1000 TODE: SWR sendet Wiederholung eines skandalisierten Tatorts

SUIZID-FOREN IM INTERNET ALS THEMA DES TATORT

Am 3. November sah so die Titelseite der BILD AM SONNTAG aus: Eine klare Warnung, sich den TATORT anzuschauen
Am 3. November sah so die Titelseite der BILD AM SONNTAG aus: Eine klare Warnung, sich den TATORT anzuschauen

1000 TODE: Dieser Bodensee-Tatort zählt für viele zu den „Skandal“-Tatorten. Nur selten wird eine Wiederholung dieses skandalisierten Tatorts gesendet. Experten warnten damals via Boulevardpresse vor der Ausstrahlung, die BILD AM SONNTAG empfahl: „Heute nicht Tatort gucken!“. Was war da los? 

Oft ist ja gerade die Empörung der BILD ein Indiz dafür, wie aktuell und relevant ein Thema ist. Nebenbei dürfte 1000 TODE auch einer der ersten Tatorte sein, die sich mit kriminellen Geschehnissen im damals noch jungen Internetzeitalter befassten und die Herausforderung annahmen, das auch visuell ansprechend zu erzählen.

1000 TODE: SWR sendet Wiederholung eines skandalisierten Tatorts – der Inhalt

Doch erstmal der Reihe nach – der Plot: Das junge Mädchen Manu schwimmt tief in der Nacht in die Mitte des Bodensees. Manus Eltern finden einen Abschiedsbrief. Klassischer Selbstmord eines Teenagers? Klara Blum hat Zweifel. Da die Leiche des Mädchens nicht gefunden wird, geht sie anderen Spuren nach. Warum kaufte sich Manu einen Tag vor ihrem vermeintlichen Suizid eine Stirnlampe? Warum hat sie all ihre E-mails gelöscht?

Tatort 1000 TODE: Manu (Alexandra Schalaudek) wartet am Konstanzer Hafen bis der richtige Zeitpunkt für ihren Selbstmord gekommen ist. Zu den Vorbereitungen hat auch gehört, sich noch einmal richtig schön zu machen. ©SWR/ Hollenbach
Tatort 1000 TODE: Manu (Alexandra Schalaudek) wartet am Konstanzer Hafen bis der richtige Zeitpunkt für ihren Selbstmord gekommen ist. Zu den Vorbereitungen hat auch gehört, sich noch einmal richtig schön zu machen. ©SWR/ Hollenbach

Manus Freundin Nicole wahrt ein Geheimnis. Sie liefert den Schlüssel zu einem Ort, den es gibt und doch auch nicht gibt: Das World Wide Web in seiner furchtbaren Variante. Es geht um ein Geschäft mit dem Tod. Und langsam erkennt Klara, dass die vernetzte Welt der Voyeure nicht fernab spielt, sondern in ihrer unmittelbaren Umgebung. Ein Albtraum wird Realität an den Ufern des Bodensees.

1000 TODE: SWR sendet Wiederholung eines skandalisierten Tatorts – Die Wellen medialer Empörung

In dem zweiten Bodensee-Tatort hatte es Kommissarin Blum mit Internetchats, suizidwilligen Jugendlichen und einem bösen, ehemaligen Lehrer zu tun. Der sucht im Netz suizidwillige Mädchen und lockt sie in ein Verlies, wo er sie dann zwingt, sich vor laufender Kamera das Leben zu nehmen. Die Filme stellt er dann ins Netz. Die durchaus düstere Stimmung des Films passte auch zur Jahreszeit der Erstausstrahlung. Und pünktlich zur Ausstrahlung schlugen nicht nur die Wellen des Bodensees etwas heftiger, sondern auch die Wellen der (medialen) Empörung höher.

Der Tatort 1000 TODE wurde vom 23.Oktober bis 29. November 2001 in Konstanz, Rastatt, Baden-Baden und Umgebung als SWR-Eigenproduktion gedreht. Die Redaktion im Sender hatte Saksia von Sanden, als Produzent fungierte Ulrich Herrmann, der heutige Leiter der SWR-Tatort-Redaktion. Der Arbeitstitel der Folge lautete TODESNETZ. Der Sendetitel 1000 TODE bezieht sich auf ein schweizer Suizidforum (1000Tode.CH), das im Film eine wichtige Rolle spielt.


