Der TATORT aus Sicht eines Wieners

Essay

Der TATORT aus Sicht eines Wieners

Jürgen Heimlich ist ausgewiesener TATORT-Experte und hat als Wiener einen ganz eigenen Blick auf den Krimiklassiker TATORT.  Der TATORT aus Sicht eines Wieners ist ein ganz persönlicher Rückblick auf den TATORT-Krimi des ORF, aber auch eine sehr persönliche Zeitreise in die Vergangenheit.

Als Wiener wuchs ich mitten in einer Welt skurriler Fernseh-Figuren auf. Schon in sehr jungen Jahren waren mir Kottan, „Mundl“ und auch Marek ein Begriff.

Den Marek schaute ich mir an, ohne diesen mit einer Krimi-Reihe in Verbindung zu bringen. Diese Figur war so „harmlos“, dass es offensichtlich Kindern gestattet war, ihn bei der „Ermittlungsarbeit“ zu beobachten. Eine skurrile Gestalt; ein typischer Beamter für die damalige Zeit. Marek, der „Praktiker“ Wirz, und der „Intellektuelle“ Kraindl machen ihre Arbeit in einem Wiener Bezirkspolizeikommissariat. Sie sprechen und handeln so, wie es für die österreichischen Kriminalbehörden üblich war. Marek verkörpert den Kommissar, der mit viel Schmäh, ein bisserl Grant und dem „Herz an der richtigen Stelle“ ausgestattet ist. Die Fälle, welche er zu bearbeiten hat, sieht er als Herausforderung an, ohne mit übertriebener Heftigkeit der Auflösung entgegenzustreben. Kein anderer Wiener Kommissar strahlte die Wiener Gemütlichkeit so realistisch aus wie eben Marek. Die Menschen in Wien sprachen über ihn wie über einen Nachbarn.

Skurile Fernseh-Figuren

Für mich gab es nur Marek und keinen TATORT. Von bundesdeutschen TATORTen hatte ich keine Ahnung. Da gab es doch „Kottan“; eine Serie, die ich ebenso schätzte wie den Marek. Dieser zum Teil bitterböse, zum Teil flockig leichte Zynismus, verzauberte zahlreiche Wiener Fernsehkonsumenten. Kottan war – wie Marek- „Kult“. Der Kampf von Präsident Pilch mit der Kaffeemaschine war nur einer von vielen Höhepunkten, die jene Serie zu bieten hatte. Kottan (in Gestalt von Vogel, Buchrieser und Resetarits) ist ein bärbeißiger Major, der seine eigenen Methoden anzuwenden weiß, wenn es um die Auflösung eines Falles geht. Ist es bei Marek die vielzitierte Gemütlichkeit und der typische Wiener Schmäh; so ist es bei Kottan eher das vorgegaukelte Desinteresse, und die bizarre Familienidylle, welche neben den eigenartigen Kollegen im Mittelpunkt stehen.

Szene aus der zweiten Folge DIE SAMTFALLE: Fritz Eckhardt als Oberinspektor Marek. Bild:ORF
Szene aus der zweiten Folge DIE SAMTFALLE: Fritz Eckhardt als Oberinspektor Marek. Bild:ORF

Auf der einen Seite also Fritz Eckhardt, der den Marek so wunderbar verkörperte; auf der anderen Seite Buchrieser und Resetarits, die dem Kottan alle Ehre machten. Und dann gab´s noch eine dritte Serie, die in meine Kindheit hineinleuchtete, und mit einem Krimi nix zu tun hatte: „Ein echter Wiener geht nicht unter“ mit Karl Merkatz als „Wiener Proleten“ in der Hauptrolle. Diese Serie ist eine Erfindung des späteren Trautmann-Erfinders Ernst Hinterberger, und zog Millionen Österreicher in ihren Bann. Der Installateur Edmund Sackbauer erwies sich ebenso als „Kult“figur wie Marek und Kottan. Als Kind der 70´er Jahre sind mir diese drei Figuren sozusagen „ans Herz gewachsen“ und es ist immer wieder eine Freude, ihnen in der einen oder anderen Wiederholung zu begegnen.

