Interview mit Drehbuchautor Erol Yesilkaya zum Tatort EIN TAG WIE JEDER ANDERE

FÜNFTER FRANKEN-TATORT

EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten.  Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten. Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden

Erol Yesilkaya ist ein Drehbuchautor, der vor Kreativität nur so strotzt und sich in der Branche mit seinem hochkomplexen Erzählstil (META) einen Namen gemacht hat. Auch der neue Franken-TATORT EIN TAG WIE JEDER ANDERE stammt aus seiner Feder. Wir sprachen mit ihm über Muster und Zuschauererwartungen beim Tatort, seine weiteren Pläne und den 5. Tatort aus Franken, in dem er mittendrin einfach das Genre wechselt. Interview zum Tatort EIN TAG WIE JEDER ANDERE

„Bei Bayreuth lag es natürlich nahe, dass wir auch in die Oper gehen“

Im Gespräch über den Berliner Tatort META hatte die Tatort-Produzentin Nanni Erben letztes Jahr in den höchsten Tönen von Ihnen als Drehbuchautor gesprochen und Ihre “außerordentliche Kreativität” gelobt.

Erol Yesilkaya: Ich will ihr da natürlich nicht widersprechen… <lacht>

Wo kommt die her bzw. wie macht die sich bemerkbar?

Erol Yesilkaya: Ich glaube, was Nanni Erben meint ist die kreative Pünktlichkeit, also das Zusammenkommen von kreativer, produktiver Arbeit, die termingerecht und pünktlich abgegeben wird. Und im besten Fall hebt sich das möglicherweise noch ab von Arbeiten anderer Autoren.

Bei meiner Arbeit hatte ich bisher einfach auch das Glück, dass die Geschichten dramaturgisch oft funktioniert haben und bei Sendern Anklang fanden. Da hat sich eine gute und auch regelmäßige Zusammenarbeit entwickelt.

Und: Ich kann jetzt schlecht sagen, ich bin der beste Drehbuchautor, nur weil mich die Produzentin lobt. Aber ich denke, dass ich viele wichtige Basics und auch Muster bei Tatort-Krimis erkannt habe und weiß, wie ich diese umgehen kann.

Welche Basics und Muster sind denn das?
Erol Yesilkaya ist ein sehr kreativer Drehbuchautor. Bild: Katrin Schempp
Erol Yesilkaya ist ein sehr kreativer Drehbuchautor. Bild: Katrin Schempp

Erol Yesilkaya: Nehmen wir mal den Murot-Tatort ES LEBE DER TOD: Standard beim Tatort ist: Am Anfang wird eine Leiche gefunden. Dann wird ermittelt. Damit spiele ich aber auch gerne. In ES LEBE DER TOD gibt es die Leiche zwar am Anfang, aber es stellt sich am Ende des ersten Akts raus, das war keine Leiche, sondern inszeniert. Das ist auch ein Spiel mit Zuschauererwartungen.

Nehmen wir den Münchner Tatort DIE WAHRHEIT, zu dem ich das Buch auch schrieb. Am Ende wird gebrochen mit der Zuschauererwartung: Die Polizei hat den Fall aufgeklärt, der Täter ist gefasst. Ich wollte immer schon gerne einen Tatort machen, wo das am Ende nicht so ist.

Ich will gerne solche Muster brechen und trotzdem eine Geschichte erzählen. Dabei will ich das Publikum einbeziehen und natürlich nicht vor den Kopf stoßen und auch bei der Stange halten. Wenn man das halbwegs schafft, dann ist die Resonanz meistens gut. Das war glücklicherweise beim Franken-Tatort EIN TAG WIE JEDER ANDERE auch so.

EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten.  Thomas Peters (Thorsten Merten) verfolgt auf dem Universitätsflur sein Opfer.  Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten. Thomas Peters (Thorsten Merten) verfolgt auf dem Universitätsflur sein Opfer.
Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
Zu dem Film gleich mehr. Aber noch mal en Detail: Muster durchbrechen oder mit Konventionen spielen, ist nichts, was andere Drehbuchautoren nicht auch könnten. Mir scheint, dass Ihre spezielle Gabe doch eher das “hochkomplexe Erzählen” ist. Sie vermischen gekonnt viele Ebenen miteinander und erzählen Geschichten auch mal zeitlich durcheinander, montieren das parallel aber sehr gekonnt, wie in META oder eben jetzt auch im Franken-Tatort EIN TAG WIE JEDER ANDERE. Ist nicht das ihr Alleinstellungsmerkmal bzw. Ihre ganz persönliche Handschrift?

