Die Herausforderung: Das Drehbuch für den Kassel-TATORT

Interview zum Kassel-Tatort MÜHLE mit den Drehbuchautoren

Das Drehbuch für den Kassel-TATORT stammt von Andrea Heller und Stephan Brüggenthies, die für den HR unter anderem bereits den Tatort WENDEHAMMER (2016) geschrieben haben. Diesmal standen die beiden erfahrenen Krimi-Autoren vor einer ganz besonderen Aufgabe: Wie versetzt man ein Frankfurter Ermittlerteam schlüssig und für den Zuschauer nachvollziehbar ins nordhessische Kassel? Der gemeine Frankfurter macht sich ausserhalb von documenta-Zeiten nur widerwillig und im Notfall auf den Weg nach „Hessisch-Sibirien“ – was also treibt die beiden in Frankfurt verwurzelten Kommissare zweihundert Kilometer tief in die Provinz? Andrea Heller und Stephan Brüggenthies äusserten sich dazu im Interview.

Ihr seid vom HR beauftragt worden, einen TATORT zu schreiben, der grösstenteils in Kassel spielt. Wie geht man an so eine Aufgabe heran? Schaut man sich zuerst die Stadt an und überlegt sich beispielsweise, welche Location geeignet wäre?

Stephan Brüggenthies: Man versucht zunächst, die Stadt zu „erschnuppern“. Man schaut sich etwa an, wie die Leute gehen, wie sie sich bewegen, welche Unterschiede es zwischen den verschiedenen Stadtvierteln gibt. Aber im Vordergrund steht natürlich die Story. Die muss gut sein, sonst wird’s langweilig, und niemand würde den Film sehen wollen.

Aber es ist für ein Autorenteam schon eine Herausforderung, eine überzeugende Story mit einem vorgegebenen Standort zu verbinden, an den die Ermittler zunächst „verfrachtet“ werden müssen, oder?
Er schrieb das Drehbuch für den Kassel-TATORT: Drehbuchautor Stephan Brüggenthies, Bild: Angelika Huber
Er schrieb das Drehbuch für den Kassel-TATORT: Drehbuchautor Stephan Brüggenthies, Bild: Angelika Huber

Stephan Brüggenthies: Die Verlegung der Ermittlungen von Frankfurt nach Kassel zu Beginn des Films – und zwar so, dass es für die Zuschauer schlüssig ist – , das war in der Tat eine Herausforderung. Und zwar ohne dass Kassel dabei irgendwie schlecht wegkommt, das ist völlig klar. Ich komme aus Münster, und wenn nun ein Film gemacht würde, in dem die Kölner Kommissare nach Münster kommen und die Münsteraner dann nur die lustigen Deppen sind – dann würden alle Münsteraner die Kölner prügeln. Zu Recht. Da wir auch in Zukunft noch zur documenta nach Kassel kommen wollen, ohne dass wir hier verprügelt werden, dachten wir, wir machen das lieber ordentlich.

Andrea Heller: Deswegen gibt es im Film die Leiterin des Kasseler Morddezernats, die wirklich eine ganz tolle Frau ist.

Ihr habt die Stadt „erschnuppert“ und geschaut, wie die Kasseler gehen und sich bewegen. Wie gehen sie denn – gedrückt und gebeugt, deprimiert und beladen? Jedenfalls ist das die Vorstellung, die viele Frankfurter von uns haben…..

Andrea Heller: Was? Nein, wir hatten überhaupt nicht den Eindruck! Hier ist viel los, alle sind draussen, auch abends, es gibt viele wirklich schicke Locations.

Stephan Brüggenthies: Ich war zur documenta-Zeit hier, da treibst man sich ja immer an bestimmten Orten rum. Aber jetzt, wenn man sich zum Beispiel im Bereich Vorderer Westen umschaut, dann stellt man fest, dass es Ecken gibt, die so ganz anders sind als das Bild, das man von aussen betrachtet von Kassel hat. Man hat die Vorstellung, die Stadt ist in den 50er und 60er Jahren neu aufgebaut worden, hier gibt’s die erste Fussgängerzone Deutschlands, Kassel ist sozusagen das „deutsche Rotterdam“. Das gilt aber nur für bestimmte Teile der Stadt. Es gibt dann auch noch die kaiserlich-mondäne Seite, die man an den verschiedensten Plätzen spürt, nicht nur auf der Wilhelmshöhe. Man kann sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlen.

Und so hat Kassel eben viele verschiedene Facetten. Das ist spannend, und daraus kann man einiges machen – wobei ich allerdings nicht sagen will, dass sich dies nun alles auch eins zu eins im TATORT wiederfindet. Das geht schlecht, wir erzählen ja in erster Linie einen Krimi. Aber ich denke schon, dass Kassel sehr viel zu bieten hat.

Wenn ihr durch die Stadt geht und bestimmte Standorte betrachtet, wirken sich die Eindrücke dann auch unmittelbar auf das Drehbuch aus? Schreibt ihr beispielsweise konkret Szenen für bestimmte Locations?

Andrea Heller: Ja, genau! Das wird dann im Drehbuch genau bezeichnet.

Stephan Brüggenthies: Es steht dann zu Beispiel drin, dieses Szene spielt in der Treppenstrasse oder auf der Wilhelmshöher Allee. Es gibt aber auch Szenen, wo es etwa heisst: „Brix fährt mit dem Fahrrad durch eine Wohnsiedlung“. Da sucht die Produktionsleitung dann die geeigneten Orte aus, wo man am besten drehen kann. Aber in der Regel sind die Drehorte im Buch bereits fest eingeplant.

