Der TATORT aus Sicht eines Wieners

Essay

Spezifika zum “TATORT Wien” – Marek

Es konnte der Reihe TATORT nichts Besseres passieren, als eine österreichische Beteiligung in Form der Figur Marek. Zum einen war es aus österreichischer Sicht selbstverständlich, dass nur Marek das österreichische Publikum vor dem Fernseher versammeln lassen könnte. Zwar galten Quoten damals noch nicht so viel wie heutzutage; aber im Sinne eines Qualitätsprädikats und eines spezifischen Wiener Inspektors konnte einzig und allein Fritz Eckhardt die Lösung sein. Zum anderen war Oberinspektor Marek auch dem deutschen Fernsehpublikum nicht gänzlich unbekannt. Er trat im Jahre 1970 in der Folge “Drei Tote reisen nach Wien” der Krimireihe “Der Kommissar” auf.

Nur etwa ein Jahr später folgte bereits der erste Fall, den Marek als TATORT-Oberinspektor zu lösen hatte. In MORDVERDACHT trat neben Fritz Eckhardt ein weiterer Publikumsliebling auf den Plan, der diesen TATORT bereicherte. Für Paul Hörbiger, den großen Wiener Volksschauspieler, war es seine vorletzte Fernsehrolle; umso mehr Gewicht kommt diesem Auftritt zu. Ida Krottendorf und Herwig Seeböck komplettierten einen personell hervorragend besetzten TATORT. Zwischen 1971 und 1983 wurde jährlich ein Wiener TATORT gedreht, ehe der pensionierte Inspektor Marek für DER LETZTE MORD im Jahre 1987 zum 16. Mal in die Lösung eines TATORT-Falles involviert ist. Keiner der zu lösenden Fälle erweist sich als spektakulär oder extrem spannend.

Marek: Wien und die Mentalität des Wieners

MORDVERDACHT: Die Frau des Großindustriellen Tüllmann wurde ermordet. Zunächst gerät Tüllmann selbst in Verdacht, weil er mit nicht ganz korrekten Angaben den zerrütteten Zustand seiner Ehe verschleiern möchte. Marek muss außerdem feststellen, dass Tüllmann Verbindungen zur Unterwelt hat und erpresst wird... Im Bild: Herwig Seeböck, Ida Krottendorf, Bild: ORF
MORDVERDACHT: Die Frau des Großindustriellen Tüllmann wurde ermordet. Zunächst gerät Tüllmann selbst in Verdacht, weil er mit nicht ganz korrekten Angaben den zerrütteten Zustand seiner Ehe verschleiern möchte. Marek muss außerdem feststellen, dass Tüllmann Verbindungen zur Unterwelt hat und erpresst wird… Im Bild: Herwig Seeböck, Ida Krottendorf, Bild: ORF

Entscheidend ist, dass alles auf Oberinspektor Marek zugeschnitten ist, und somit die Wiener Mentalität in eine mehr oder weniger kriminalistische Handlung einbringen kann. Kein Österreicher – oder gar Wiener – erwartete sich von den Fällen, die Marek zu bearbeiten hatte, etwas Besonderes. Und in der Tat sind es keine Besonderheiten, die auf den Zuschauer einwirken. Marek nämlich repräsentiert in erster Linie Wien und die Mentalität des Wieners. Seine Charakterzüge und Eigenheiten widerspiegeln die Widersprüchlichkeiten der Wiener Seele, und angesichts dessen kann ruhig Thomas Bernhard ins Spiel gebracht werden, der einmal schrieb, “dass nirgends so viele unbekannte Genies zu Grunde gehen wie in Wien”.

Marek´s Schmäh und Raunzerei

Ja, die Figuren, welche in den Fällen von Marek auftreten, sind oft so genannte “Strizzis”, gestrandete Existenzen, vom Leben übel mitgenommene “seltsame Käuze”. Wer in Wien spazieren geht, der kommt nicht umhin, solchen Menschen immer wieder zu begegnen. Was Helmut Qualtinger auf die Spitze trieb (durch seine herrlichen Parodien), kann auch als Anleihe bei Marek gesehen werden. Marek´s Schmäh und Raunzerei versinnbildlicht die Spezifika des Wieners auf wunderbar humoristische Weise mit leichten melancholischen Einschüben.

Marek könnte ebenso einem Buch von Friedrich Torberg entsprungen sein, der mit der “Tante Jolesch” ein herrliches Werk verfasst hat, das stellvertretend für die Komik sein mag, die nur der Wiener bis ins letzte Detail verstehen, und auf selbstreflexive Weise darüber vor Lachen in Tränen versinken kann. Marek ist also ein Wiener, wie er “im Buche steht”, um es mal so deutlich wie möglich auszudrücken. Was spielt es da für eine Rolle, wie packend und temporeich ein Krimi gestaltet sein mag, in dem er mitspielt?

Der TATORT aus Sicht eines Wieners – Hirth und Fichtl

Auf Marek sollte Hirth folgen, der als Wirz 15 Folgen lang Assistent von Marek war. Ein ziemliches Kuriosum. Schon als Assistent verkörperte Kurt Jaggberg eine Figur, die zum Unterschied zu Marek bemüht war, keine Widersprüchlichkeiten im Sinne einer Wiener Prägung zuzulassen. Er war zwar dem Wiener Schmäh nicht abgeneigt; seine raunzerische Ader überwog allerdings bei weitem. Somit war auch seine Performance als Hirth freilich nicht mit der genialen marek´schen Wiener Leibhaftigkeit zu vergleichen. Dennoch machte er seine Sache recht gut. Bei WIR WERDEN IHN MISCHE NENNEN handelt es sich zweifelsfrei um einen der besten Fälle in der Geschichte des österreichischen TATORT. Als Fichtl involviert Michael Janisch, der nach der “Eintagsfliege” Christoph Waltz ein würdiger Nachfolger von Marek (mit der Zwischenschaltung Hirth) werden sollte.