Ursprünglich wollte der SWR die Folge am 28. April 2002 zeigen, kurz nach Eva Mattes Premiere als Kommissarin in der Folge SCHLARAFFENLAND, der die 500. Jubiläumsfolge werden sollte. Doch die Programmplanungen wurden geändert und so kam 1000 TODE mit reichlich zeitlichem Abstand zur Premiere im dunklen Herbst des Jahres 2002 zur Erstausstrahlung.  Im Sommer 2002 wurde der Tatort zudem auf das Münchner Filmfest eingeladen und feierte dort seine Welturaufführung.

…..die besorgten Medien und die hinweisenden Experten

In der BILD AM SONNTAG äußerten sich Experten, die vor der Ausstrahlung warnten. BamS titelte: „Heute nicht Tatort gucken!“. Um im Artikel selbst etwas sachlicher zu fragen: „Gefährdet dieser Tatort das Leben sensibler Zuschauer?“ BamS bemängelte an dem „Schocker“, dass er nicht im Nachtprogramm lief, sondern auch „an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist.“  Gemeint waren Szenen mit blutig verschmierten Händen, aufgeschnittenen Pulsadern, Strangulationsversuchen etc. Tatsächlich ist der Film an einigen Stellen eindringlich inszeniert.

Die BamS machte eine Doppelseite zum Thema Suizid. Neben älteren TATORT-"Skandalen" gab es auch einen Rückblick auf die ZDF-Sendung "Tod eines Schülers" von 1981. In der tötet sich der Protagonist mit einem "Eisenbahn-Selbstmord". Nach der Ausstrahlung habe diese Selbsttötungsart um 175% zugenommen, behauptete die BILD-Zeitung.
Die BamS machte eine Doppelseite zum Thema Suizid. Neben älteren TATORT-„Skandalen“ gab es auch einen Rückblick auf die ZDF-Sendung „Tod eines Schülers“ von 1981. In der tötet sich der Protagonist mit einem „Eisenbahn-Selbstmord“. Nach der Ausstrahlung habe diese Selbsttötungsart um 175% zugenommen, behauptete die BILD-Zeitung.

Als Experten führte das Blatt u.a. Hans Essers an, einen Göttinger Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, der die drastischen Darstellungen verurteilte, weil sie nicht nur zu „Angstträumen“ führten, sondern auch bei „instabilen Jugendlichen die Todessehnsüchte verstärken“ könnten.

Auch Heidemarie Mundlos, damals Bundesvorsitzende des Deutschen Elternvereins forderte sofort eine stärkere Zensur fürs Fernsehen. Mundlos in BamS: „Diese brutalen Szenen haben in einem Sonntagabend-Krimi nichts zu suchen!“

Und auch Gerd Engels, damals Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz kritisierte etwas allgemeiner, dass „gerade im Tatort immer wieder Szenen vorkommen, die für junge Menschen nicht geeignet sind.“

Wenige Stunden vor der Ausstrahlung des TATORTs 1000 TODE haben sich in Berlin tatsächlich zwei Jugendliche getroffen, um sich umzubringen.
Wenige Stunden vor der Ausstrahlung des TATORTs 1000 TODE haben sich in Berlin tatsächlich zwei Jugendliche getroffen, um sich umzubringen.

Der Kommunikationspyschologe Frank Naumann attestierte solchen Szenen in BamS, dass sie für todessehnsüchtige Menschen nicht abschreckend wirken würden, sondern das Gegenteil bewirken könnten: Sie würden Stoff zur Nachahmung liefern und gefährdete Kandidaten in ihrem Ziel bestätigen.

Nachahmer wie bei ZDF-Serie?

Damit könnte Naumann die ZDF-Serie TOD EINES SCHÜLERS vor Augen gehabt haben, wo sich der junge Protagonist mit einem „Schienen-Suizid“ das Leben nahm. Das fand 1981 sehr viele reale Nachahmer, eine regelrechte Selbstmordwelle unter Jugendlichen. Laut einer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim über den Zeitraum von 70 Tagen nach Erstausstrahlung ausgewerteten Studie stieg die Suizidhäufigkeit im Bahnbereich bei 15- bis 19-jährigen männlichen Jugendlichen um 175 %. Eine vom Sender in Auftrag gegebene Studie konnte einen Zusammenhang mit der Ausstrahlung aber nicht belegen.

