Interview zu 1000 TODE mit Drehbuchautorin Dorothee Schön

Zum 513. TATORT

Dorothee Schön hatte die Idee zum Tatort 1000 TODE nach der Lektüre eines SPIEGEL-Artikels über Jugendliche, die sich im Internet in Suizidforen treffen. Bild: Rowohlt
Dorothee Schön hatte die Idee zum Tatort 1000 TODE nach der Lektüre eines SPIEGEL-Artikels über Jugendliche, die sich im Internet in Suizidforen treffen. Bild: Rowohlt

„Die Kommissarin muss eine Position haben“

Woher kam die Idee zum Film, welche Herausforderung bestand in der Entwicklung des Stoffs und wo und wie hat sie recherchiert? Ein Interview zu 1000 TODE mit Drehbuchautorin Dorothee Schön.

1000 TODE kreist um junge Menschen, die von Suizidforen fasziniert sind, und um Verbrecher, die sich die Anonymität des Netzes zu Nutze machen, um Gewaltvideos zu verbreiten. Das sind zeitgenössische Erscheinungen, die in der Realität existieren, wie waren Ihre Erfahrungen bei der Recherche für den Tatort?

Dorothee Schön: Sie waren insofern nicht unangenehm, als ich ja kein Polizist bin, der sich das, was sich im Netz abspielt, auch ansehen muss. Es reicht mir, wenn die Polizisten mir erzählen, dass und wie es diese Dinge gibt. Die Polizisten machen dabei Erfahrungen, von denen sie häufig noch lange verfolgt werden. Mich hat bei der Vorbereitung sehr beeindruckt, als ein Konstanzer Kriminalkommissar mir erzählte, er habe bei einer Hausrazzia ein Video von einer Frau gefunden, die bestialisch gequält und gefoltert wurde. Im Grunde weiß er bis heute weder, wer die Frau ist, noch wo das Video herkam, was aus ihr geworden ist oder wer die Täter waren. Diese anonyme Verbreitung ist für die Ermittler häufig traumatisch. Und sie müssen mit Frustration fertig werden, weil die Ermittlungen sehr schwierig sind. Ich habe auch mit einem Mitglied des Bereichs gesprochen, der beim BKA auf diese Verbrechen spezialisiert ist. Das ist technisch hochkompliziert und sehr ab-strakt. Diese Arbeit darzustellen ist dann natürlich leider auch sehr unfilmisch.

Für mich bestand ja die Aufgabe darin, einen Krimi, der im Netz spielt und sehr stark auf den Möglichkeiten des Internets beruht, sinnlich und für den Zuschauer erfahrbar zu machen. Es steckt viel Arbeit und Schweiß darin, daraus eine dramatische und filmische Geschichte zu machen, bei der nicht nur ständig Leute vor dem Computer sitzen.

Das gilt dann im nächsten Schritt auch für die Arbeit des Regisseurs.
1000 TODE: Unmittelbar vor dem großen Fenster zur Zelle, das von innen verspiegelt ist, wurde ein Podest für den Voyeur eingerichtet. Von hier aus kann er direkt beobachten, seine Kameras dirigieren und die Bilder sofort ins Internet schicken.© SWR/Hollenbach
1000 TODE: Unmittelbar vor dem großen Fenster zur Zelle, das von innen verspiegelt ist, wurde ein Podest für den Voyeur eingerichtet. Von hier aus kann er direkt beobachten, seine Kameras dirigieren und die Bilder sofort ins Internet schicken.© SWR/Hollenbach

Dorothee Schön: Das denke ich auch, eine solche Geschichte zu visualisieren ist eine Herausforderung. Ich finde allerdings, dass es sehr gut gelungen ist, weil beispielsweise die Art, wie Nicole mit dem Täter kommuniziert, etwas ausgesprochen Direktes hat. Es ist verblüffend, wie man sich mit jemandem ganz direkt austauschen kann, den man im Grunde gar nicht fassen kann, der kann ja im Nebenhaus sitzen oder gleichzeitig mit Klara Blum im Supermarkt einkaufen.

Diese Anonymität, löst sie die Faszination bei jungen Menschen aus? Sich in einem unbekannten Gegenüber zu spiegeln?

Dorothee Schön: Sicher, die Faszination solcher Chats hat natürlich damit zu tun, dass das eine Art Beichte ist. So wie früher bei der Ohrenbeichte, man sieht den Zuhörer nicht, trifft aber auf ein Ohr, das einen zu verstehen scheint, und wird etwas los. Was ich so irritierend fand bei meinen Recherchen in den Suizidforen, war die unglaubliche Naivität, mit der das genutzt wird. Ich als nicht gefährdete Teilnehmerin konnte mich beim Lesen des Gefühls nicht erwehren, dass sehr vieles einfach gelogen ist. Dass einer schreibt, es ginge ihm schlecht, er wolle sich umbringen, das aber eigentlich gar nicht vorhat. Aber er weidet sich daran, dass sich zwanzig Leute unglaublich einfühlsam bei ihm melden und sagen „mir ging’s genauso wie dir“, „ich weiß, wie du dich fühlst, aber manchmal gibt es auch ein Licht am Ende des Tunnels …“

Ist es nicht ein gemeinsames Spiel? Alle nehmen eine Rolle ein?