Marek war Kult

Nach Marek folgte Hirth, und ich verlor den TATORT völlig aus den Augen. Marek war sozusagen „jugendfrei“, und diese Gestalt geisterte immer noch in den Köpfen der Wiener herum. Hirth entdeckte ich erst Jahre später, als Wiederholungen seiner Fälle ausgestrahlt wurden. Zunächst aber gab es nichts, das mich mit dem TATORT hätte vertraut machen können. Wobei ich folgendes vorausschicken muss: Ich bin Jahrgang 1971 (Wassermann, erste Dekade), und somit ist klar, dass ich als Jugendlicher andere Fernsehserien dem TATORT bzw. Krimis im Allgemeinen vorzog. Die einzige Krimi-Reihe, welche auf mein Interesse stieß, war „Derrick“: Den „Derrick“ sah ich mir ab Beginn der 80´er relativ regelmäßig an, während der TATORT außen vor gelassen wurde. Mitte der 80´er war „Derrick“ schon tief in meinem Denken verwurzelt, während ich bezüglich TATORT nur auf Marek zurückgreifen konnte.

Der TATORT aus Sicht eines Wieners – TATORT wird zum Begriff

Mit den Fällen von Fichtl begann mein erster direkter Bezug zur TATORT-Reihe. Bis Anfang der 90´er Jahre habe ich meiner Erinnerung nach keinen einzigen TATORT abseits der österreichischen Produktionen gesehen. Fichtl verkörpert einen widersprüchlichen Charakter, wie er für Wiener Verhältnisse nicht untypisch ist. Dieses „goldene Wiener Herz“ rieb sich an Vorgesetzten und Kollegen ebenso wie an Zeugen und Zeuginnen. Einerseits unglaublich ruppig bis unausstehlich, andererseits ein spezifischer Charme, dem Damen verfallen konnten.

DER LETZTE MORD: Fichtl ist nicht so eindimensional wie Hirth bzw. Wirzund ist ein würdiger Nachfolger von Marek, Bild: ORF
DER LETZTE MORD: Fichtl ist nicht so eindimensional wie Hirth bzw. Wirzund ist ein würdiger Nachfolger von Marek, Bild: ORF

Fichtl ist nicht so eindimensional wie Hirth bzw. Wirz. Der „Grant“ ist nur eine von vielen Eigenschaften, die ihn ausmachen. Fichtl arbeitet zudem mit Engagement an den ihm zugetragenen Fällen. Er hat es in sich, ein würdiger Nachfolger von Marek zu werden, und in der Tat: In der Geschichte der österreichischen TATORT-Kommissare gibt es bis dato nur Marek und Fichtl, die dem TATORT zur Ehre gereichten. Denn hier ist das Wiener Milieu ein wichtiger Faktor, und die Hauptfiguren sind Wiener Urgesteine, die ihre Eigenheiten nicht verstecken, und auch vor neurotischen Feinheiten nicht gefeit sind.

…Heinz Zuber als Inspektor Schulz

Die Figur Pfeifer ist völlig uninteressant. Entscheidend ist jedoch, dass mit Michael Janisch und Dorothea Parton zwei wunderbare Schauspieler dessen Fälle bereichern. Der Fichtl bleibt Fichtl, und Pfeifer erscheint mir eher als Nebenfigur, die ich nur am Rande zur Kenntnis nehme. Mit SUPERZWÖLFER ist mir eine Folge in besonderer Erinnerung, da sie in einem herrlichen Wiener Milieu, dem Prater, spielt. Kurios, nebenbei geschrieben, dass Heinz Zuber als Inspektor Schulz auftritt. Zuber spielte den „Clown Enrico“ in der Kindersendung „Am, dam, des“, auf die ich im Alter von vier bis neun Jahren wohl abonniert war. Und ihn als Schauspieler neben Fichtl wieder zu begegnen, war ziemlich überraschend. Er machte seine Sache allerdings recht gut.

TATORT goes Flimmit


Flimmit ist die Video-on-Demand Plattform des Österreichischen Rundfunks (ORF). Sie bietet Filminteressierten die Möglichkeit, aus einem großen Angebotkostengünstig zu wählen. Seit Anfang 2018 gibt es auch die Möglichkeit, ausgewählte Folgen der Reihe TATORT zu sichten. Für die Aufgabe, ausgewählte TATORTe zu empfehlen, wurde der Autor dieses Textes – Jürgen Heimlich – als Kurator herangezogen. Als Österreicher mit starkem TATORT-Bezug hat er es sich nicht nehmen lassen, in den Angeboten zu schmökern und jene Filme auszuwählen, die seiner Meinung nach zu den Herzstücken der TATORT-Geschichte gehören. Jürgen Heimlich ist ein großer TATORT-Fan und schreibt auch für diese Website. Mehr