Tragischerweise haben sich wenige Stunden vor der Erstsendung von 1000 TODE – am Tag der Erstsendung, dem 3. November 2002 – im Berliner Grundwald zwei Jugendliche getroffen, um gemeinsam zu sterben: Ein 16-jähriger Junge aus Baden-Württemberg und eine 21-jährige Berlinerin. Der Junge erschoss die junge Frau, dann anschließend sich selbst. Sie kannten sich vorher nicht und hatten sich übers Internet kennengelernt und nur getroffen, um gemeinsam zu sterben.

1000 TODE: SWR sendet Wiederholung eines skandalisierten Tatorts – keine jugendgefährdende Inhalte, ein „lebensbejahender Film“

BILD.DE: Damals sah der Online-Auftritt deutlich anders aus, aber die Schlagzeile der Print-Ausgabe fand sich natürlich zeitgleich auch auf der Website.
BILD.DE: Damals sah der Online-Auftritt deutlich anders aus, aber die Schlagzeile der Print-Ausgabe fand sich natürlich zeitgleich auch auf der Website.

Der Südwestrundfunk (SWR) wies die Kritik zurück und negierte „jugendgefährdende Inhalte“. Sprecherin Gabi Schlattmann erwiderte damals, die Botschaft sei, „dass man Jugendlichen zuhören und auf sie eingehen müsse“. Der Sender diskutiere jedes gesellschaftlich relevante Thema vorher ausgiebig. Zudem werde die Medienkompetenz der Jugendlichen von Erwachsenen meist unterschätzt, sagte Schlattmann weiter.

Auch Darstellerin Eva Mattes wies die Kritik zurück und sah in 1000 TODE einen lebensbejahenden Film. Selbstmord werde in dem Tatort „wirklich nicht glorifiziert“. Gleichzeitig lässt sich Mattes in BamS aber zitieren, dass sie diese Szenen ihrem 13-jährigen Sohn nicht zumuten wolle: „Die Darstellungen seien einfach zu realistisch“.

Kein Voyeurismus

Tatort 1000 TODE: Klara Blum (Eva Mattes) ist in den nächtlichen See geschwommen, genau wie die vermisste Manu, weil sie hofft, so den Täter zu stellen. © SWR/Hollenbach
Tatort 1000 TODE: Klara Blum (Eva Mattes) ist in den nächtlichen See geschwommen, genau wie die vermisste Manu, weil sie hofft, so den Täter zu stellen.
© SWR/Hollenbach

Der damalige Produzent und heutige Tatort-Redaktionsleiter Ulrich Herrmann betonte, man habe damals besonderen Wert darauf gelegt, dass die Szene des Selbstmordes keinen voyeuristischen Inhalt habe. Bewusst habe man die Szene über die sprachlose und schockierte Kommissarin erzählt.

Herrmann verwies darauf, dass die Drehbuchautorin Dorothee Schön sich habe wissenschaftlich und kompetent beraten lassen. Schön selbst befand, der Tatort sollte jugendliche Internet-Nutzer mißtrauischer gegen Selbstmord-Foren im Internet machen.

1000 TODE: SWR sendet Wiederholung eines skandalisierten Tatorts – Reale Vorlage

Auslöser für die Idee zu diesem Tatort war für Schön ein großer Bericht in DER SPIEGEL zu Suizidforen, wo auch die Fälle von Jugendlichen beschrieben waren, die sich tatsächlich umgebracht haben. Suizid im Internet sei ein sehr ambivalentes Thema. Denn viele suizidwillige Menschen könnten durch andere Menschen im Netz zwar aufgefangen werden, aber es habe auch Fälle von tatsächlichem Suizid gegeben, so Schön.