Kassel wurde von den Drehbuchautoren genau vorab erkundet. So gibt es im Drehbuch sehr genaue Ortsangaben, aber auch weniger genauenAngaben. Diese müssen dann von einem Locationscout gefunden/ausgesucht werden. Bildmontage: ARD/RegioWiki
Kassel wurde von den Drehbuchautoren genau vorab erkundet. So gibt es im Drehbuch sehr genaue Ortsangaben, aber auch weniger genauenAngaben. Diese müssen dann von einem Locationscout gefunden/ausgesucht werden. Bildmontage: ARD/RegioWiki

Andrea Heller: Man muss dann auch sehen, ob man dort drehen darf – die Eigentümer der Häuser müssen beispielsweise ihre Genehmigung erteilen.

Ist das ein Zufall, dass ihr ausgerechnet die Treppenstrasse mit einbezogen habt, wo schon 1994 eine Szene für den Tatort DER RASTPLATZMÖRDER gedreht wurde?

Andrea Heller: Ja, das ist reiner Zufall. Davon wussten wir vorher gar nichts.

Stephan Brüggenthies: Diese Strasse ist einfach architektonisch etwas Spezielles, was es in dieser Art wahrscheinlich nirgendwo sonst gibt. Ich finde, dass sich die besondere Kasseler Ausstrahlung hier konzentriert und dass das auch in den TATORT gehört.

Wie lange habt ihr normalerweise Zeit für ein Drehbuch?

Andrea Heller: Die meiste Zeit nimmt immer die Entwicklung in Anspruch, die Ideenfindung, Absprachen mit der Redaktion. Bei der eigentlichen Arbeit sind wir immer relativ schnell. Aber bis dann ein Regisseur gefunden ist, mit dem man dann noch zusammenarbeitet – da kommt man insgesamt schon auf etwa anderthalb Jahre Arbeit.

Ist eure Arbeit eigentlich jetzt, beim Drehstart, beendet, oder kann es sein, dass der Regisseur auch während der Dreharbeiten noch Änderungen erbittet, z.B. bei einzelnen Dialogen?

Stephan Brüggenthies: Es kann schon mal ein Anruf vom Set kommen, dass diese oder jene Szene nochmal geändert werden muss, weil beispielsweise die Location ganz anders aussieht als ursprünglich geplant.

Sie schreib das Drehbuch für den Kassel-TATORT: Drehbuchautorin Andrea Heller, Bild: Angelika Huber
Sie schreib das Drehbuch für den Kassel-TATORT: Drehbuchautorin Andrea Heller, Bild: Angelika Huber
Gab’s diesmal schon Änderungswünsche?

Andrea Heller: Einen Anruf gab’s schon, aber das war kein grösseres Problem.

Man hört ja immer, dass die Autoren am Set gar nicht gerne gesehen sind ….

Andrea Heller: Das kommt auf den Regisseur an.

Stephan Brüggenthies: Das hängt von der jeweiligen Konstellation ab. Viele Drehbuchautoren haben kürzlich unter dem Titel „Kontrakt 18“ eine grosse Petition verabschiedet, und ich denke, dass es da auch einige Änderungen geben wird, denn so, wie’s in den letzten Jahrzehnten teilweise gelaufen ist, kann’s einfach nicht weitergehen. Es geht nicht, dass man über anderthalb Jahre ein Drehbuch entwickelt, und dann kommt die Regie und macht alles komplett anders.

Umut Dag, der Regisseur des Kassel-TATORTS, ist da das genaue Gegenteil – er arbeitet sehr exakt, und wir haben gut kooperiert. Das geht auch gar nicht anders: So ein Drehbuch ist genau durchdacht, und wenn man die kleinste Kleinigkeit ändert, kann’s nach hinten losgehen. Wenn dann der Film gezeigt wird, beschweren sich die Kritiker, dass es an der einen oder anderen Stelle hakt, und das sind dann genau die Passagen, die geändert worden sind. Da muss man wirklich aufpassen. In den USA, bei Anbietern wie Netflix und Amazon, ist es üblich, dass die Bücher von den Regisseuren so verfilmt werden, wie sie sind. Zum Glück setzt sich dieses Denken inzwischen auch in Deutschland durch.

Das heisst, im Moment habt ihr keinen Einfluss darauf, ob ein Regisseur Änderungen an euren Büchern vornimmt?

Andrea Heller: Zumindest dürfte er das.

Und die neue Regelung, die mit „Kontrakt 18“ angestrebt wird, würde den Autoren da mehr Rechte einräumen?

Stephan Brüggenthies: Genau. Es geht zunächst mal darum, dass die Autoren bei der Leseprobe mit dabei sind, also die Proben mit den Schauspielern mitmachen, damit man über jeden Satz und über die Figuren noch einmal reden kann.

Andrea Heller: Das haben wir auch jetzt beim aktuellen TATORT mit allen grossen Rollen so gemacht. Dies war sehr effektiv und für alle Beteiligten sehr hilfreich, das fanden auch die Schauspieler. Ausserdem geht es beim „Kontrakt 18“ darum, dass die Autoren dann auch den Rohschnitt sehen dürfen und ein Mitspracherecht haben. Umut Dag hat uns jetzt beim TATORT auch eingeladen, uns schon vor dem Rohschnitt die Szenen anzuschauen.

Habt ihr bereits neue TATORT-Pläne?

Stephan Brüggenthies: Es gibt Vorüberlegungen, aber dazu können wir jetzt noch nichts sagen.

Alles Gute, vielen Dank!