Dorothee Schön: Für viele ist es eben kein Spiel. Sie entwickeln eine verschobene Wahrnehmung, geraten in einen Sog und fangen wirklich an, im Netz zu leben. Auslöser für die Idee zu diesem „Tatort“ war ja ein großer Bericht im „Spiegel“ zu den Suizidforen, wo auch die Fälle von Jugendlichen beschrieben waren, die sich tatsächlich umgebracht haben. Jener Österreicher, der sich mit einem unbekannten Mädchen in Norwegen verabredet hat, um sich dann gemeinsam umzubringen, war der erste Fall, aber nicht der letzte. Das ist natürlich sehr ambivalent. Es mag sein, mein Nubo sagt das ja auch, dass manche gerade dadurch aufgefangen werden, dass es im Netz Leute gibt, die zuhören und antworten. Andererseits, je länger man es im Netz diskutiert und ankündigt und dabei Sozialkontakte und

Dorothee Schön: Kontakt zur Realität zu verlieren droht, desto gefährdeter wird man. Jeder kennt das ja aus diesem Alter, dass Suizidgedanken etwas Faszierendes haben, wenn man sich unverstanden und einsam fühlt. Man hat Verlassenheitsgefühle in dieser Zeit und alles ist so absolut, das Himmelhochjauchzende genauso wie das abgrundtief Verzweifelte über die Schlechtigkeit der Welt. Und das Gefühl, die anderen zu schocken, aufzurütteln, indem man sich etwas antut, ist auch ein ganz bekanntes Phänomen. Da muss man gar nicht das Internet bemühen. Schon Goethes Werther hat dieses Lebensgefühl ausgedrückt. Es geht für viele in diesem Alter emotional ums Ganze.

Also die alten Gefühle in einer neuen Ausdrucksform?
1000 TODE: v.li.: Bülent Isi (Ercan Özcelik) und Klara Blum (Eva Mattes). © SWR/Schweigert
1000 TODE: v.li.: Bülent Isi (Ercan Özcelik) und Klara Blum (Eva Mattes). © SWR/Schweigert

Dorothee Schön: Genau. Das Gefühl ist das gleiche, das Medium ist ein anderes. Und das Gefährliche daran ist, dass dieses Medium die Anonymität auch ausnutzen kann. Solange pubertär depressive Jugendliche einander trösten und schriftlich Händchen halten, ist das ja noch kein Problem, das machen die auf anderen Wegen genauso. Ich halte auch nichts davon, Suizidforen zu verbieten, das ändert die Gefühle nicht. Wobei es den Teilnehmern häufig nicht klar ist, was für eine Verantwortung sie übernehmen und dass in der Anonymität eben auch eine Gefahr steckt. Es ist eine Pseudonähe, die sich im Netz herstellt, die im Zweifelsfall eben nicht hilft, jemanden wirklich vom Abgrund zurückzureißen. Da beginnt dann die Selbstüberschätzung von Jugendlichen, die glauben, dass ein paar innige Worte ihrem Gesprächspartner wirklich etwas bringen können. Trotzdem ist es vielleicht tatsächlich eine Chance für diejenigen, die sonst keinen hätten, mit dem sie sprechen können und die hier auf Verständnis stoßen.

Die Gefahr beginnt dort, wo die Anonymität ausgenutzt wird?

Dorothee Schön: Das Internet ist ein wunderbarer Tummelplatz für Leute, die Gründe haben, ihre Identität geheimzuhalten. Wenn ich bei diesem Drehbuch ein Anliegen habe, dann ist es das, die Blauäugigkeit, mit der viele sich im Netz bewegen, in Frage zu stellen. Zu fragen, inwieweit diese Kommunikation tatsächlich echte Kommunikation ist.

Andererseits stellt sich die ja auch nicht neue Frage, ob die Darstellung dieser Gefahren im Fernsehkrimi das Phänomen nicht selbst wieder verstärkt.

Dorothee Schön: Ich denke viel über diese Frage nach, die Diskussion über die Wirkung von Gewalt macht mich durchaus nachdenklich. Ich möchte nicht an Projekten beteiligt sein, die Gewaltvorbilder liefern. Wie kann man verhindern, dass man vordergründig etwas anprangert, das man subtil voyeuristisch benutzt. Es gibt zwei Faktoren in der Darstellung von Gewalt, von denen ich überzeugt bin, dass man sie nicht bedienen darf. Die eine ist die Verharmlosung: Gewalttaten werden ausgeübt und es ist für den Film in Ordnung. Das betrifft auch die Ermittlungsarbeit der Polizei, wie gehen die vor, wie wird die Handlung aufgelöst, was passiert dem Täter. Ich bin mir allerdings sicher, dass dieser Tatort die Gewalt, die in der Suiziddiskussion liegt, nicht verharmlost.

