Filmfestival-Direktor: „Jeden Tatort als Film sehen“

Auszeichnung für den Tatort MUROT UND DAS MURMELTIER

"Keine Sensation", dass MUROT UND DAS MURMELTIER ausgezeichnet wurde: Dr. Michael Kötz ist Festivaldirektor des Festivals des deutschen Films. Bild:FddF / Foto: Sebastian Weindel
"Keine Sensation", dass MUROT UND DAS MURMELTIER ausgezeichnet wurde: Dr. Michael Kötz ist Festivaldirektor des Festivals des deutschen Films. Bild:FddF / Foto: Sebastian Weindel

MUROT UND DAS MURMELTIER hat am letzten Wochenende in Ludwigshafen den Filmkunstpreis des Festivals des deutschen Films gewonnen. Zum ersten Mal ging dieser Preis an einen Krimi und gleichzeitig an einen TATORT. Im Interview mit Festivaldirektor Dr. Michael Kötz sprechen wir über diesen Film und die Auszeichnung.

Herr Kötz, ein TATORT-Krimi hat zum ersten Mal den Filmkunstpreis des Festivals gewonnen. Ist dieses Novum nicht zugleich auch eine kleine Sensation?

Kötz: Das wird wahrscheinlich von vielen so gesehen. Aber in Wirklichkeit denken wohl viele „Ein Tatort ist ein Tatort“ und kein Film.

Aber das ist es eben nicht so, denn auch ein Tatort ist erstmal ein Film. Einer aus einer zusammenhängenden Reihe zwar, aber es kommt immer auf den einzelnen Film an. Unserer Jury haben wir durch die Nominierung gesagt: diesen Film kann man als Preisträger in Erwägung ziehen, neben den vielen anderen Filmen. Und die Jury hat sich frei und abhängig für diesen TATORT entschieden, weil sie ihn als Film betrachtet hat. Insofern hat also ein Film den Preis gewonnen, der auch ein TATORT ist.

…also keine Sensation?

Kötz: Nein, für mich nicht! Die Auszeichnung zeigt übrigens auch die Verbundenheit des Öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit der Filmkunst in Deutschland. Die dort zwar viele Probleme und auch Widersprüche hat, aber die Öffentlich-rechtlichen sind mit der freien Filmszene in Deutschland ein wichtiger kreativer Partner. Sie sollten das auch so verstehen und die alte Gegnerschaft Kino gegen Fernsehen aufgeben, die ich für falsch halte. Die wirklichen Gegner sind die großen Streamingdienste wie Netflix, die nicht nur das lineare Fernsehen bekämpfen, sondern eben auch das Kino.

Dr. Michael Kötz ist Festivaldirektor des Festivals des deutschen Films. Bild:FddF / Foto: Sebastian Weindel
Dr. Michael Kötz ist Festivaldirektor des Festivals des deutschen Films. Bild:FddF / Foto: Sebastian Weindel
Auf diesem Filmfestival waren in den letzten drei Jahren 90% der gezeigten TATORTe vom jeweiligen ARD-Sender eigenproduzierte TATORT-Folgen. Ist das Zufall oder sind das gar die besseren TATORT-Filme?

Kötz: Das ist reiner Zufall. Wir haben uns alle Filme angeschaut und sie dann ausgewählt, wenn sie als Filme interessant waren.

…so zufällig kann das aber nicht sein, denn alle TATORTe kommen entweder vom Hessischen Rundfunk (HR) oder vom
Südwestrundfunk (SWR). Beide Anstalten produzieren ihre TATORTe selbst und vergeben diese nicht an externe Produktionsfirmen.

Kötz: Beim HR und beim SWR liegt das an der Qualität und dem Mut der Redaktionen. Hier können die Künstler „angstfrei und streßfrei“ arbeiten. Da kommen am Ende einfach die besseren Sachen raus. Aus Angst vor Tabus lässt sich meines Erachtens nicht gut arbeiten. Die Kunst braucht Luft zum Atmen und keine Kontrolle.

Wie kommt denn ein TATORT aufs Filmfest – werden die Filme auf Ihre Initiative eingeladen oder wird bei Ihnen ganz normal eingereicht. Anders gefragt: haben auch TATORTe anderer Anstalten bei Ihnen eine Chance?

Kötz: Na klar! Und letztlich passiert beides: wir fordern auch mal einen Film an, wenn er nicht schon bei uns eingereicht wird. Es gibt aber auch welche, die haben kein Interesse an unserem Filmfest. Wir sind ihnen vielleicht nicht wichtig genug.

Auf diesem Filmfest passiert mit den TATORT-Filmen etwas Ungewöhnliches: Bei 4 von 5 TATORTen schneiden Sie den Vorspann weg oder im Programmheft taucht der Reihentitel nur in Klammern auf, der geht fast unter. Warum gehen Sie so mit diesem erfolgreichen Fernsehdenkmal um?

Kötz: Also beim Tatort MUROT UND DAS MURMELTIER, der hier den Filmkunstpreis gewonnen hat, haben wir den Vorspann belassen. Und zwar deshalb, weil der Regisseur Dietrich Brüggemann den Vorspann zu Beginn noch mal aufgreift und ironisiert. Das wäre in dem Fall blöd gewesen, ihn auch wegzuschneiden. Grundsätzlich nehmen wir das TATORT-Signet aber weg, damit Sie und andere Medien nicht sagen können: „Ein TATORT hat gewonnen“ sondern „Ein Film hat gewonnen“. Ganz einfach.