Gerade für Jugendliche haben Suizidgedanken etwas Faszierendes, wenn man sich unverstanden und einsam fühle, so Dorothee Schön in einem Interview zur Folge 1000 TODE. Schön: „Und das Gefühl, die anderen zu schocken, aufzurütteln, indem man sich etwas antut, ist auch ein ganz bekanntes Phänomen. Da muss man gar nicht das Internet bemühen. Schon Goethes Werther hat dieses Lebensgefühl ausgedrückt. Es geht für viele in diesem Alter emotional ums Ganze.“

Dorothee Schön hatte die Idee zum Tatort 1000 TODE nach der Lektüre eines SPIEGEL-Artikels über Jugendliche, die sich im Internet in Suizidforen treffen. Bild: Rowohlt
Dorothee Schön hatte die Idee zum Tatort 1000 TODE nach der Lektüre eines SPIEGEL-Artikels über Jugendliche, die sich im Internet in Suizidforen treffen. Bild: Rowohlt

Einblicke in die realen Ermittlungen hatte die Autorin Schön nach Gesprächen mit Mitarbeitern des Bundeskriminalamtes (BKA) bekommen. Die Schwierigkeit für sie als Autorin bestand darin, das „unfilmische“ und technisch hochkomplizierte, abstrakte Thema für den Zuschauer „sinnlich“ und „erfahrbar“ zu machen. Sie berichtet, dass sie viel Arbeit und Schweiß investiert habe,  daraus eine dramatische und filmische Geschichte zu machen, „bei der nicht nur ständig Leute vor dem Computer sitzen.“

1000 TODE: SWR sendet Wiederholung eines skandalisierten Tatorts – Visuelle Umsetzung

Die visuelle Umsetzung des Regisseurs Jobst Christian Oetzmann bezeichnete Dorothee Schön als eine große Herausforderung und als „gelungen.“ Auch Produzent Ulrich Herrmann lobte 2002 im Pressedossier zum Film den Regisseur Oetzmann – allerdings NUR Oetzmann. Dieser habe einen „authentischen, herausragenden Thriller“ gemacht und „der große, anerkennende Zuspruch sei seiner Leistung zu verdanken“, so Herrmann.

Jobst Oetzmann (Mitte, Regie) mit dem Kamerateam am Set von Dreharbeiten zu einem BR-TATORT, Bild:BR
Jobst Oetzmann (Mitte, Regie) mit dem Kamerateam am Set von Dreharbeiten zu einem BR-TATORT, Bild:BR

16 Jahre später, in Zeiten von Kontrakt18, wo Drehbuchautoren auf Anerkennung und Gleichstellung beim Herstellungsprozess eines Filmes pochen, liest sich dies geradezu als Bestätigung für ihr Tun und ihre Kampagne. Es gilt immer noch: Ohne Autoren gab und gibt es keinen Film. Die Qualität von 1000 TODE nur auf den Regisseur zu reduzieren, wie Herrmann es in seinem Statement macht, wird dem Film sicher nicht gerecht.

Denn nicht nur die Inszenierung Oetzmanns macht den Film so stimmungsvoll, düster und fesselnd, sondern auch der gut recherchierte und dramaturgisch gut aufbereitete Plot durch Dorothee Schön. Überhaupt: Es haben alle Gewerke an diesem Film Höchstleistungen vollbracht.

Für 1000 TODE: Deutscher Kamerapreis für Jürgen Carle

Diesbezüglich ist auch die Kamera von Jürgen Carle zu erwähnen. Er hatte ein Jahr später für die Arbeit am Tatort 1000 TODE den Deutschen Kamerapreis erhalten. Die Jury befand, dass Carle für ein heikles Thema und eine suggestive Geschichte in 1000 TODE intensive Bilder fand. In ihrer Begründung urteilt die Jury: „Jürgen Carle ist in diesem Tatort – entgegen den oft engen Vorgaben dieses speziellen Genres – stilsicher, engagiert und inspiriert eigene Wege gegangen und hat die Doppelbödigkeit jugendlicher Fantasien zwischen dem Verlangen nach Nähe und ihrer Erfüllung im Tode organisch in das kriminalistische Umfeld eines Tatorts integriert. Die Jury hat hier, trotz stärkster Konkurrenz, der inspirierten Arbeit eines noch jungen Kameramanns den Vorzug gegeben.“

Am 25. Juni 2003 erhielt Jürgen Carle für den Tatort 1000 TODE den Deutschen Kamerapreis. Der Preis geht an Kamerafrauen, Kameramänner, Cutterinnen und Cutter im Scheinwerferlicht, Bild: WDR/Klaus Gärgen
Am 25. Juni 2003 erhielt Jürgen Carle für den Tatort 1000 TODE den Deutschen Kamerapreis. Der Preis geht an Kamerafrauen, Kameramänner, Cutterinnen und Cutter im Scheinwerferlicht, Bild: WDR/Klaus Gärgen

