Die Redakteurin über den TATORT Kassel – „Eine absolute Ausnahme“

Interview mit hr-Redakteurin Lilli Kobbe

Dr. Lili Kobbe ist Fernsehspielredakteurin beim Hessischen Rundfunk (hr) und u.a. für die Frankfurter TATORTe zuständig, Bild: HR
Dr. Lili Kobbe ist Fernsehspielredakteurin beim Hessischen Rundfunk (hr) und u.a. für die Frankfurter TATORTe zuständig, Bild: HR

Lilli Kobbe ist Redakteurin in der Fernsehspielabteilung des Hessischen Rundfunks (HR) in Frankfurt und betreut regelmäßig die TATORT-Folgen mit dem Team Janneke und Brix.  Anlässlich des Beginns der Dreharbeiten in Kassel zum TATORT MÜHLE (AT) hat der Sender eine Pressekonferenz veranstaltet. Am Rande konnten wir mit der Redakteurin über den TATORT Kassel sprechen. Dr. Lili Kobbe spricht über die Arbeit an Stoffen, die Auswahl von Einsatzorten für den Sonntags-Krimi und wovon sich die Abteilung bei ihrer Arbeit leiten lässt.

Vor etwa drei Jahren hat der damalige HR-Intendant Helmut Reitze den Kasselern einen eigenen TATORT versprochen. Ist das der Grund, warum man nun dieses Projekt angeht?

Ja, wir haben diesen Wunsch die ganze Zeit vor uns hergetragen und haben überlegt, wann wir das machen können. Man hat ja immer einen gewissen Vorlauf. In diesem Jahr passte es, und wir hatten die geeigneten Autoren, mit denen wir die Sache angegangen sind. Aber der Auslöser war schon der Wunsch des Intendanten.

Kommt das öfter vor, daß quasi „von oben“ ein Wunsch nach einem bestimmten Standort oder auch nach einem Thema an die Redaktion herangetragen wird?

Eigentlich sind wir relativ frei in dem, was wir machen; wir können gestalten, wie wir wollen. Aber wir sind natürlich an Frankfurt gebunden, das ist gesetzt. Murot darf in Hessen reisen, aber der Rest sollte sich in Frankfurt abspielen. Dass wir jetzt nach Kassel gehen, ist eine absolute Ausnahme.

Wir sind in der glücklichen Lage, noch 25 Drehtage anbieten zu können. Bei anderen Produktionsfirmen hat man teilweise nur 20 oder 21 Tage für 90 Minuten – und das merkt man dann schon

Wie funktioniert das normalerweise – werden Themen von der Redaktion gesetzt und Autoren beauftragt, entsprechende Bücher zu erarbeiten, oder kommen Autoren auf euch zu und schlagen Themen vor?

Das ist unterschiedlich. Wir suchen uns die Autoren aus und besprechen mit ihnen, welche Ideen sie haben. Im Prinzip ist das ein permanenter Austausch – die Autoren machen Vorschläge, und wir sehen dann, was realisierbar ist.

Gibt es ein festes Team von Autoren, auf die ihr immer wieder zurückgreift?
Die Redakteurin über den TATORT Kassel - Lili Kobbe spricht über die Stoffentwicklung des neuen TATORTs und erklärt, warum Kassel "eine absolute Ausnahme" ist. Bild:HR
Die Redakteurin über den TATORT Kassel – Lili Kobbe spricht über die Stoffentwicklung des neuen TATORTs und erklärt, warum Kassel „eine absolute Ausnahme“ ist. Bild:HR

Ja, aber wir probieren gerne auch neue aus. Für die nächsten Jahre sind wir bereits mit Autoren in Kontakt, mit denen wir vorher noch nicht zusammengearbeitet haben. Die beiden Autoren des Kassel-TATORTs (Stephan Brüggenthies und Andrea Heller) haben ja schon einen TATORT und einen Mittwochsfilm für uns gemacht. Aber die Zeitabstände sind relativ groß; ein Autor wird etwa alle zwei bis drei Jahre mal beschäftigt.