Erol Yesilkaya: Da würde ich nicht widersprechen. Das liegt mir und das macht mir auch viel Spaß. Und vielleicht ist das auch mein – oder besser: unser – Stil. Ich mache viele Filme ja auch mit Regisseur Sebastian Marka zusammen. Wir setzen uns schon in sehr frühen Stadien der Stoffe zusammen und besprechen gemeinsam die Ideen. Zu unserem Stil gehört auch, dass wir in unseren Filmen ganz oft mittendrin das Genre wechseln. Aber natürlich so, dass es nicht als Bruch auffällt oder den Zuschauer nervt.

Haben Sie das auch bei EIN TAG WIEDER JEDER ANDERE so gemacht?
EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten.  Martin (Stephan Grossmann) und Jana Kessler (Karina Plachetka) freuen sich über großartige Neuigkeiten, die sie erhalten haben. Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten. Martin (Stephan Grossmann) und Jana Kessler (Karina Plachetka) freuen sich über großartige Neuigkeiten, die sie erhalten haben. Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden

Erol Yesilkaya: Ziemlich deutlich, ja.

Wie?

Erol Yesilkaya: Da wird schon am Ende des ersten Akts, so nach etwa 22 Minuten, das Genre gewechselt. Wir haben es anfangs im neuen Franken-Tatort mit einem “Ticking-Clock Assassin-Thriller“ zu tun – also einem Serienkiller, der zur jeweils vollen Stunde mordet und die Kommissare kommen zeitlich gar nicht mehr richtig hinterher. Und genau da wechselt der Tatort zu einem eher ruhigen Psychokammerspiel.

Gleichzeitig wechselt aber auch der Protagonist des Films. Und das ist auch der Moment, wo die Ermittler erst richtig zur Geltung kommen. Mir war wichtig, dass bei ihrer ganzen Ermittlungsarbeit spürbar für den Zuschauer wird, warum sie so stark persönlich in den Fall verstrickt sind bzw. betroffen sind. Es sollte so sein, dass dies für Voss und Ringelhahn nicht nur ein Job unter vielen ist.

War Bayreuth vom Sender als Handlungsort vorgegeben?
EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten.  Pressetermin am 23.04.2018 am Bayreuther Festspielhaus BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten. Pressetermin am 23.04.2018 am Bayreuther Festspielhaus
BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden

Erol Yesilkaya: Die Idee zu Bayreuth entstand gemeinsam mit der Tatort-Redakteurin Stephanie Heckner. Sebastian Marka hat Familienanbindung in Franken und wollte in dem Film bestimmte Dinge gerne mal zeigen und auch eine bestimmte Atmosphäre aufbauen. Bei Bayreuth lag es natürlich nahe, dass wir auch in die Oper gehen und dort drehen und das in die Handlung des Films integrieren.

Sie schreiben in den Presseunterlagen zum Tatort, dass Sie bei der Idee zum Stoff sehr persönliche Bezüge einfließen lassen konnten. Welche waren das?

Erol Yesilkaya: Ja, das stimmt. Als meine Frau mit unserem ersten Sohn schwanger war, kam ich mit dem Thema eines Lebensmittelskandals in Berührung. In einem Newsticker habe ich abends gelesen, dass ein Molkereibetrieb seine Produkte nicht ausreichend erhitzt hatte und trotz dieser gesundheitlichen Gefährdung in den Verkehr brachte. Das war damals für Erwachsene wohl kein gesundheitliches Problem, außer vielleicht Durchfall oder leichte Beeinträchtigungen, aber für Schwangere dagegen sehr gefährlich. Die Komplikationen könnten bis hin zum Verlust des Kindes führen, hieß es damals. Da war ich natürlich erstmal fassungslos und habe dann noch in der gleichen Nacht im Kühlschrank nach dem Produkt gesucht, dass wir immer kaufen, ich glaube es war geriebener Käse.

EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten. Martin Kessler (Stephan Grossmann) läuft apathisch die Straße entlang.BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Willy Dettmeyer
EIN TAG WIE JEDER ANDERE, der 5. Franken-Tatort vom BR im Ersten. Martin Kessler (Stephan Grossmann) läuft apathisch die Straße entlang. BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Willy Dettmeyer

Und das war der Moment, wo ich mich natürlich gefragt habe, wie ich wohl reagieren würde, wenn meiner Frau und meinem Kind etwas passieren würde. Das war für mich ein richtiger Horror und das ist mir sehr nahe gegangen. Sehr irrational habe ich da mit großer Wut auf die Leute reagiert, die solche Produkte in den Handel haben kommen lassen. Ich habe das gedanklich sofort durchgespielt und dabei gemerkt, dass ich so den Zugang zu einer Figur bekomme, die sich gut in einem Thriller erzählen lässt.

Diese Figur wirkt in EIN TAG WIE JEDER ANDERE aber alles andere als irrational oder wütend, sondern eher kühl und eben sehr rational. Wo sind diese Emotionen geblieben?