Carle selbst sagte: „Ich hoffe, wir haben durch das Bemühen, stilistisch andere Wege zu gehen, auch erreicht, dass dieser Film innerhalb des großen Angebots an Tatorten als Einzelstück in Erinnerung bleibt.“

Jürgen Carle ist seit 1992 als Kameramann beim Südwestfunk/Südwestrundfunk tätig und konzentriert sich nach zahlreichen Dokumentarfilmen und Features in den letzten Jahren zunehmend auf den szenischen Film. Er arbeitete u.a. mit den Regisseuren Hartmut Schoen, Jürgen Bretzinger, Richard Huber, Thomas Bohn oder – wie bei 1000 TODE – mit Jobst Christian Oetzmann zusammen.

Zuschauerreaktionen – SWR: „Positives Echo auf 1000 TODE“

Bei den Zuschauern überwogen die positiven Meinungen zu der Darstellung im Film, sagte SWR-Sprecherin Schlattmann nach der Ausstrahlung. Die Reaktionen reichten von „super toll“ bis zu „Gratwanderung bei einzelnen Szenen“. Es habe weit mehr positive als negative Anrufe und E-mails von Zuschauern gegeben, so Schlattmann gegenüber der dpa. Das Echo zu dem Film sei „durchschnittlich“ gewesen, so die SWR-Sprecherin weiter.

Tatort 1000 TODE: Manu (Alexandra Schalaudek) ist au§er sich. Sie vermutet, dass ihr Entführer sich hinter dem Computer befindet und schreit ihm ihre Wut entgegen. © SWR/Schweigert
Tatort 1000 TODE: Manu (Alexandra Schalaudek) ist au§er sich. Sie vermutet, dass ihr Entführer sich hinter dem Computer befindet und schreit ihm ihre Wut entgegen. © SWR/Schweigert

Reaktionen der Fans

Im Jahr 2002 waren Zuschauerreaktionen nur selten öffentlich und ungefiltert zu bekommen. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Instagram gab es noch nicht. Doch Fans des Tatorts waren schon in der Tatort-Rangliste organisiert und bewerteten und kommentierten dort den Film. Dieser kommt recht gut weg und befindet sich derzeit (August 2018) – 16 Jahre nach seiner Erstsendung  – im oberen Drittel der All-Time-Bestenliste der Tatort-Folgen, auf Platz 318 – von derzeit über 1070 Tatorten.

Wesentlicher Pluspunkt war für viele Fans die Spannung und das gute und interessante Thema an sich. Einige hoben die düstere Atmosphäre hervor, die die Nachtaufnahmen am Bodensee vermittelt hatten. Tatsächlich war Darstellerin Eva Mattes dafür um 5 Uhr morgens bei klirrender Kälte in den Bodensee gegangen.

Der eindrückliche Film sei „stark“ (User ssalchen)  gewesen und werde noch lange im Gedächtnis bleiben (User diver). Für den User Schimanskis Jacke serviert der SWR einen „Psycho-Thriller vom feinsten“. Kritische Fans fanden den Film beispielsweise „hysterisch und übertrieben“ (User non-turbo) oder bezeichneten die dargestellte Jugendkultur als „naiv“ (User Exi).

Der Alleingang der Kommissarin und einige Ermittlungsschritte wurden überwiegend als „unrealitisch“ empfunden. Trotzdem kommt 1000 TODE bei nur 107 Bewertungen auf einen ordentlichen 318. Platz in der Tatort-Rangliste. Die verhältnismäßig wenigen Bewertungen könnten damit zusammenhängen, dass der Film bisher auch relativ selten im Fernsehen wiederholt wurde.

Ein „versteckter“ Tatort – Nur wenige TV-Wiederholungen

Auch andere Zeitungen empoörten sich über den TATORT vom Bodensee, hier die Abendzeitung.
Auch andere Zeitungen empörten sich über den TATORT vom Bodensee, hier die Abendzeitung.

Tatsächlich gehört 1000 TODE zu den selten wiederholten Bodensee-Tatorten mit Eva Mattes als Kommissarin Blum. Insgesamt wurde er seit 2002 bisher nur 5 mal wiederholt, die Wiederholung Ende August 2018 ist die 6. Wiederholung insgesamt.