Tatort WIR WERDEN IHN MISCHA NENNEN: Die hochschwangere Helga Waschinski wird Zeugin eines Banküberfalls. Sie glaubt, einen der Räuber zu erkennen, und spricht ihn an. In Panik schießen die Männer auf sie. Helga stirbt, ihr Mann recherchiert auf eigene Faust. Die Täter haben bei dem Überfall ein kleines Mädchen als Geisel genommen. Die Polizei findet es in einer Scheune.Im Bild: Das Ermittler-Team: Michael Janisch, Heinz Zuber, Kurt Jaggberg, Michael Bukowsky. Foto: ORF.
Tatort WIR WERDEN IHN MISCHA NENNEN: Die hochschwangere Helga Waschinski wird Zeugin eines Banküberfalls. Sie glaubt, einen der Räuber zu erkennen, und spricht ihn an. In Panik schießen die Männer auf sie. Helga stirbt, ihr Mann recherchiert auf eigene Faust. Die Täter haben bei dem Überfall ein kleines Mädchen als Geisel genommen. Die Polizei findet es in einer Scheune.Im Bild: Das Ermittler-Team: Michael Janisch, Heinz Zuber, Kurt Jaggberg, Michael Bukowsky. Foto: ORF.

Marek als “Kavalier der alten Schule”…..

War Oberinspektor Marek noch ein “Kavalier der alten Schule”, der sich sehr galant zu benehmen verstand, und seinen Schmäh als Auflockerung der manchmal stickigen Atmosphäre, die im Laufe der Konfrontation mit einem Fall und dessen Beteiligten entstehen kann, einsetzte, so kann bei Inspektor Fichtl von spezifischen Wiener Tugenden nur in Der TATORT aus Sicht eines WienersAnsätzen die Rede sein.

Fichtl ist zwar jene widersprüchliche Seele, wie sie bei Wienern so gut wie immer existiert; jedoch überwiegen oft die negativen Anteile, die sich durch Rücksichtslosigkeit, Rechthaberei und überhaupt cholerische Charakterzüge manifestieren. Hie und da dringt der berüchtigte Wiener Charme durch, von dem viele Wiener Männer ein Liedchen singen können: Sei möglichst bös´ und beleidigend zu den Frauen, bis sie dir nach einem netten Wort aus der Hand fressen. Fichtl tut dies wie viele andere Wiener auch nicht bewusst. Es rutscht ihm so mancher Ausdruck heraus, ohne dass er selbst darüber erschreckt wäre. Viel mehr als bei Marek oder Hirth wird der Zuschauer Zeuge der drastisch zur Schau gestellten Selbstverliebtheit von Fichtl.

… und Fichtl als widersprüchliche Seele

Selbstverständlich ist diese Selbstverliebtheit nur dem Wiener Augenzeugen ersichtlich, weil der Wiener dazu tendiert, auf Dinge stolz zu sein, über die andernorts womöglich ein Schleier gezogen wird. Den Ärger über Menschen, die Herrn Fichtl nicht in den Kram passen, zu kultivieren, ist nur ein Punkt. Mit Verachtung nicht hinter den Berg zu halten ein weiterer. Aus zynischen Perspektiven vermag der Wiener die Welt zu parodieren, und sich selbst als Meister über diese “Komödie” zu inszenieren. Das Raunzen (“de Leit san olle so deppert; es gibt so vüle Oaschlecher”) hat einen unüberbietbaren Stellenwert.

Kurt Sowinetz schrieb eine “Wiener Nationalhymne”, die sozusagen alle Stückerln spielt, und in einer Hauptaussage kulminiert, welche ehrliche Wiener unterschreiben mögen: “Alle Menschen san ma zwider” muss einem Wiener auf der Zunge zergehen, insofern er dazu tendiert, sich selbst auf die Schaufel zu nehmen, und das Wesen des Wieners ähnlich überspitzt zu definieren, wie dies Helmut Qualtinger so eindrucksvoll verstand. Fichtl ist so etwas wie der nahtlose Übergang auf Marek. Er hat den Wiener TATORT wieder salonfähig gemacht, während Hirth zu sehr auf raunzerische Eindimensionalitäten abonniert war.

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Flimmit ist die Video-on-Demand Plattform des Österreichischen Rundfunks (ORF). Sie bietet Filminteressierten die Möglichkeit, aus einem großen Angebotkostengünstig zu wählen. Seit Anfang 2018 gibt es auch die Möglichkeit, ausgewählte Folgen der Reihe TATORT zu sichten. Für die Aufgabe, ausgewählte TATORTe zu empfehlen, wurde der Autor dieses Textes – Jürgen Heimlich – als Kurator herangezogen. Als Österreicher mit starkem TATORT-Bezug hat er es sich nicht nehmen lassen, in den Angeboten zu schmökern und jene Filme auszuwählen, die seiner Meinung nach zu den Herzstücken der TATORT-Geschichte gehören. Jürgen Heimlich ist ein großer TATORT-Fan und schreibt auch für diese Website. Mehr [/otw_shortcode_info_box]