Der TATORT aus Sicht eines Wieners

Essay

Exkurs: Wiener Dialekt

Ehe ich auf die Sichtung meines ersten deutschen TATORT zu schreiben komme, sei mir ein kleiner Einschub erlaubt, der den Wiener Dialekt betrifft.

Sowohl in den Fällen von Marek als auch Fichtl kommt diesem eine wichtige Bedeutung zu. Durch den Wiener Dialekt werden die Eigenheiten der Figuren besonders hervorgehoben. Freilich ist diesbezüglich der “echte Wiener” noch viel präsenter, dem auch “Kottan” nicht nahe kommt. Doch sind es die Feinheiten des spezifischen Wiener Sprachduktus, die den Reiz der Fälle von Marek und Fichtl ausmachen. Ohne diese Eigenheit ist weder Marek noch Fichtl denkbar. Es wären blasse Figuren, die auf Konturen zurechtgestutzt sind. Die “Kurzkommissare” Becker und Kant waren diesbezüglich bereits ein Rückschritt; die Figur Eisner stellt nunmehr diesen Typus dar, der ohne “Wiener Anleihe” seine Fälle herunterspult. Der Wiener Dialekt ist dem TATORT – winzige Einsprengsel ausgenommen – verloren gegangen.

…zum reinen Wiener Dialekt

Das besondere am Wiener Dialekt ist ja, dass er sich oft erst in späteren Jahren herauskristallisiert, und perfektioniert. Als sehr junger Mensch fand ich diese Art zu sprechen eigentlich nur absurd und befremdlich. Gerade diese Spezifka machten es möglich, mich mit dieser “Urwiener Redensart” vertraut zu machen. In der Volksschule gibt es kaum ein Kind, das sich dem Dialekt bedient. Es ist als winzige Vorstufe zu bezeichnen, was kommunikativ abgeht. Ein paar Wörter werden in die Sprache eingeschoben (möglicherweise “wüder” (wilder) oder “deppata” (lässiges bis beleidigendes Schimpfwort). Es hält sich jedoch sehr in Grenzen. Ich bediente mich des Hochdeutschen, und Einsprengsel im Sinne des Wiener Dialekts waren die große Ausnahme.

Das erste TATORT-Team aus Wien: Wirz, Marek, Berntner und Vodak. Szene aus DIE SAMTFALLE. Bild: ORF
Das erste TATORT-Team aus Wien: Wirz, Marek, Berntner und Vodak. Szene aus DIE SAMTFALLE. Bild: ORF

Was ich bei Marek hörte, sah ich nicht als die “übliche Sprache” an. Wenn ich den Fußballplatz besuchte, hörte ich zahlreiche “originelle Wiener Schimpftiraden”, ohne sie so richtig zu verstehen. Der Wiener Dialekt bildete sich sehr langsam heraus. Viele Wiener kommen übrigens nie über diese “Einsprengsel” hinaus. Bei den Studenten ist es fast schon typisch, eine Mischung aus Hochdeutsch und Wiener Dialekt zu sprechen. Das hört sich teilweise rückständig bis, wie die Germanen sagen mögen, bekloppt, an. Bei mir folgte der Übergang vom Hochdeutschen mit leichten dialektischen Einsprengseln zum reinen Wiener Dialekt fließend. Ich war Anfang 20, als ich plötzlich den Dialekt für mich entdeckt hatte, und das Hochdeutsche in der Alltagssprache außen vor ließ. Es kam allerdings immer noch vor, dass ich teilweise nur hochdeutsch sprach. Und zwar immer dann, wenn es beruflich oder privat sich so geziemte.

Manchmal is es net so afoch, a Weana zu sein..

Im Alter von 22 Jahren hatte ich den Dialekt schon weitgehend perfektioniert, und ich bediene mich seitdem nur dann dem Hochdeutschen, wenn ich es für angebracht halte. Insbesondere bei Gesprächen mit Menschen aus Berlin oder Magdeburg bemühe ich mich, den Wiener Sprachduktus weitgehend zu vermeiden. Aber selbst dann fallen immer wieder Wörter oder Begriffe, die von den Gesprächspartnern nicht verstanden werden, worauf ich ersucht werde, das Gesagte zu wiederholen. Tja, manchmal is es net so afoch, a Weana zu sein…

Also: Der Wiener Dialekt wird den Wienern sozusagen nicht schon in die Wiege gelegt, sondern entwickelt sich im Laufe der Zeit weitgehend selbständig. Manche Wiener sprechen ihn nie, sondern nur das zitierte Mischmasch oder sogar nur mit gewissen “Einsprengseln”; der Großteil der Wiener hat den Dialekt aber wohl “perfektioniert” und ist bestrebt, nicht davon abzugehen. Eine Basis dafür wurde für viele Menschen auch durch Fernsehserien geschaffen, in denen Figuren wie Marek, Kottan und Sackbauer auftraten.

Der TATORT nimmt Gestalt an

Der erste deutsche Krimi, den ich mir schließlich ansah, war kein TATORT sondern DER MANN IM BAUM (“Polizeiruf 110”). Freilich sah ich diesen “Polizeiruf” eher zufällig, und ich beäugte diesen spannenden, bestürzenden Fall als Film unabhängig von irgendeiner Reihe.

