Der TATORT aus Sicht eines Wieners

Essay

Der TATORT aus Sicht eines Wieners – Pfeifer, Kant und die Eintagsfliege Becker

Außerhalb der TATORT-Gemeinschaftsreihe gab es ein paar Fälle für Oberinspektor Pfeifer.

Bruno Dallansky als Pfeifer war freilich nicht die Figur, an der sich der Wiener TATORT anlehnen könnte. Fichtl beherrschte mit seinen Eigenarten auch hier den TATORT und mit Dorothea Parton kam endlich mal eine patente Frau auf den Plan, die in einige Fälle involviert war. Der schon mal kurz erwähnte SUPERZWÖLFER ist die wohl gelungenste Folge aus der Pfeifer-Zeit. Und es kann auch ein Bezug zu “Kottan ermittelt” festgestellt werden, von dem an anderer Stelle ebenso schon die Rede war. Der recht jung von einer Überdosis dem Leben entrissene Hansi Dujmic spielte eine kleine Rolle (einen “Strizzi”). In “Kottan ermittelt” war er Teil von “Kottans Kapelle”, und zwar spielte er Gitarre. Hansi Dujmic wird vielen Österreichern durch seinen Song “Ausgeliefert” in Erinnerung sein und bleiben.

Tatort MORDE OHNE LEICHEN: Im Bild: Wolfgang Hübsch (Kant), Udo Samel (Mag. Ritte), Michael Janisch (Fichtl), Johannes Nikolussi (Varanasi). Foto: ORF/Ali Schafler
Tatort MORDE OHNE LEICHEN: Im Bild: Wolfgang Hübsch (Kant), Udo Samel (Mag. Ritte), Michael Janisch (Fichtl), Johannes Nikolussi (Varanasi). Foto: ORF/Ali Schafler

Fichtl war auch in den beiden Kant-Fällen mit von der Partie. MORDE OHNE LEICHEN ist zweifelsfrei einer der ungewöhnlichsten, und durch kafkaeske Elemente besonders einprägsamen Fälle der TATORT-Reihe. Ferner konnte sich Wolfgang Hübsch sich ebenso wenig wie die Eintagsfliege Klaus Wildbolz als Inspektor auf Dauer durchsetzen. Obzwar die Fälle (auch MEIN IST DIE RACHE mit Wildbolz alias Max Becker) als überdurchschnittlich zu bezeichnen sind, fehlt es diesen Inspektoren eindeutig an Profil.

Eisner ermittelt bundesweit

Somit trat nach ca. 1 ½ Jahren Pause für österreichische TATORT-Produktionen Chefinspektor Moritz Eisner in die Fußstapfen von Marek und Fichtl. Harald Krassnitzer, ehemaliger „Bergdoktor“, übernahm diese Rolle.

Tatort VERGELTUNG: Schon der dritte Mord an einem Jugendlichen ist geschehen. Ein Serienmörder geht also um. Pikanterie der Sache: Die Opfer sind ehemalige Minderjährige, die selbst einen Mord begangen haben. Auf die gleiche Weise! Die Spur führt Moritz Eisner und seine neue Mitarbeiterin Bibi Fellner in ein Therapiezentrum, wo jugendliche Gewalttäter behandelt werden.Im Bild: Adele Neuhauser (Bibi Fellner), Harald Krassnitzer (Moritz Eisner). Foto: ORF/Allegro Film/Oliver Roth.
Tatort VERGELTUNG: Schon der dritte Mord an einem Jugendlichen ist geschehen. Ein Serienmörder geht also um. Pikanterie der Sache: Die Opfer sind ehemalige Minderjährige, die selbst einen Mord begangen haben. Auf die gleiche Weise! Die Spur führt Moritz Eisner und seine neue Mitarbeiterin Bibi Fellner in ein Therapiezentrum, wo jugendliche Gewalttäter behandelt werden.Im Bild: Adele Neuhauser (Bibi Fellner), Harald Krassnitzer (Moritz Eisner). Foto: ORF/Allegro Film/Oliver Roth.

Eisner ermittelt nicht nur in Wien, sondern ebenso in anderen Bundesländern wie Kärnten und Tirol, auch in Linz hat er schon ermittelt, demnächst in Salzburg. Er hat mit Wiener Mentalität nichts am Hut. Der ehemalige “Bergdoktor” Harald Krassnitzer hat eine sehr starke soziale Ader; aber schauspielerisch ist er leider nicht von den Besten Einer. Als Wiener kann man da schon froh sein, kleine Ansätze von Schmäh wie in TOD UNTER DER ORGEL zu registrieren. Insgesamt ist die Performance von Eisner eher enttäuschend, wenngleich mit DER MILLENNIUMSMÖRDER, PASSION und ELVIS LEBT drei eher überdurchschnittliche Fälle gelungen sind.

Das Wiener Lokalkolorit, wie es bei den Fällen von Marek, Hirth und Fichtl; ja sogar bei Pfeifer gegeben war, ist ebenso verschwunden wie die Wiener Integrationsfigur, durch die ein Krimi, der in Wien spielt, sehr viel an Substanz gewinnen kann. Eisner hat keine Ecken und Kanten; er täuscht nicht mal Widersprüchlichkeiten vor, und bietet für keinen Wiener oder Österreicher eine Fläche, an der positive Reibung entstehen mag. Durch das Auftauchen seiner Tochter bekam die Figur Eisner neue Nuancen, die anfangs durchaus positive Aspekte darstellten. Das ändert aber nichts an der Behäbigkeit, mit der Eisner die Ermittlungsarbeit angeht.

