Besuch bei der alten Dame

Filmkritik

Tatort HITCHCOCK UND FRAU WERNICKE Irmgard Wernicke (Barbara Morawiecz) ist voller Sorge, denn sie hat einen Mord beobachtet. © rbb/Hans-Joachim Pfeiffer
Tatort HITCHCOCK UND FRAU WERNICKE Irmgard Wernicke (Barbara Morawiecz) ist voller Sorge, denn sie hat einen Mord beobachtet. © rbb/Hans-Joachim Pfeiffer

Unsere Kritik HITCHCOCK UND FRAU WERNICKE: In Berlin begibt sich ein TATORT auf Hitchcocks Spuren. Und das geht sogar gut.Frau Wernicke hat’s ganz genau gesehen. Vom Fenster zum Hinterhof hat sie den perfekten Überblick über alles, was sich in den Wohnungen des gegenüberliegenden Hauses abspielt.

Weil die einsame, alte Dame sonst nichts mehr zu tun hat, macht sie davon auch regen Gebrauch, und nun sitzen die Ermittler der Berliner Mordkommission Ritter und Stark in Frau Wernickes Wohnung, um sich ihre unglaubliche Geschichte anzuhören: Während im Hintergrund der Wellensittich fröhlich zwitschert, schildert Frau Wernicke den Beamten en detail, wie ihr Nachbar, der Weinhändler Benkelmann, seine Frau um die Ecke gebracht hat: Gift in die Suppe, Leiche ins Bad, Korpus auf Koffergröße zerteilt, zweimal mit großem Koffer aus dem Haus gegangen …

Tatort HITCHCOCK UND FRAU WERNICKE Mit einem Fernglas kann Irmgard Wernicke (Barbara Morawiecz) in die gegenüberliegende Wohnung schauen. © rbb/Hans-Joachim Pfeiffer
Tatort HITCHCOCK UND FRAU WERNICKE Mit einem Fernglas kann Irmgard Wernicke (Barbara Morawiecz) in die gegenüberliegende Wohnung schauen.
© rbb/Hans-Joachim Pfeiffer

Das Fenster zum Hof…

Die Frage ist: Ist Benkelmann ein eiskalter Killer und Frau Wernicke wirklich die Zeugin eines grausigen Mordes? Oder hat sie nur bei Hichtcocks Kultthriller ‘Fenster zum Hof’ zu genau hingesehen und dabei den Blick für die Realität verloren? ‘Fenster zum Hof’ (mit James Stewart und Grace Kelly) lief just am Abend der vermeintlichen Mordnacht …

Zack! Der Einstieg sitzt perfekt, schon nach wenigen Minuten, die man als Zuschauer ebenso bleichgesichtig verbringt wie die beiden Kommissare, ist klar, dass der Berliner ‘TATORT: Hitchcock und Frau Wernicke’ zu den außergewöhnlichsten Filmen der ARD-Krimireihe in den letzten Jahren zählen wird. Autorenregisseur Klaus Krämer, der schon für diverse POLIZEIRUF 110-Filme (unter anderem TAUBERS ANGST) verantwortlich zeichnete, verbeugt sich in einer Mixtur aus Thriller und Kammerspiel im Mietshaus-Setting geschickt vor einem Klassiker der Filmgeschichte.

… und die voyeuristische Neugierde

Tatort HITCHCOCK UND FRAU WERNICKE Weber (Ernst-Georg Schwill) macht sich an die Recherchearbeit. © rbb/Hans-Joachim Pfeiffer
Tatort HITCHCOCK UND FRAU WERNICKE
Weber (Ernst-Georg Schwill) macht sich an die Recherchearbeit.
© rbb/Hans-Joachim Pfeiffer

Kein Spektakel, keine Hektik. Krämer hat eine leise, ganz feine Erzählart gewählt. Es wird zurückhaltend ermittelt und in dunklen Zimmern sehr bedächtig gesprochen in diesem TATORT. Mit voyeuristischer Neugier blickt die Kamera in fremde Wohnungen, und manchmal sitzen Ritter und Stark auch einfach nur im Auto nebeneinander und schweigen. Es besteht reichlich Gelegenheit, sich den Schlüsselfiguren dieses Krimis mit Thriller-Anleihen zu nähern. Wie glaubhaft ist die sympathische alte Dame? Sie macht ja keineswegs den Eindruck, geistig nicht mehr auf der Höhe zu sein.

Und ist der von Hans-Jochen Wagner famos gespielte Weinhändler nicht eine Spur zu perfekt im Kontern und Zurückweisen sämtlicher Fragen, Verdächtigungen und Vorhalte seitens der Ermittler? Seine Frau, versichert Benkelmann, ist zu einem Urlaub nach Portugal aufgebrochen. Als Ritter sie schließlich am Telefon hat, ist er natürlich versucht, ihm zu glauben. Doch dann verschwindet plötzlich Frau Wernicke, und in Benkelmanns Wohnung taucht eine hübsche blonde Frau  auf, die doch fast so aussieht wie die Gattin des Weinhändlers …

Der TATORT spielt behutsam, aber gekonnt auf der hitchcockschen Thrillerklaviatur, ohne dabei je anmaßend zu sein. Ein auf angenehme Weise ‘filmischer’, wenn auch arg vorhersehbarer Fernsehkrimi.