Interview mit Dirigent Daniel Grossmann

1063. Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT

Daniel Grossmann ist Dirigent des Jewsih Chamber Orchestra Munich und hat den Schauspieler Gottfried Breitfuss gecoacht, der im Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT den Dirigenten gespielt hat. Für die Gründung und künstlerische Leitung des JCOM wurde Daniel Grossmann (*1978) 2012 vom Bayerischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit dem »Pro meritis scientiae et litterarum«-Preis ausgezeichnet. Damit wird seine unermüdliche Arbeit, mit welcher der in München, New York und Budapest ausgebildete Dirigent sein Orchester  zu einem international beachteten, professionellen Klangkörper auf musikalisch hohem Niveau entwickelt und ein Profil erarbeitet, das einzigartig im facettenreichen Münchner Kulturleben ist, anerkannt. Ein Interview mit Dirigent Daniel Grossmann.

Haben Sie die im Film vom Orchester gespielten Stücke der jüdischen Komponisten schon gekannt? Was bedeutet es für Sie als jüdisches Orchester, diese Stücke aufzuführen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen?

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT Der Perkussionist (im wahren Leben: Danie Grossmann, Dirigent des Jewish Chamber Orchestra Munich) versucht nach dem Mordanschlag die Gemüter zu beruhigen. Copyright: SRF/ Hugofilm
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT
Der Perkussionist (im wahren Leben: Danie Grossmann, Dirigent des Jewish Chamber Orchestra Munich) versucht nach dem Mordanschlag die Gemüter zu beruhigen.
Copyright: SRF/ Hugofilm

Bis auf die Sinfonie von Marcel Tyberg kannte ich alle Stücke. Tyberg war mir zwar als Komponist bekannt, mit seiner Musik jedoch hatte ich mich noch nicht beschäftigt. Besonders Schulhoff hat eine wichtige musikhistorische Bedeutung: Er war einer der ersten Komponisten aus dem Bereich der klassischen Musik, die mit Elementen des Jazz experimentierten, und einer der ganz wenigen, die sich mit Dadaismus in der Musik befassten.

Natürlich bedeutet es mir unglaublich viel, dass der TATORT als eines der meistgesehenen und wohl bekanntesten TV-Formate dem Thema der vergessenen jüdischen Komponisten ein so großes Forum bietet. Schließlich ist das ein Themenschwerpunkt, den das Orchester seit seiner Gründung im Jahr 2005 setzt. Und selbstverständlich fände ich es großartig, wenn durch diesen Auftritt der besonderen Art unsere Arbeit einem noch viel breiteren Publikum bekannt würde.

Interview mit Dirigent Daniel Grossmann  – Wie war es, einen Schauspieler, der kein professioneller Dirigent ist, beim Spielen vor sich zu haben?

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT: Gottfried Breitfuss als Dirigent Gidon Winternitz Bild: SRF/ Pascal Mora
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT:
Gottfried Breitfuss als Dirigent Gidon Winternitz Bild: SRF/ Pascal Mora

In der Tat war es – vor allem auch angesichts des Schwierigkeitsgrades der Stücke –, nicht ganz einfach für die Musiker, dass kein «wirklicher» Dirigent den Takt vorgab. Aber Gottfried Breitfuss und ich haben im Vorfeld intensiv gearbeitet, sodass seine Bewegungen am Ende wie die eines professionellen Dirigenten aussahen.

Trotz intensiver Vorarbeit ist es natürlich unmöglich, ein Orchester durch so komplexe Werke zu leiten wie ein jahrelang ausgebildeter Dirigent – das wäre zu viel verlangt! Vonseiten der Musiker ist in so einem Fall viel mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation gefordert. Eigenschaften des kammermusikalischen Musizierens stehen also im Vordergrund, auch die Führungsqualitäten des Konzertmeisters sind hier verstärkt gefragt.

Gibt es außerhalb dieses TATORTs die Möglichkeit, die Musik der Komponisten zu hören?

Von allen Werken, die im Film gespielt werden, gibt es glücklicherweise Aufnahmen auf CD. Doch in den regulären Konzertprogrammen sind Komponisten wie Schulhoff, Ullmann und Tyberg immer noch eher selten anzutreffen. Da Musik per se jedoch seine unbändige Kraft und sein einzigartiges Potenzial zu berühren und Emotionen zu wecken vorrangig im Live-Erlebnis entfaltet, wünsche ich mir, dass diese wunderbare Musik viel häufiger im Konzert gespielt wird.