ARD stört(e) sich an der Erzählerfigur beim Luzerner TATORT

1063. Tatort-Folge DIE MUSIK STIRBT ZULETZT

Der Luzerner TATORT habe “Testvorführungen” in Deutschland nicht bestanden, hieß es vor einigen Wochen im Boulevard-Blatt BILD. Der Schweizer Sender SRF dementierte. Er bezog sich auf interne Diskussionen, die der neueste Luzerner Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT ausgelöst hatte. Was genau der Grund war, blieb aber offen.  In einem SRF2-Interview erklärte Regisseur Dani Levy nun, woran sich die ARD beim One-Take-TATORT aus Luzern störte – offenbar an der Erzählerfigur!

Mit der Erzählerfigur im Luzerner One-Shot-TATORT DIE MUSIK STIRBT ZULETZT, habe sich die ARD “sehr schwer getan”, sagte Regisseur Dani Levy in der SRF2 Hörfunksendung “Kontext” am vergangenen Dienstag. Levy über den Vorwurf aus der ARD: Er demontiere den geliebten TATORT, er zerstöre ein Denkmal und schieße “auf ihr geliebtes Kind” – den TATORT.

Im Fokus: die Erzählerfigur

Im neuen TATORT aus Luzern wendet sich die Erzählerfigur Frank Loving immer wieder an den Zuschauer. Dies “provokant und auch fordernd”, so Levy. Die Figur des Frank Loving spricht über die “vierte Wand” den Zuschauer mehrfach direkt an. Er nennt und erklärt medientypische Film- und Fernsehgesetze und damit auch TATORT-“Regeln” bzw -Gebote und thematisiert ihn selbstreferenziell.

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT<br /> Andri Schenardi als «missratener» Sohn, Franky Loving, der zugleich als Erzählerfigur regelmäßig mit dem Zuschauer spricht. Bild: SRF/ Pascal Mora
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT
Andri Schenardi als «missratener» Sohn, Franky Loving, der zugleich als Erzählerfigur regelmäßig mit dem Zuschauer spricht. Bild: SRF/ Pascal Mora

So empfiehlt er in einer Szene dem Zuschauer, jetzt sei ein guter Moment für eine Pinkelpause gekommen (übrigens: in der 53. Minute). Oder er mokiert sich in einem Moment über Drehbuchautoren und Regisseure, die in einer Szene “auf Spannung machen”. Im Hinblick auf die verbleibende Sendezeit von 3 Minuten erklärt er dem Zuschauer kurz vor Schluss das “TATORT-Gebot”, dass im Fernsehen niemand im Moment des Sterbens gezeigt werden dürfe.

Auch eine Erzählerfigur sei “Ausdruck modernen Fernsehens”

Schon 2014 hatte es in einem TATORT nach Shakespeare-Vorlage einen Erzähler gegeben: Nämlich in der preisgekrönten Folge IM SCHMERZ GEBOREN mit Ulrich Tukur im hessischen Wiesbaden.

Die Figur des Erzählers im Luzerner TATORT war für den Regisseur Levy wichtig, um die shakespearehafte Konstellation der Milliardärsfamilie Loving zu erzählen. Diese habe “ganz schön Dreck am Stecken”, so Levy. Er habe sie auch bewusst nicht mit einer Sympathiefigur besetzt.

Tatort - DIE MUSIK STIRBT ZULETZT<br /> v.l.n.r. Delia Mayer, Regisseur Dani Levy und Stefan Gubser. Regisseur Levy will mit einer Erzählerfigur auch "modernes Fernsehen" machen und findet, das so etwas auch im "Deutscher-Schweizer-TATORT" möglich sein muss . Copyright: SRF/ Daniel Winkler
Tatort – DIE MUSIK STIRBT ZULETZT
v.l.n.r. Delia Mayer, Regisseur Dani Levy und Stefan Gubser. Regisseur Levy will mit einer Erzählerfigur auch “modernes Fernsehen” machen und findet, das so etwas auch im “Deutscher-Schweizer-TATORT” möglich sein muss . Copyright: SRF/ Daniel Winkler

Für Levy sei es sehr reizvoll gewesen, einen TATORT-Film zu machen, der die TATORT-Reihe auch mal hinterfragt, denn das gehöre in die heutige Zeit, sagte er in der SRF2-Sendung.

“Lust an Provokation”

Er sprach sich dafür aus, das Publikum nicht unnötig zu schonen und es stattdessen auch mit einer solchen provokanten Erzählerfigur zu fordern. Das Publikum habe durchaus ein hohes Abstraktionsvermögen und auch Lust an solchen Provokationen oder “philosophischen Metaebenen”.

Dies könne man zwar aus Geschmacksgründen ablehnen, nicht aber aus “philosophischen Gründen”, sagte Levy. Sonst sei “man hinterm Berg”, so der Regisseur weiter. Denn die Erzählerfigur sei auch Ausdruck “modernen Fernsehens”. So etwas dürfe nicht nur bei “House of Cards” oder anderen Serien laufen. Das müsse auch im “Deutsch-Schweizer-TATORT” möglich sein, so Levys Forderung.

ARD will weniger TATORT-Experimente

Im letzten Herbst kam heraus, dass die ARD-Fernsehfilm- und die Programmkoordination Das Erste die Zahl experimenteller TATORTe auf zwei jährliche Ausgaben begrenzen wolle. Zu solchen “experimentellen” TATORTen dürfte auch der neue Luzerner Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT ARD-intern zählen.

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, äußerte sich im dpa-Interview auch zu TATORT-Highlights, zu Experimenten und zur Sommerpause, Bild: ARD/WDR/Herby Sachs
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, äußerte sich im dpa-Interview auch zu TATORT-Highlights, zu Experimenten und zur Sommerpause, Bild: ARD/WDR/Herby Sachs

Sonst läuft ein Luzerner TATORT immer auch schon in der ersten Jahreshälfte. Die Ausstrahlung des im schon letzten Sommer gedrehten TATORT war offenbar auch wegen der internen Diskussionen lange hinausgezögert worden. Insider sehen in der Programmierung für den ersten August-Sonnta auch die Absicht, diesen Film im quotenschwachen Sommer “zu versenden”, ihn quasi zu verstecken. Schon vor vier Wochen war die TV-Premiere des Schweiger-Kino-TATORT TSCHILLER – OFF DUTY auf einem unattraktiven Sommer-Termin gezeigt worden.

ARD-Programmdirektor Volker Herres hatte erklärt, man zeige den Film Anfang August, weil dort auch das reale Luzerner Kultur-Sommer-Festival stattfinde.

Sommerprogramm: Traditionell schwache Quoten

TATORT-Sommerpausen enden traditionell eher Ende August. Erstmals endet sie im Jahr 2018 aber schon Anfang des Monats. Doch schon am Folgesonntag ist wieder Pause auf dem Krimi-Sendeplatz zur Primetime und der nächste TATORT läuft auch erst am 26.August.

TATORT-Erstsendungen im Juli und August haben in aller Regel auch deutlich geringere Einschaltquoten, meist unter 6 Mio. Zuschauern. Nach Programmdirektor Herres werde im Sommer rund 25% weniger Fernsehen geschaut.

Zur Programmierung des Luzerner Sendetermins äußerte sich Regisseur Dani Levy im Interview nicht.