“Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage”

rbb zeigt TOD IM U-BAHNSCHACHT

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT Bild: rbb

Am 30. Dezember 2018 wurde einer der verstaubtesten Tatorte im Fernsehen gezeigt: nach fast 23 Jahren zeigte das rbb-Fernsehen den skandalisierten Tatort TOD IM U-BAHNSCHACHT von 1975. Wegen seiner Brutalität und der klischeeüberladenen Darstellung von Ausländern war der Tatort zeitweise im Giftschrank gelandet. 

Nach seiner Erstsendung hagelte es von allen Seiten Kritik an diesem Tatort, u.a. vom CSU-Politiker Franz-Josef Strauß. Sofort nach der Erstausstrahlung 1975 echauffierte sich Strauß öffentlichkeitswirksam über den 57. Tatort, den dritten Beitrag aus Berlin.

Er forderte den damaligen SFB-Intendanten Franz Barsig auf: “Stellen Sie doch bitte diesen Unfug sofort ein”. Der CSU-Politiker Strauß ließ auch wissen, dass er „den gezeigten Film für einen Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage“ hielt.

Tatort-Erfinder Witte: „Wir haben uns sehr amüsiert“

2010: Der Erfinder des Tatorts und ehemalige WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte anlässlich des 40. Geburtstags der Reihe, Bild: ARD/Thomas Jander
2010: Der Erfinder des Tatorts und ehemalige WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte anlässlich des 40. Geburtstags der Reihe, Bild: ARD/Thomas Jander

Damit schaffte der CSU-Politiker nebenbei ein legendäres Zitat, über das sich Jahre später noch die Fernsehmacher vom ARD-Tatort amüsierten, wie  Tatort-Erfinder Gunther Witte 2017 in einem Interview sagte.

Über Strauß` Protest sagte Witte: “Wir haben uns köstlich amüsiert”. Ganz nebenbei: Strauß soll das Telegramm aus New York angeblich auf einer Reise im Beisein von Prostituierten geschrieben haben….

“Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage” – Im Fokus: Arbeitsgruppe der Berliner Polizei

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT - KOmmissar Schmidt (Martin Hirthe) hat einen neuen Fall zu lösen Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT – KOmmissar Schmidt (Martin Hirthe) hat einen neuen Fall zu lösen Bild: rbb

Weiter kritisierte Strauß die Darstellung der Polizei im Film: “Ich habe so was an Unfähigkeit, Dümmlichkeit, Geschmacklosigkeit und Verhöhnung der Berliner Polizei für unvorstellbar gehalten.“ Der adressierte SFB-Intendant antwortete knapp, aber bestimmt: “Der SFB hat es nicht nötig, sich von Ihnen im Stil von Vilshofen behandeln zu lassen”. Barsig ließ ferner mitteilen, dass die kritisierte Arbeitsgruppe der Berliner Polizei an der Entwicklung des Drehbuchs beteiligt gewesen sei und „keinen Anstoß“ genommen hätte.

Die Diskussion und Auseinandersetzung mit dem Berliner Tatort war im November 1975 durch Strauß´ öffentliche Kritik richtig in Gang gekommen. Überregionale Zeitungen wie die ZEIT zerpflückten und kritisierten den Berliner Tatort ebenfalls. Zur Darstellung der „dümmlichen“ Polizei in TOD IM U-BAHNSCHACHT widersprach Rolf Michaelis von der ZEIT dem Politiker Strauß in einem Artikel:

ZEIT: “Keine Verhöhnung” und “kein echter Skandal”

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT - Der Kommissar der Ausländerbehörde Wagner (Manfred Günther) verhört zusammen mit seinem Assistenten Wolf (Andreas Mannkopff) Osman (Tuncel Kurtiz). - V. li.: Wagner (Manfred Günther) Kommissar der Ausländerbehörde, Osman (Tuncel Kurtiz) und Wagners Assistent Wolf (Andreas Mannkopff). Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT – Der Kommissar der Ausländerbehörde Wagner (Manfred Günther) verhört zusammen mit seinem Assistenten Wolf (Andreas Mannkopff) Osman (Tuncel Kurtiz). – V. li.: Wagner (Manfred Günther) Kommissar der Ausländerbehörde, Osman (Tuncel Kurtiz) und Wagners Assistent Wolf (Andreas Mannkopff). Bild: rbb

Michaelis fand es positiv, dass Polizeibeamte „endlich nicht einmal als allwissende Super-Männer idealisiert“ würden. Ferner sei es keine Verhöhnung,  wenn die Polizisten in der dem Bürger nur zu vertrauten Menschlichkeit (…) auch in ihrem Scheitern gezeigt würden, entgegnete Michaelis dem CSU-Politiker.

Es sei alles andere als ein “ein echter Skandal”, sondern ein Realismus, der auf die Dauer mehr Sympathie für die Polizei weckt als die kalte Unpersönlichkeit fixer Kombinierer und ewig strahlender Stadt-Sheriffs, mit denen viele andere Krimis langweilen“, so Michaelis in „Bitte nicht soviel Angst“ (ZEIT-Ausgabe 48 vom 21.11.1975).

“Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage” – Jagd auf Türken

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT - Arkan (Erdal Merdan), Schwager des Toten und Zeuge des Unfalls, flüchtet. Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT – Arkan (Erdal Merdan), Schwager des Toten und Zeuge des Unfalls, flüchtet. Bild: rbb

Tatsächlich ist die Darstellung der Berliner Polizei in TOD IM U-BAHNSCHACHT aber mindestens als „unglücklich“ zu bezeichnen. Im Tatort nach dem Drehbuch von Peter Stripp und der Regie des kürzlich verstorbenen Regisseurs Wolf Gremm geht es um illegal eingewanderte Türken in Berlin, die von der Ausländerpolizei aufgespürt, ergo: gejagt, werden.