Es gibt ja wohl eine neue Regelung, die besagt, daß insgesamt nur noch höchstens zwei sogenannte „Experimental-TATORTE“ pro Jahr produziert werden sollen. Mit Murot habt ihr ja einen typischen „Experimentalisten“ im Programm – heißt das, daß man bei Brix/Janneke künftig auf „Experimente“ verzichtet und daß ein Film wie etwa „Fürchte dich“ nicht mehr möglich sein wird?

„Da muss man ja zunächst überlegen,was denn experimental überhaupt bedeutet. Was für einige Zuschauer schon extrem ist, finden andere völlig normal. Beispielsweise bekommen wir Zuschauerzuschriften zu durchweg allen unseren TATORTen, die von „der schlechteste TATORT, den ich je gesehen habe“ bis zu „großartig, mehr davon“ reichen. Daher werden wir auch in Zukunft, die Filme machen, die wir für relevant halten.“

Also auch ein Film wie etwa der von mir hoch geschätzte „Wer bin ich?“ wird künftig noch möglich sein?

Ja, das war Murot, da ist das ohnehin eher möglich. Aber auch sonst werden wir uns da nichts auferlegen. Selbst wenn eine Geschichte relativ einfach klingt oder leicht zu erzählen ist, kann man visuell viel gestalten, so daß die Filme durchaus einen experimentellen Charakter haben können.

Nun wird es den Kassel-TATORT geben, und da stellt sich natürlich die Frage: Was macht ihr denn, wenn jetzt die Gießener und die Rüsselsheimer und am Ende möglicherweise sogar die Offenbacher kommen und ihren eigenen TATORT haben wollen?

Wir hatten ja vor einigen Jahren ein Offenbacher POLIZEIRUF 110-Team, das wir schweren Herzens wieder „beerdigen“ mußten. Aber man muß sich natürlich überlegen, wie man damit umgeht, wenn beispielsweise Marburg anruft und einen TATORT haben möchte. Es gibt keine Strategie, daß man dann gleich dort hinfährt, weil es auch immer einen höheren Aufwand finanzieller Art bedeutet, wenn man an anderen Orten als Frankfurt dreht.

Apropos Finanzen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muß bekanntlich sparen. Steht ihr bei der Produktion unter Druck, beispielsweise was Drehtage und Ausstattung angeht, den Finanzrahmen von 1,4 bis 1,6 Millionen pro Folge einzuhalten, oder könntet ihr euch erlauben, wie Til Schweiger in Hamburg das übliche Budget deutlich zu überziehen?

Nein, wir müssen uns schon an die Vorgaben halten. Aber das ist in der Regel auch zu leisten. Man muß gut planen; es ist nicht so, daß wir irgendwo etwas abknapsen müssen, um im Rahmen zu bleiben. Dadurch, daß der HR als eine der wenigen Anstalten noch selbst produziert, sind wir in der glücklichen Lage, noch 25 Drehtage anbieten zu können. Bei anderen Produktionsfirmen hat man teilweise nur 20 oder 21 Tage für 90 Minuten – und das merkt man dann schon.

Wir als TATORT-Zuschauer haben den Eindruck, daß ihr als Frankfurter Redaktion spätestens seit den Zeiten von Dellwo/Sänger sehr mutig seid und viele originelle Ideen habt. Ist das Zufall oder werdet ihr auch dazu animiert, Neues zu wagen und auszuprobieren?

Im Grunde machen wir die Filme, die wir auch gerne sehen möchten. Das ist wahrscheinlich das ganze Geheimnis. Es ist nicht so, daß wir uns überlegen, wen wir etwa besetzen sollten oder welche Geschichte wir erzählen müssen, um bestimmte Zuschauer anzusprechen. Wir machen die Filme, bei denen wir dahinter stehen, und ich glaube, das macht das Besondere der HR-TATORTE aus.

Dann wollen wir hoffen, daß das auch so bleibt. Danke für das Gespräch!

Die Fragen stellte Frank Weißenborn