Selbst wenn die Jugendlichen am Ufer sitzen und es cool finden, dass Manu sich umgebracht hat, wenn sie einen Nimbus um den Selbstmord machen, ist das aufgehoben, weil Klara Blum dabei sitzt und es kommentiert. Die Kommissarin hat eine andere Meinung und äußert sie deutlich. Ich denke nicht, dass man die Faszination, die von Selbstmord ausgeht, dadurch entschärfen kann, dass man sie verleugnet. Ich glaube, dass die Jugendlichen des Films zeigen müssen, wo der Nährboden für dieses Lebensgefühl ist, warum so ein Suizidforum cool ist. Aber man kann es nicht so stehen lassen. Und der Tatort hat die Chance einer Kommissarin, der Heldin, mit der wir uns als Zuschauer identifizieren und der wir alles Gute wünschen in ihrem Kampf gegen das Verbrechen. Die muss dazu eine Haltung vertreten. Der andere Faktor ist die Frage der Darstellung, wie gehe ich mit der Gewalt um, wie setze ich sie im Fernsehkrimi um.

Diese Frage stellt sich auch bei der gefangenen Manu im Verlies.
1000 TODE: In einem Kubus aus Betonschalenelementen wurde die Zelle eingerichtet, in der Manu gefangengehalten wird. Sie ist den voyeuristischen Blicken ihres Gefängnisswärters völlig ausgeliefert, denn sowohl von oben als auch von vorne kann er sie jederzeit beobachten © SWR/Hollenbach
1000 TODE: In einem Kubus aus Betonschalenelementen wurde die Zelle eingerichtet, in der Manu gefangengehalten wird. Sie ist den voyeuristischen Blicken ihres Gefängnisswärters völlig ausgeliefert, denn sowohl von oben als auch von vorne kann er sie jederzeit beobachten © SWR/Hollenbach

Dorothee Schön: Ein Großteil der Spannung des Films beruht auf dieser Konstellation, gerade weil die Internetgeschichte filmisch nicht einfach ist. Bei diesen Szenen kommt dem Regisseur große Verantwortung in der Darstellung zu. Es ist eine Frage der Inszenierung, des Schnitts, wie man vermeidet, die Wehrlosigkeit eines Opfers lüstern auszunutzen. Denn bei diesen Szenen handelt es sich ja um psychische Gewalt. Abgesehen vom Schluss geht es nicht um körperliche Gewalt, die gegen die junge Frau ausgeübt wird, sondern um eine Frau, die sagte „Ich will mich umbringen“ und jemanden, der sagt, „Nun, jetzt tue es, ich bin bei dir“. Die Verzweiflung des Mädchens, das ausgeliefert ist, nimmt uns gefangen, körperlich geht er nicht brutal mit ihr um. Er will, dass sie es selbst tut, der Inbegriff von Perversion.

Auch hier wieder: Die alten niederen Instinkte schimmern hinter der neuen Technologie auf.

Dorothee Schön: Ein wichtiger Punkt ist für mich in diesem Zusammenhang, dass das Mädchen durch diese zugegeben brutale Erfahrung ins Leben zurückfindet und sich etwas, was es glaubte zu verachten, wieder zurückerobert: die Liebe zum Leben. Nicht erst nach der Rettung, sondern während der Gefangenschaft. Durch die Bedrohung findet Manu eine innere Sicherheit und ein Gefühl für sich selbst. Der andere Aspekt ist meine Hoffnung, dass die gewisse Naivität und Gläubigkeit, mit der viele Jugendliche sich dem Internet ausliefern, einen Bruch bekommt.

1000 TODE ist der zweite Fall von Klara Blum, für Sie der erste, hat es Spaß gemacht, diese Figur weiterzuspinnen?

Dorothee Schön: Mir hat es großen Spaß gemacht, ich denke, das merkt man auch der Geschichte an. Konstanz ist natürlich ein provinzielleres Pflaster als München, Berlin oder Köln, aber bei diesem Fall konnte man zeigen, wie aus dem in Konstanz nicht unnormalen Fall eines Selbstmordes im See – das kommt dort in jedem Winter mehrmals vor – plötzlich eine Dimension erwächst, wie sie auch in New York entstehen könnte, in der Fragestellung, der Problematik, den Schwierigkeiten, denen sich die Ermittlerin gegenübersieht. Aus der Enge entwickelt sich ein Fall, der weltumspannend ist. Und trotzdem in der Provinz gelöst werden muss und Gott sei Dank auch gelöst werden kann. Das war eine interessante Herausforderung für die Figur.

Das Interview stammt von 2002. Es enstammt der Pressemappe des Südwestrundfunks anlässlich der Erstausstrahlung des Films.