MUROT UND DAS MURMELTIER hat beim Festival des deutschen Films 2018 den Hauptpreis gewonnen, den Filmkunstpreis. Bild:HR
MUROT UND DAS MURMELTIER hat beim Festival des deutschen Films 2018 den Hauptpreis gewonnen, den Filmkunstpreis. Bild:HR

Aber man sollte jeden einzelnen TATORT nicht als TATORT sehen, sondern als Film. Nur so ist es übrigens möglich, dass in dieser Reihe Filme entstehen, welche die mehr oder weniger geschriebenen Gesetze der Reihe auch mal aushebeln. In der Reihe TATORT muss doch alles möglich sein, deswegen ist auch die Experimente-Diskussion vom letzten Herbst so unergiebig.

Warum hat der Murot-TATORT nun diesen Preis gewonnen, was macht ihn so außergewöhnlich?

Kötz: Vordergründig ist das ein Remake des Klassikers UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER. Aber eigentlich beschäftigt sich der TATORT mit dem Krimigenre selbst. Also mit der Routine und den Dingen, die sich immer wiederholen – als Endlosschleife, im Krimi im allgemeinen und speziell auch im TATORT. Wo es kein Entkommen zu geben scheint und immer wieder alles von vorne beginnt. So klassische Krimis sind schon etwas langweilig, weil der Zuschauer immer schon weiß, dass gleich der Mord passiert und dann muss der Kommissar kommen.

Da ist es schon mal erfrischend, was anderes zu machen. Und Regisseur Dietrich Brüggemann zeigt auf geradezu geniale Weise, dass es nur eine einzige Chance gibt, aus dieser Endlosschleife herauszukommen, nämlich ausgerechnet dann, wenn niemand stirbt. Und das innerhalb des Krimigenres, das ist genial! Mich hat das sehr begeistert und die Jury ja offenbar auch.

Die Begründung der Jury beim Festival des deutschen Films:


MUROT UND DAS MURMELTIER zeigt in überzeugender und raffinierter Weise die Zeitschleife, in der das Überangebot der Krimi-Produktion des Fernsehens steckt. Sein Vorbild ist der international hoch gelobte Spielfilm „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in dem der Reporter eines amerikanischen Wetterfernsehens verzweifelt versucht, aus dem immer gleichen Ablauf seines Berufs herauszukommen. Dietrich Brüggemann hat die Geschichte in voller künstlerischer Freiheit für einen Fernsehfilm adaptiert, in dem der Ermittler Murot Schluss macht mit der endlosen Mordmaschinerie des Kriminalgenres. Er kämpft für ein Ende ohne Tote, ein Tatort to end all Tatorts.


Damit legt dieser Fernsehfilm ein strukturelles Problem der deutschen Filmlandschaft offen, dass im Fernsehen durch mutige Redaktionen außerordentlich intelligente und kühne Filme entstehen können. Phantasiereich und klug inszeniert, dramaturgisch raffiniert, voller Witz und Abwechslung und immer wieder überraschend führt Dietrich Brüggemann seinen großartigen Hauptdarsteller Ulrich Tukur durch die Turbulenzen des Wahnsinns zu einem glücklichen Ausgang. Keiner stirbt, aber alle sind um die Erkenntnis reicher, dass Spannung und 90 Minuten Filmglück an ästhetische Brillanz und nicht an Verbrechen und Mord gebunden sind.

Filmposter des Preisträgerfilms MUROT UND DAS MURMELTIER, Bild:HR
Filmposter des Preisträgerfilms MUROT UND DAS MURMELTIER, Bild:HR
Der Preis ist ja eine Auszeichnung für Filmkunst – besteht die bei diesem Murot-TATORT nicht noch aus anderen Dingen?

Kötz: Dieser Film lebt sicher auch von der Schauspielbeherrschung. Und es ist schon virtuos, das ewig Gleiche stets anders zu erzählen. Zum Beispiel beim Slapstick, wo der Zuschauer erwartet, jetzt wird Murot wieder stolpern. Brüggemann beherrscht diese hohe Kunst, er arbeitet damit und führt den Zuschauer an der Nase herum. Das ist die Qualität dieses Films.

Und nebenbei ist es übrigens auch ein Film über das Filmemachen an sich, ein Spiegel der realen Filmproduktion. Auch jeder andere Schauspieler spielt die Szenen unendlich oft. Es ist ja nicht nur Murot, der immer wieder und wieder morgens in diesen Fall stolpert. Auch im wirklichen Produktionsprozess drehen alle Darsteller die Szenen mehrfach und immer wieder.

Derzeit entsteht in Friedberg bereits der nächste Murot-TATORT und bisher haben fast alle TATORTe mit Ulrich Tukur auf dem Filmfestival in Ludwigshafen ihre Premiere gefeiert. Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch im kommenden Jahr wieder die Premiere des Murot-TATORTs DER ANGRIFF in Ludwigshafen sehen werden?

Kötz: Solange die Filme vom Hessischen Rundfunk kommen und die Redakteure da so agieren dürfen wie in der Vergangenheit, ist sie sehr hoch.

Das Interview mit Dr. Michael Kötz führte Francois Werner am 9. September 2018 auf der Parkinsel in Ludwigshafen