Tatort REIFEZEUGNIS: Eine legendäre Schülerliebe: Sina Wolf (Nastassja Kinski) "geht" mit Michael Harms (Marcus Boysen). Aber diese Liebe ist einseitig. Michael fordert eine Aussprache. © NDR
Tatort REIFEZEUGNIS:
Eine legendäre Schülerliebe: Sina Wolf (Nastassja Kinski) “geht” mit Michael Harms (Marcus Boysen). Aber diese Liebe ist einseitig. Michael fordert eine Aussprache. © NDR

Anfang der 90´er Jahre folgte dann doch die erste Sichtung eines TATORT im Bewusstsein, dass es sich um einen Krimi der Reihe handelte. Wenig überraschend entschied ich mich um den im Vorfeld von den Medien hochgejubelten Fall namens REIFEZEUGNIS. Zwar war die Erstausstrahlung zu Zeiten gewesen, wo ich kurz vor dem Eintritt in die Volksschule stand; doch selbst ca. 13 Jahre später war immer noch die Rede von der “besonderen Qualität” dieses Krimis. Ich wurde nicht enttäuscht. Dieser TATORT gefiel mir recht gut, und ich entschied mich ab diesem Zeitpunkt, mir öfters mal einen TATORT anzuschauen.

Batic und Leitmayr

Ein Duo trägt wohl die “Hauptschuld” daran, dass mir der TATORT zunehmend gefiel. Und zwar jenes Duo, das bis heute zu meinen Lieblingsermittlern zählt: Batic und Leitmayr! Von regelmäßiger Sichtung konnte bis Mitte der 90´er Jahre keine Rede sein. Ich verfolgte gespannt den Münchner TATORT und Mitte der 90´er Jahre machte ich Bekanntschaft mit älteren Münchner Fällen. Die Folgen von Veigl und Lenz gefielen mir auf Anhieb, weil eine Ähnlichkeit mit der Wiener Mentalität sichtbar war. Zudem waren mir Bayrhammer als “Meister Eder” und Fischer als “Monaco Franze” in guter Erinnerung.

Ein “verrücktes” Erlebnis hatte ich in Bezug auf den Berliner TATORT in Gestalt von Roiter. Krank im Bett liegend sah ich mir einen Fall an, und entdeckte im Abspann ganz groß meinen Namen aufleuchten. Ich dachte zunächst, mich getäuscht zu haben, oder mir – in einer Art krankhaftem Delirium – die Sache eingebildet zu haben: Aber eine Drei-Sekunden-Einblendung kann keine Täuschung sein, wie ich mir dann eingestand! Da gab es tatsächlich einen Kameramann, der meinen Namen trägt. Dies war wohl der Hauptgrund, dass ich mir auch die anderen Fälle von Roiter ansah, von denen mir kein einziger gefiel; dafür aber mein Name häufig im Abspann auftauchte. Und das war ja wohl die Hauptsache…

WILLKOMMEN IN KÖLN - Das Team der Kommissare Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt,re und Dietmar BŠr,li) ist bei seinem ersten Einsatz in Köšln noch nicht besonders gut aufeinander zu sprechen. © WDR/Kerstin Stelter
WILLKOMMEN IN KÖLN – Das Team der Kommissare Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt,re und Dietmar BŠr,li) ist bei seinem ersten Einsatz in Köšln noch nicht besonders gut aufeinander zu sprechen. © WDR/Kerstin Stelter

Erst ab 1997 mutierte ich zum TATORT-Fan. Mitauslöser dafür war der Auftritt eines weiteren Duos, das mich vom Anfang an in den Bann zog: Ballauf und Schenk.

Ballauf und Schenk

Schon vom ersten Fall WILLKOMMEN IN KÖLN an war ich von diesem Duo ziemlich begeistert, und die beiden haben schauspielerisch unheimlich viel drauf. Seitdem versuche ich so viele Folgen wie möglich “nachzuholen”, und komme schon auf eine ziemlich stattliche Anzahl an TATORT-Folgen. Ca. ab dem Jahr 1998 habe ich nur wenige Folgen versäumt. Besonders erfreut bin ich darüber, dass viele Frauen als Kommissare auftreten, von denen ich Inga Lürsen, Charlotte Sänger und Klara Blum besonders schätze. Enttäuscht bin ich vom Verlust eines Wiener TATORTs, so wie ihn sich viele Wiener vorstellen mögen. Davon möchte ich abschließend berichten.

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Flimmit ist die Video-on-Demand Plattform des Österreichischen Rundfunks (ORF). Sie bietet Filminteressierten die Möglichkeit, aus einem großen Angebotkostengünstig zu wählen. Seit Anfang 2018 gibt es auch die Möglichkeit, ausgewählte Folgen der Reihe TATORT zu sichten. Für die Aufgabe, ausgewählte TATORTe zu empfehlen, wurde der Autor dieses Textes – Jürgen Heimlich – als Kurator herangezogen. Als Österreicher mit starkem TATORT-Bezug hat er es sich nicht nehmen lassen, in den Angeboten zu schmökern und jene Filme auszuwählen, die seiner Meinung nach zu den Herzstücken der TATORT-Geschichte gehören. Jürgen Heimlich ist ein großer TATORT-Fan und schreibt auch für diese Website. Mehr [/otw_shortcode_info_box]