Es darf angenommen werden, dass dies z.T. auch auf interne Kritik im SWR – angeblich durch den damaligen Intendanten Prof. Peter Voß – oder/und eine gewisse programmplanerische Vorsicht nach den Reaktionen der Erstausstrahlungen zurückzuführen ist.

Im SWR-Fernsehen wurde diese Folge erst 11 Jahre nach der Erstausstrahlung erstmals wiederholt, nämlich am 2. Oktober 2013 – lange Zeit nach dem Weggang des Intendanten. Die Erstwiederholung von 1000 TODE lief am 28. August 2006 im NDR-Fernsehen, also fast 4 Jahre nach Erstausstrahlung. Auch das stellt eine ungewöhnlich lange Zeitspanne dar.

Noch ungewöhnlicher aber ist: bisher gab es noch keine Wiederholung im Ersten Programm. Die ist sonst üblich und die Regel. 1000 TODE lief aber nicht mehr im Ersten nach seiner Erstausstrahlung, ist also die Ausnahme von der Regel, die sie bestätigt. Hier muss mit Vorsatz in der Koordination Fernsehspiel und Programmdirektion Das Erste diese Folge von der Wiederholung ausgenommen worden sein – welche Gründe und Bedenken das erklären (könnten), wäre sicher interessant zu erfahren.

Nach Ausstrahlung von 1000 TODE: Assistent-Darsteller steigt aus

Ercan Özcelkik als Assistent Isi im im Bodensee-Tatort an der Seite von Eva Mattes. Das Gastspiel beschränkte sich nur auf 3 Folgen. Bild: © SWR/ Hollenbach
Ercan Özcelkik als Assistent Isi im im Bodensee-Tatort an der Seite von Eva Mattes. Das Gastspiel beschränkte sich nur auf 3 Folgen. Bild: © SWR/ Hollenbach

Nur zwei Wochen nach der Erstausstrahlung von 1000 TODE beendete Ercan Özcelik – nach drei abgedrehten Tatort-Folgen – seine Mitarbeit im Bodensee-Tatort als Assistent Bülent Isi. Seine Rolle sei „geistig nicht mehr tragbar gewesen“ sagte er gegenüber dpa, das Drehbuch für die nächste Folge sei „einfach schlecht“.

Ferner hieß es auch, der Sender habe seine Gage drücken wollen, was Özcelik nicht akzeptieren konnte, wie er der BamS verriet. Özcelik spielte noch im dritten Bodensee-Tatort STILLER TOD mit und ebnete dann den Weg für Sebastian Bezzel als neuen, langjährigen Partner von Eva Mattes, der im fünften Film mit dem Titel BITTERES BROT, in die Bodensee-Serie einstieg.

1000 TODE: SWR sendet Wiederholung eines skandalisierten Tatorts – Einschaltquote

Die Einschaltquote bei seiner Erstausstrahlung lag bei 6,74 Mio und einem Marktanteil von 18,4 Prozent. Der Tatort errang an diesem Tag nicht den Tagessieg, wie für Tatort-Krimis oft üblich. Diesen heimste der US-Thriller SIXTH SENSE mit Bruce Willis bei ProSieben ein (19,9 Prozent Marktanteil).  Der Tatort 1000 TODE lief am 3. November 2002 noch gegen INSPECTOR GADGET (RTL), DIE GLÜCKSRITTER (SAT.1) und DER LIEBE ENTGEGEN (2. Teil, ZDF).

Fazit: Inwiefern die Warnung der BILD AM SONNTAG krimiaffine Zuschauer wirklich vom Einschalten abhielt, wird wohl nicht abschließend geklärt werden können. Ebenso wenig, wie viele suizidwillige von ihrem Ziel durch den lebensbejahenden Film möglicherweise auch abgehalten wurden.  Nicht wegdiskutiert werden kann, dass durch solche Filme Nachahmer aktiviert werden könnten, wie gerade im Beispiel des ZDF-Films von 1981. Und mindestens seltsam bleibt auch der Selbstmord der Jugendlichen in Berlin wenige Stunden vor der Fernsehausstrahlung.

Aber wer vor solchen Filmen warnt oder sie verhindern will, sucht immer nur die leichte Lösung.