eines anderen Westberliners auf DDR-Gebiet – dafür, dass die Situation außer Kontrolle gerät und eine Frau stirbt; auch das übrigens kein eigentlicher Mord. Erst durch die Eskalation des Drucks von seiten der Komplizen und die Angst vor Entdeckung wird der Kleinkriminelle zum potenziellen Mörder, dann allerdings auch besonders kaltblütig. Ebenso kaltblütig stellt sich Schmidt ihm im entscheidenden Moment entgegen – direkt vor dem Hintergrund der thüringisch-bayrischen Grenze, deren Mauer ihn von Berlin aus verfolgt zu haben scheint.

Schmidt übergab an seinen Nachfolger Behnke nicht nur sein Amt, sondern auch seinen Mitarbeiter Kommissar Hassert, der sogar diesen noch überdauerte und auch dem folgenden Kommissar Walther zur Seite stand – was ihn mit insgesamt neun Fällen für Berliner Verhältnisse fast zu einem Dauerbrenner macht.

Schmidts Darsteller Martin Hirthe verstarb 60-jährig vier Jahre nach seinem letzten TATORT-Einsatz.

Dieser Text stammt aus der “Enzyklopädie des Kriminalfilms” des Corian-Verlags. Wir danken dem Verleger Heinrich Wimmer für die Erlaubnis, diesen Text hier zu veröffentlichen.