Während der Bauarbeiten in einem Berliner U-Bahnschacht wird aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen ein türkischer Schwarzarbeiter tödlich verletzt. Der Bauunternehmer Kaiser will dies mit aller Macht vertuschen, die übereifrig und ungeschickt agierenden Polizisten verschulden im Laufe der Ermittlungen noch einen weiteren Todesfall.

Klischeehaft: Das Bild der Ausländer

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT - Osman (Tuncel Kurtiz) Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT – Osman (Tuncel Kurtiz) Bild: rbb

Neben der Brutalität, mit welcher die Unfallszene gezeigt wurde, war die Darstellung der Ausländer an sich ein weiterer Kritikpunkt an dem Film. Und dazu passt auch, dass im Vordergrund der späteren Polizeiaktionen bei einer Geiselnahme nur die Rettung der deutschen Geisel stand und offenbar beteiligte Ausländer (=der Geiselnehmer) völlig unwichtig waren. Auch was nach dem finalen Desaster folgt, bleibt offen – die Polizisten verdrücken sich wortlos, die Ausländer bleiben hilflos zurück.

Überhaupt wird in dem Film an einigen Stellen mindestens „unfreundlich“ über Ausländer bzw. Türken gesprochen, einige Sätze sollten zudem wohl betont zweideutig ausgelegt werden können. Ferner sprechen die Polizisten die Türken bewusst mit „Du“ oder „Alter“ an und behandeln sie respektlos wie Personen zweiter Klasse. Sämtliche Klischees und Verkürzungen der damaligen Zeit über Ausländer fanden in TOD IM U-BAHNSCHACHT ihren Platz. Im Raum stand auch der indirekte Vorwurf an die Berliner Polizei, ausländerfeindlich zu sein.

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT Bild: rbb

Und so reagierte nicht nur Franz-Josef Strauß, sondern auch das Publikum teils empört. Die Tatort-Redaktion des Sender Freies Berlin (SFB) unter der Leitung von Hans Kwiet ließ TOD IM U-BAHNSCHACHT fortan im Giftschrank einstauben und wiederholte ihn 17 Jahre nicht.

Erst 1992 wurde der Film für eine Wiederholung freigegeben. Diese lief am 14. April 1992 in 1Plus, eine weitere am 14. August 1995 im Ersten Programm.  Weitere Wiederholungen in anderen Dritten Programmen, damals schon übliche Praxis unter den ARD-Landesrundfunkanstalten, bleiben aus – bis heute.

Rezeption: Von „spannungsarm“ über „verworren“ bis „uninspiriert“

Die Kritik vieler Fans, teilweise nachzulesen in der Tatort-Rangliste, reicht von „ziemlich lächerlich“, „skurril“ über „Schrott“ bis „unfassbar schlecht“. Die vor Klischees triefende Handlung wird von den meisten Fans als sehr negativ hervorgehoben, ferner wird der Tatort mit weiteren Attributen wie „spannungsarm“ „verworren“, „uninspiriert“ und „miserabel“ klassifiziert, schlicht als „Trash“ abgetan. TOD IM U-BAHNSCHACHT belegt auch heute noch einen der letzten Ranking-Plätze der über 1080 Tatort-Folgen bei den eingefleischten Fans.

“Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage” – Einer der 5 verstaubtesten Tatort-Folgen

Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT - Martin Hirthe als Kommissar Martin Schmidt. Bild: rbb
Tatort TOD IM U_BAHNSCHACHT – Martin Hirthe als Kommissar Martin Schmidt. Bild: rbb

Über 23 Jahre liegt die letzte Ausstrahlung von TOD IM U-BAHNSCHACHT zurück. Die Wiederholung am 30. Dezember 2018 im rbb-Fernsehen ist somit eine der wenigen Möglichkeiten, sich den als Zeitdokument wichtigen Tatort wieder (oder erstmals) anschauen zu können. Bis dahin gehörte TOD IM U-BAHNSCHACHT zu den 5 verstaubtesten Tatorten, also zu den am längsten nicht wiederholten Tatorten.

Neue Fassung in HD-Qualität – bald auf DVD?

Fürs Programm 2018 hat der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) weitere 11 alte Tatorte des SFB restaurieren und digital aufbereiten lassen. BIldmontage: rbb/WDR
Fürs Programm 2018 hat der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) weitere 11 alte Tatorte des SFB restaurieren und digital aufbereiten lassen. BIldmontage: rbb/WDR

Nun hat der Berliner ARD-Sender den und 26 andere Tatorte aus dem Bestand des ehemaligen Sender Freies Berlin (SFB) komplett neu restaurieren lassen und jeweils eine HD-Fassung herstellen lassen. Wichtig war es den Senderverantwortlichen dabei vor allem, den Originalzustand der Filme beizubehalten bzw. wiederherzustellen. Zugleich wurde auch eine neue Videotextfassung hergestellt.

Die unter dem Titel “Tatort-classics” restaurierten und gesendeten Folgen wurden im Jahr 2017 und 2018 im Dritten Programm des rbb ausgestrahlt. Über eine Veröffentlichung der Folgen auf DVD denke der Sender derzeit nach, wie es auf Anfrage des TATORT-FUNDUS heißt, aber noch sei nichts entschieden.

Als letzte und wohl am stärksten von Fans erwartete Folge der “Tatort-Classics” zeigte das rbb-Fernsehen TOD IM U-BAHNSCHACHT in der Nacht vom 29. Dezember auf den 30. Dezember um 0.50 Uhr.