Die Sache mit dem Titel des TATORT-Koordinators

Nach der fristlosen Kündigung des WDR-Fernsehfilmchefs Gebhard Henke macht ihm WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn auch noch den Titel des TATORT-Koordinators streitig, den Henke lange Jahre inne hatte.

Im Online-Medienmagazin DWDL wird Schönenborn zitiert: „Die offizielle Funktion eines Tatortkoordinators kennt die ARD nicht“.  Er, Schönenborn, sei seit 2014 Koordinator für Fernsehfilme und Serien, wozu auch die TATORTe zählen, schreibt Schönenborn weiter in einem Antwortschreiben an verschiedene Film-Verbände, die die Macht-Konzentration bei den Öffentlich-Rechtlichen kritisiert hatten.

Seit 1970 gibt es den Titel des Tatort-Koordinators

Es mutet seltsam an, was Schöneborn über die Existenz des TATORT-Koordinators schreibt. Er negiert sie quasi. Doch seitdem es den TATORT gibt, seit 1970 also, gibt es aber in der Kommunikation der ARD immer wieder den TATORT-Koordinator. Nie wurde jemand, der sich so nannte, zurückgepfiffen oder korrigiert – auch Henke nicht.

Jörg Schönenborn ist WDR-Fernsehdirektor und weiß nichts von einem "TATORT-Koordinator" Bild: © WDR/Herby Sachs
Jörg Schönenborn ist WDR-Fernsehdirektor und weiß nichts von einem „TATORT-Koordinator“ Bild: © WDR/Herby Sachs

Richtig ist, dass es keine offizielle Funktion ist. Aber diese nebenamtliche Funktion des TATORT-Koordinators innerhalb der Fernsehfilm-Koordination gibt es  – genauso wie es den bzw. die „Polizeiruf 110“-Koordination (beim MDR in Person von Fernsehfilmchefin Jana Brandt) gibt. Diese negiert Schönenborn jedoch nicht.

Schon immer haben TATORT-Koordinatoren dem offiziellen Koordinator Fernsehfilm zugearbeitet und sich um besondere Dinge gekümmert. Der Koordinator schlägt Sendetermine vor oder betreut besondere Projekte (DVD-Auswertung, App-Entwicklung oder Mitwirkung im ARD-Markenboard). Und gerade beim WDR war es bisher usus, die Funktion auf den Fernsehfilmchef zu übertragen. Auch Henkes Vorgänger und TATORT-Erfinder Gunther Witte war „TATORT-Koordinator“.

Im Überblick – Die bisherigen TATORT-Koordinatoren

  • Horst Jaedicke (Süddeutscher Rundfunk)
  • Gunther Witte (Westdeutscher Rundfunk)
  • Jürgen Kellermeier (Norddeutscher Rundfunk)
  • Gebhard Henke (Westdeutscher Rundfunk)

Diese jahrelange Praxis beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) sollte natürlich auch Schönenborn kennen. Aber erst jetzt wo Henke als Fernsehfilmchef entlassen wurde, reagiert WDR-Mann Schönenborn plötzlich. Will er „Schaden“ von der erfolgreichen Krimireihe TATORT abwenden? Es scheint der Versuch zu sein, Henkes Namen von seiner langjährigen Funktion als TATORT-Koordinator trennen zu wollen, die Marke nicht zu „beschmutzen“!?

Seltsame Kommunikationsakrobatik

Jahrelang hatte Gebhard Henke den Titel des Tatort-Koordinators inne. Nun will WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn ihm den nach seiner fristlosen Kündigung auch noch streitig machen. Bild: WDR/Sachs
Jahrelang hatte Gebhard Henke den Titel des Tatort-Koordinators inne. Nun will WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn ihm den nach seiner fristlosen Kündigung auch noch streitig machen. Bild: WDR/Sachs

Mit dieser seltsamen Kommunikationsakrobatik fällt Schönenborn erneut negativ auf. Schon letztes Jahr, als TATORT-FUNDUS herausfand, dass die ARD die Zahl der jährlichen TATORT-Experimente auf zwei begrenzt werden sollte, blieb Schönenborn kommunikativ ziemlich wolkig und nicht klar greifbar unterwegs, ruderte gar zurück. Am Ende sollte alles so bleiben, wie es war. Als Fernsehfilmkoordinator ein eher peinlicher Auftritt.

Außerdem ist Schönenborn in den meisten Filmabteilungen der ARD-Rundfunkanstalten nicht besonders beliebt. Er gilt – was Filme angeht – schlicht als nicht kompetent. Von Fiktion habe er keine Ahnung, heißt es unsiono. Und er macht sich zunehmend unbeliebter, weil er auf kurzem Dienstweg auch schon mal auf Redaktionen zugeht, Kürzungen und Veränderungen an den Filmen durchsetzen will. Fruchtet dies nicht, stachelt er die übergeordnete Fernsehdirektion des Senders auf. Ferner übergeht er so auch die sog. „ARD-Vorbesichtigungstruppe“, eine kleine Gruppe aus Fernsehfilmredakteuren der ARD. Diese interne Gruppe sichtet Filme vorab und spricht Empfehlungen und Beurteilungen aus, die Änderungen am Schnitt oder Sendetermin-Platzierungen betreffen (können).

Aber vermutlich lässt Schönenborn bald schon verlauten, dass es die auch nicht mehr gibt?!