Erol Yesilkaya: Der Grundgedanke war, dass der Täter gescheitert ist, nach seiner schlimmen Erfahrung, normal und gut weiterleben zu können. Ihm werden alle Möglichkeiten genommen, darauf noch irgendwie zu reagieren, gerade physisch. Alles was ihm bleibt, ist die Rache und sein kalter Hass.

Als die beiden Kommissare Ringelhahn und Voss an ihn und seine Menschlichkeit appellieren, ist er nicht mal zu Mitleid oder Empathie fähig. Rational und logisch weiß er aber natürlich, dass er ungerecht und falsch handelt, weswegen er später auch seine Strafe dafür annehmen will.

Von links: Thomas Peters (Thorsten Merten) schreit den Taxifahrer Günes (Cem Ali Gültekin) an, nachdem er dessen Autoscheibe zerschossen hat. Günes kauert panisch vor seinem Auto. BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
Von links: Thomas Peters (Thorsten Merten) schreit den Taxifahrer Günes (Cem Ali Gültekin) an, nachdem er dessen Autoscheibe zerschossen hat. Günes kauert panisch vor seinem Auto. BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
Kommen wir zu einer weiteren Figur: Mehmet Günes. Die Figur spielt oft in Ihren Tatorten mit, zuletzt auch im Münchner Tatort DIE WAHRHEIT als tatverdächtiger Jura-Student. In EIN TAG WIE JEDER ANDERE spielt er nun einen Taxifahrer. Gibt es diese Figur jetzt immer in Ihren Tatorten?

Erol Yesilkaya: <lacht> Das weiß ich noch nicht, aber tatsächlich tauchte er in bisher fast allen Tatorten von mir und Sebastian auf. Cem Ali Gültekin spielt diese Figur auch ganz hervorragend. In nur wenigen Filmen taucht er mal nicht auf. In ES LEBE DER TOD fehlt er komplett und in META wird er nur noch erwähnt, weil die Rolle da wirklich zu klein war, glaube ich. Dagegen sehr prominent war er ja in DIE WAHRHEIT, dem Münchner Tatort , wo am Ende kein Täter gefasst wurde und der sogar fortgesetzt wurde.

Was ist das denn eigentlich mit dieser Figur – nur ein Running Gag?

Ja, es ist ein Running Gag. Es gibt aber auch andere Figuren, die wiederholt in unseren Filmen auftauchen. Rolf Poller etwa, der Antagonist aus DAS HAUS AM ENDE DER STRASSE (gespielt von Armin Rohde), taucht als jüngere Version im Tatort META auf (gespielt von Ole Puppe).

Ich denke oft, was muss mit einer Figur wie Memo Günes passieren, damit sie später in einem Tatort aus einer anderen Stadt auftaucht. Und dann baue ich sie in den Film ein. Schon deshalb, weil es großartig ist, mit Cem zusammenzuarbeiten. Vielleicht widme ich dieser Figur mal eine große tragende Rolle in einem anderen Film.

Wann?
Premiere 5. Frankentatort am 31.1.2019 in Bayreuth, Bild: BR/Philipp Kimmelzwinger
Premiere 5. Frankentatort am 31.1.2019 in Bayreuth, Bild: BR/Philipp Kimmelzwinger

Erol Yesilkaya: Das weiß ich nicht. Das steht noch in den Sternen. Aber unser Gespräch lässt mich diese Idee jetzt vielleicht weiterspinnen, es gibt einfach so viele Möglichkeiten. Ich würde Günes auch mal anders erzählen, nicht nur als kleinen Taxifahrer mit abgebrochenem Studium. Vielleicht muss ich darüber mal mit der Tatort-Produzentin Nanni Erben sprechen….

Sie haben in den letzten Jahren sehr viele Tatorte geschrieben, für viele Teams aus unterschiedlichen Städten. Wie sind Ihre weiteren Pläne im Tatort-Kosmos?

Erol Yesilkaya: Es stimmt: es sind viele Drehbücher in den letzten Jahren entstanden. Und die Ideen gehen mir derzeit auch nicht aus, es sind viele Plots auf dem Tisch. Konkret über neue Pläne darf ich jetzt noch gar nicht reden. Aber ich kann wohl so viel sagen, dass Sebastian und ich einen weiteren Münchner Tatort vorbereiten wollen. Und im April wird DAS NEST laufen, der erste neue Tatort mit Cornelia Gröschel aus Dresden.

Das Interview führte François Werner
Das Erste strahlt den fünften Tatort aus Franken, EIN TAG WIE JEDER ANDERE, am Sonntag, 24. Februar 2019 um 20.15 Uhr aus.