Neue Zeitrechnung ab VERGELTUNG

ELVIUS LEBT als Tatort-Spin-Off von Autor Felix Mitterer nach einem authentischen Fall aus den 80-er Jahren – mit Harald Krassnitzer und Roswitha Szyszkowitz in den Hauptrollen sowie u.a. Gundula Rapsch, Gregor Bloeb, Guntram Brattia, Claudia Widmann. Eine Produktion der Satel Film fuer ORF und ARD/Das Erste. Bild:ORF
ELVIUS LEBT als Tatort-Spin-Off von Autor Felix Mitterer nach einem authentischen Fall aus den 80-er Jahren – mit Harald Krassnitzer und Roswitha Szyszkowitz in den Hauptrollen sowie u.a. Gundula Rapsch, Gregor Bloeb, Guntram Brattia, Claudia Widmann. Eine Produktion der Satel Film fuer ORF und ARD/Das Erste. Bild:ORF

12 Jahre lang ermittelte Eisner quasi allein, unterstützt nur von oft schusseligen Kollegen, Behäbigkeit war so etwas wie das Markenzeichen der Figur. Es bestand der Eindruck, dass die Zeit hervorragender TATORTe aus Österreich vorbei ist. Doch am 6.3.2011 wurde mit der Folge VERGELTUNG eine neue Zeitrechnung eingeläutet. Seitdem ist Bibi Fellner an der Seite von Eisner und die beiden Ermittler entpuppten sich innerhalb kurzer Zeit als kongeniales Gespann. Adele Neuhauser, die Bibi Fellner verkörpert, hat wohl über Österreich hinaus einen hohen Beliebtheitsgrad. Ihr authentisches Spiel fordert auch Harald Krassnitzer heraus, der dadurch als Schauspieler eine dankbare Ausgangsposition hat.

Das Wiener Lokalkolorit wird nicht mehr verborgen, die gemeinsamen Fälle von Eisner und Fellner sind stimmig und der Schmäh kommt nicht zu kurz. Hervorzuheben ist „Unvergessen“, ein Fall, der unter die Haut geht und lange nach der Sichtung nachklingt. Mögen Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser der TATORT-Familie noch viele Jahre erhalten bleiben.

Der TATORT aus Sicht eines Wieners – Seitenhieb auf Trautmann

Am Schluss muss ein kleiner Seitenhieb auf Trautmann erlaubt sein. Es gibt nämlich zwei Dinge, die in Bezug auf diesen Wiener Inspektor von Bedeutung sind, da sie Parallelen zu Marek darstellen:

Wolfgang Böck als Inspektor Polycarp Trautmann - wegen Sprachproblemen entschied sich der Sender, seine Filme und die Figur doch nicht in den TATORT zu integrieren. Bild: ORF
Wolfgang Böck als Inspektor Polycarp Trautmann – wegen Sprachproblemen entschied sich der Sender, seine Filme und die Figur doch nicht in den TATORT zu integrieren. Bild: ORF

Zum einen erschien Trautmann schon Jahre, bevor er als Inspektor spezifische Fälle zu ermitteln hat, bereits in der Wiener Kult”Serie Kaisermühlen Blues auf der Bildfläche. Als Lebensgefährte von Gitti Schimek (gespielt von Marianne Mendt) brachte er viel Leben in die Serie ein, die mittlerweile eingestellt wurde. Das heißt, dass den Trautmann so gut wie ALLE WIENER kannten, und die Einschaltziffern vom ersten Fall an dementsprechend hoch waren.

Zum anderen ist Trautmann so etwas wie ein “alter Ego” von Marek, da er die neue Philosophie Wiener Zuschnitts erfüllt: Der Kieberer mit Herz und Verstand, der sich mit Schmäh und widersprüchlicher Persönlichkeit ausgestattet, durch die finsteren Gassen Wiens einen Weg bahnt, um Mörder und Ganoven zu entlarven. Logischerweise wäre Trautmann als Wiener Integrationsfigur dem Moritz Eisner absolut vorzuziehen; doch aus unverständlichen Gründen wurde wegen irgendwelcher Sprachprobleme die Trautmann-Serie nicht in die TATORT-Reihe integriert.

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Flimmit ist die Video-on-Demand Plattform des Österreichischen Rundfunks (ORF). Sie bietet Filminteressierten die Möglichkeit, aus einem großen Angebot kostengünstig zu wählen. Seit Anfang 2018 gibt es auch die Möglichkeit, ausgewählte Folgen der Reihe TATORT zu sichten. Für die Aufgabe, ausgewählte TATORTe zu empfehlen, wurde der Autor dieses Textes – Jürgen Heimlich – als Kurator herangezogen. Als Österreicher mit starkem TATORT-Bezug hat er es sich nicht nehmen lassen, in den Angeboten zu schmökern und jene Filme auszuwählen, die seiner Meinung nach zu den Herzstücken der TATORT-Geschichte gehören. Jürgen Heimlich ist ein großer TATORT-Fan und schreibt auch für diese Website. Mehr [/otw_shortcode_info_box]